klirrenden Sporen, zwei Reiter, die ihn begleiten, treten mit ihm ein, ich war, ich weiss nicht wie, nicht warum, von Schrecken durchgriffen, dass ich vergass zu reden, und besann mich nicht, die Grossmama zu rufen, die im Garten war. Der Herzog fragte, wer da sei, ich deutete den Fremden an, er sei blind, und sagte: "C'est un jeune cavalier, Monseigneur, avec deux messieurs." "Au contraire c'est une femme," sagte der Jüngling und näherte sich. Der Herzog wusste gleich, wer sie war, denn er ergriff ihre Hand und äusserte ein sehr warmes Interesse. Ich lief in den Garten, die Grossmama zu holen. Die sagte gleich von Madame de Gachet einer Prinzess aus der Vendée, und bis wir ins Haus eintraten, schwindelte ihr der Kopf vor Begeistrung. Ich besann mich unterdessen und wollte gern unbefangner Zuschauer sein. Hinter der Tür vor der Grossmama ihrem Schreibzimmer blieb ich stehen, wo ich einst schon Herder, Boonstedten, Friderike Brunn, die Krüdner und andere närrische Erscheinungen berühmter Leute angestaunt hatte. Es war ein Verbeugen und Neigen der beiden Frauen und ein Beteuern, und ich hätte gern alles behalten, um Dir's zu erzählen, es war ein zu gross Geschwirr von lauten Stimmen; ich konnte nur den Herzog verstehen, der zu ihr sagte: "Vous êtes la plus respectable des ennemies de la France", sie nannte die assemblée nationale, 'le dépôt de la confience de tout un peuple', und redete, als ob sie die Welt erneuere. "Le peuple n'est plus livré aux intrigues de cour ni aux incertitudes ministerielles", und meinte, damit sei ihr ganzes tragisches Schicksal ausgewetzt, und dann sprachen sie über Krieg zu wasser und zu Land, von Vaisseaux de guerre und Kavallerie und Infanterie, und sie redete davon, als wär sie bei allen Schlachten mitgewesen.
Liebster Clemens, wenn Du mir freundlich bist, dann bin ich, wo nicht ruhig, doch zufrieden. Ruhig sein heisst bei mir die Händ in den Schoss legen und sich auf den Kindchesbrei freuen, den wir heute abend essen. Ruhig sein kann ich nicht, ich freu mich auf alles, was grade das Ruhigsein ausschliesst, ich muss jauchzen vor Vergnügen über ein unbestimmtes Etwas. Was mag es sein? Das macht mich auch wieder unruhig, ich nehme drei Treppen unter die Füsse bis zum Dachgiebel hinauf, ich guck zum Gaubloch hinaus, was doch herkommen mag, worauf ich so sehr mich freue, und weiss doch nicht was, und ich sah doch auch gar nichts, soweit der blick trägt; aber nichts! – Aber meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin, sie springt herum nach einer inneren Tanzmusik, die nur ich höre und die andern nicht. Alle schreien, ich soll ruhig werden, und Du auch, aber vor Tanzlust hört meine Seele nicht auf Euch, und wenn der Tanz aus wär, dann wär's aus mit mir. Und was hab ich denn von allen, die sich witzig genug meinen, mich zu lenken und zu zügeln? Sie reden von Dingen, die meine Seele nicht achtet, sie reden in den Wind. Das gelob ich vor Dir, dass ich nicht mich will züglen lassen, ich will auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir, denn am ende ist's nichts anders als das Gefühl der Eigenmacht, man nennt das eine schlechte Seite, die Eigenmacht. Es ist ja aber auch Eigenmacht, dass man lebt! – Wir haben in dem Kloster ein Gebet gehabt, dass uns Gott hat das Leben neu geschenkt jeden Morgen. Ich hab's nicht geachtet, jetzt mache ich eine andre Betrachtung darüber, dass wir für unser täglich erneutes Leben dem Gott danken, das macht uns feige, dem Leben zu entsagen! – Aber auch noch Schlimmeres entsteht daraus, wir schliessen die Grenze des Lebens so sehr eng ab. Wir steigen so allmählich den Berg hinab und sagen: mein Leben geht schon abwärts, wir setzen die Nachtmütze auf, wir räumen auf und halten an eine kleinliche Ordnung, kurz wir haben in einemfort mit der Kreide zu tun, mit der wir alle zufällige Flecke unserer Seelenmontur zudecken, weil wir uns auf die himmlische Parade vorbereiten. Wenn alles so ziemlich instand ist, setzen wir uns hin und seufzen und schwitzen als noch die paar Lebenstägelchen fort, die uns der Herrgott zugemessen hat, in lauter Angst, dass die Kreide auch hafte auf den Flecken, und dass kein neuer Schmutz dazu komme, und da wird denn das Leben so ledern, dass man dem Gott den ärgsten Schimpf antun würde, es als Geschenk von ihm zu achten. Es ist aber noch mehr und ein viel grösserer Irrtum dabei. – Nämlich die närrische idee, dass Leben enden könne, Leben kann wohl verlassen, was nicht vermag, Leben zu fassen, aber es kann nie enden. – Und kurz, ich finde diese Anstalten fürs ewige Leben so, dass es Reissaus nehmen muss vor dem Tod in uns. Aber nicht wie ihr fälschlich meint, dass der Tod über einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und wenn er käme, wer wird denn Anstalten machen für diesen Esel, der so schlecht das Lautenspiel versteht, dass er damit schon einer schwachen Seele den Garaus macht! Nein! Wie ich Dir hier noch