hat allen Glanz verloren, sie ist ganz öde in der Nebelluft, denn weil Du jetzt nicht mit dem Abend dort mir entgegenkommst! – So war doch der Morgen immer auch noch schön, wenn Du am Abend dagewesen warst. Weil Du willst, ich soll früh aufstehen wegen dem Gold der Morgenstunde, so wollt ich es ihr aus dem Mund nehmen und lief früh mit der Dämmerung schon durch die Allee, wo all Deine Tritte in den Kies geprägt und schön bereift waren, wär ich später gegangen, so hätten die Marktleute drauf herumgetrampelt. Ach, die langen Winterwege, die Du gemacht hast, mir zulieb alle! – Aus dem lustigen Haus, wo die Geschwister und Hausfreunde zusammen Witze machten, heraus über die Schneefelder, auf der kalten, einsamen Hoftreppe, wo wir die Winde zusammen flüstern hörten. Und im Schneegestöber bist Du wieder allein in der Nacht den langen Weg nach Haus gewandert! – Ja, Du willst, dass ich Dich immer so liebe, wie Du mich liebst. Und wärst Du doch ganz nah bei mir und könnt Dich ans Herz drücken dafür, dass ich in Dir finde, was ich vergebens in andern suchte, ein Gespräch, wo die Seele in der Pforte steht, in ruhender Stellung zwar, aber so hingebeugt zum Nachbar, so sanft lockend, dass der auch sich ausspreche. – Ich war in Sorgen um Deinen langen, einsamen Weg in der Nacht, die Sterne haben wohl noch mit Dir fortgeplaudert! – Adieu, mein Clemens, leide immer, dass ich ein wenig an Dich schreibe, und wenn meine Briefe auch unbedeutend sind, es macht mich doch so froh! – Kann ich Dir auch abgebrochene Gedanken schreiben, wie wenn ich mit Dir schwätzte, wo Du mir immer Antwort gabst, eh ich's ausgesagt hatte? – Ach, wie willst Du mir Deine Briefe schicken, die Grossmama gibt sie mir vielleicht gar nicht!
Deine Bettine
Liebe Bettine!
Dass die Grossmutter Dir den kleinen Brief nicht gab, ist mir sehr leid, es wäre schön von ihr gewesen, hätte sie Dich gebeten, dass Du ihr ihn lesen lassest, das hättest Du denn auch mit Freuden getan, übrigens verzeih es ihr in Deinem Herzen, denn sie hat es gewiss gut gemeint. Diesen Brief schicke ich Dir nun frei mit der Post, es tut mir zwar leid, dass ich Deinen lieben Namen muss so offen auf die Post geben, allein es ist besser als ein andrer Weg, er würde ein Winkelweg sein, da doch sich an Dir zu freuen und Dich zu hüten und verstehen zu lernen dem Bruder ganz naturgemäss ist! –
Schreibe mir auch nicht zu heftig, es ist nicht gut, wenn man sich dran gewöhnt, und man tut's so leicht, weil es einem wohltut, aber ein solcher Brief ist zu sehr Stimmung, und ein Wort gibt zu sehr das andre, da eigentlich die Seele allein jedes Wort geben soll. Schreibe mir von Euern Scherzen und kindischen Einfällen und kleinen Naseweisheiten. Liebe Deine Geschwister und besonders die um Dich sind, mach Dich ihnen unentbehrlich, mache Dich allen geliebt und geehrt, dann ist Dein Inneres ungestört und Deine äusseren Verhältnisse recht angenehm in der Welt. Spiele brav Klavier, singe, zeichne und lerne, wo Du kannst, nur damit kannst Du Dir Deinen Lebenskreis erweitern. Ich sehe Dich bald wieder, zu Ostern komme ich gewiss, ich bin gar sehr vergnügt hier, und nächstens schreibe ich Dir alles, wie ich hier lebe. Freude, das ist das Höchste, es ist Gesundheit an Leib und Seele, die man gibt und empfängt.
Dein Clemens
Ob Du mir abgebrochene Gedanken schreiben kannst, wie wenn wir zusammen sprechen? – liebes Kind, so gut ich von hier aus Dir nicht ins Wort fallen kann, noch ehe Du's gefunden hast, würde ich Dich wohl auch nicht so gut verstehen von so weit. Und dann ist's ja auch ein Kunstinteresse, sich voll und bündig ausdrücken zu lernen. Der Schreiber muss zugleich an sich selber schreiben, denn er selbst muss durch den Brief mit sich bekannt werden, Du sagtest mir ja, dass Dir die Welt so unendlich weit vorkomme und Du Dir selber wie verloren darin seist. Und dann sei Dir Dein Lebenskreis wieder so enge, dass Du nur ganz kleine Schritte vorwärts tun könnest. Dies alles kommt daher, dass Du mit Deinem inneren Menschen noch nicht bekannt bist, Du begreifst Dich noch nicht, aber in den Briefen schaust Du in den Spiegel Deiner Seele, darum tut die tiefste Wahrheit Dir selber gegenüber so not, um auf keinen Irrtum zu geraten über Dich selbst. Denn die edle Seele hat eine höchste Bestimmung! Dieser nachzukommen ist ihre ganze Aufgabe, die Welt ist so voller Ereignisse, ist ein Gewebe, in dem jedes Menschen harmonische Bildung ein notwendiger und haltbarer Faden sein muss. Nicht jeder Faden braucht als sichtbare Figur eingewebt zu sein, aber zur Tüchtigkeit und Festigkeit des Gespinstes trägt jeder bei, der die Wahrheit in sich begründet, ja es ist nicht anders möglich so, als dass er eine Hauptvermittelung aller wesentlichen entwicklung werde. Doch was ich Dir hier sage, was Deinem Alter und Deinem Gedächtnis nicht angemessen ist, vergiss es wieder, Liebe, und lasse Dir ins Herz geschrieben sein, dass selbst Jugendspiele und Scherze – kurz alles, was Dir hier dem Gesagten gegenüber vielleicht unbedeutend erscheint, nie unbedeutend sein kann