bleibe bei dem, was Deine Seele nähren kann. Ich werde Dir bald allerlei Bücher schicken. Vor allem bewaffne Dich gegen jeden Missbrauch, den man von Deiner Zukunft machen könnte, gebe niemand auch nur das geringste davon in die hände. Lasse nur Dir selber die herrschaft in Deinem Gemüt, und lasse mich einen geringen Anteil dran haben, wir sind ja keine zwei! –
Adieu, Du edles geliebtes Kind.
Dein Clemens
Lieber Clemens!
Jetzt schreibe ich gleich weiter von allem, was ich über Deine Warnungssorgen vergessen hatte. Diese Frau hat mich in einem fortwährenden Schauerriesel erhalten, und denke Dir, während ich in die tür gelehnt sie ansah, verstummte sie oft mitten in ihrer Rede und sah sich nach mir um, keine Goldfrucht winkt lockender aus dem dunklen Grün als ihr lächelnder blick nach mir, ich fühlte mich beschämt. Bei der Heimfahrt nahm der eine ihrer Begleiter den Platz im Whiski ein, sie schwang sich mit selbstgefälliger Anmut aufs Pferd, sie grüsste mich, als wolle sie mir sagen: schwing dich auch aufs Ross, aus allem heraus, was dich beengt, komm, vertrau mir, ich will dir die Hand reichen. – Und fort war sie; und ich lief in den Garten und stieg auf die Pappel, wo hätt ich hingesollt, so sehnsüchtig in die Weite? – Auf dem Gaul die Abendlüfte durchsausen im Galopp! – Und hätt ich das gekonnt, mein ganz Glück würde ich darin finden und muss Dir alles sagen, was ich hierbei denke.
Man muss doch wohl wissen, was das Gegenteil ist von aller Verkehrteit, denn nur in dieses hinüber kann man sich vor ihr flüchten, und doch wenn sie mich wie Lüge und Gespensterwesen anschauderte und ich glaubte ihr Gegenteil, die Wahrheit, zu empfinden, so war keine Gewalt in mir dazu. Die erste Melancholie, die erste Träne, die wie eine Frage mir ins Gewissen fiel, war der Art. Ich ging einmal in so unklarer Stimmung über den Hühnermarkt in Frankfurt, auf einmal befand ich mich wie im Traum, aus einem Weltenraum in den andern hineingerissen, aus der kalten mit spazierengehenden Philistern besetzten Strasse unter die befiederten, also zur Freiheit geschaffnen Tiere. Die Tauben, die man im Abendschein in Herden die sonnevergoldeten Wetterfahnen der Kirchtürme umschwingen sieht, waren hier in schmutzige Körbe eingesperrt, wo sie ihr reines Gefieder besudelten bei kargem Futter. Und morgen sollten sie von der Hand und für den Magen eben dieser Philister geschlachtet werden, in denen nie ein Naturgefühl den Lebensreiz erhöht hatte. – Es machte mich traurig, ich fühlte mich hier besser und weniger beschämt als unter den Menschen. Diese Tiere sind ein Liebreiz der natur, sie haben Mut, sie schwingen den wolkenbringenden Winden sich nach in die Lüfte, und alle Lebensgeister in ihnen sind angefacht. So wie ich mich sehnte damals, mit den Tauben unter Gewittern die Türme zu umkreisen, so hätte ich gestern auf dem Gaul im Galopp dem gewohnten Schlendrian mich entreissen mögen. Ich hab es sehr deutlich gefühlt, was diese Frau voraus hat, dadurch dass sie so einem Reiz kann genügen. Freiheit fühlt sie in allen Gliedern auf dem Pferd, das sie zu lenken versteht, und wenn es sich bäumt und steigt und sie lässt so ruhig es gewähren, denn sie weiss, es wird sich gleich fügen, und jetzt ist sie aufgeregt durch einen Gedanken, so setzt sie dem Gaul die Sporen in die Seite, und er fliegt wie ihr Geist mit ihr zugleich dem entgegen, was sie erringen möchte. Ach, wie muss das die Kraft fördern Leibes und der Seele, wie muss das den Gedanken treiben, dass er gepanzert hervorspringt gleich und drein schlägt in den Begriff, und wie muss es das Herz heben, das Reiten? – Nur edlen Naturen gehört das Pferd, kein Vorsatz konnte mich bewegen, auch keine Vorstellung, keine Belehrung, keine christliche Moral irgend mich selber im Zaum zu halten, das Gute zu tun, das Böse zu lassen. Aber auf einem Pferd, da würde ich zu jeder kühnen Tat, auch noch im letzten Augenblick herangesprengt kommen, denn das würde genievolle Begeisterung in mir anregen. Was ist der Unterschied zwischen Gott und Menschen? – Dass in ihm alle Lebensreize wach sind, und aber im Menschen schlafen sie. – Er hebt das Haupt, der Mensch, weil ihm irgend etwas deucht, – er sucht seine Meinung, er glaubt sie gefunden zu haben; er passt sie den unbegriffnen Dingen an, die müssen sich danach zurechtsetzen lassen, und den nennt man einen Weisen, der das Ursprüngliche so lange verkehrt und das Göttliche durch Schein und Trug ersetzt, damit er sagen könne, von mir geht der Begriff aus. Und seinen verrückten Plänen fügt man sich denn, er sitzt tief im Philisterstuhl, aber von dem Feuer eines kühnen Pferdes träumt ihm nichts. Ebensowenig von der Wahrheit, die ein so lustiger und rascher Gaul ist, der über Stock und Stein hinaussetzt und ums Ziel siegend herum sich tummelt. Und da schreien die Leute über den Tollkühnen, der wie wahnsinnig über die Barriere sprengt, verbotne Wege reitet durch die gefahrvollen brausenden Wellen hinauf zum steilsten Ufer, gleich wird er verunglücken! Die Feigen wissen nicht, dass diese tollkühnen Sätze abgemessen sind nach ewigen Gesetzen der Begeisterung, sie sind gewagt, aber in ihrem Wagen liegt ihr Gelingen. Wär ich König, ich würde die Welt untertauchen und sie gereinigt aus den Zeitenwogen hervorgehen lassen