klopfen an meiner Tür, als ich aufmachte, fand ich einen Krug mit Maitrank – rheinischer Hippokras – auf der Schwelle und ein Stück Festkuchen; wärst Du hier, so würde ich geglaubt haben, Du hättest es mir vor die Tür gestellt. Aber wer soll's nun gewesen sein? – Es war ja die Walpurg, ich hörte sie am ende vom gang laufen.
Du schreibst mir in Deinem Brief, dass Du selbst eine gewisse Hinneigung zum Bettelmann empfindest. –
Wenn ich ein Bettelmann wär,
Käm ich zu dir,
Säh dich gar bittend an,
Was gäbst du mir? –
Der Pfennig hilft mir nicht,
Nimm ihn zurück,
Goldner als golden glänzt
Allen dein blick;
Und was du allen gibst,
Gebe nicht mir,
Nur was mein auge begehrt,
Will ich von dir.
Bettler, wie helf ich dir? –
Sprächst du nur so,
Dann wär im Herzen ich
Glücklich und froh.
Laufst auf dein Kämmerlein,
Holst ein Paar Schuh,
Die sind mir viel zu klein,
Sieh einmal zu. –
Sieh nur, wie klein sie sind,
Drücken mich sehr,
Jungfrau, süss lächelst du,
O gib mir mehr.
An Bettine
Mainz
Liebe Schwester, Du wirst mir's verzeihen, dass ich nicht Abschied von Dir nehme, aber ich gebe Dir nicht etwas, ich bin Dir gegeben. Du weisst nicht, wie glücklich ich bin, dass ich Dir dies durch die liebenswürdigste Frau sagen kann, die durch ihr Geschick schon über den gewöhnlichen Kreis der Menschen hinausragt, noch mehr aber durch ihre Selbständigkeit, durch den festen ernsten Willen, mit dem sie dies Geschick bekämpfte und heldenmässig ertrug, indem sie ruhig und allein zwischen den Schrecken der Blutgerichte hindurchwandelte. Mit solchen Naturen sich berühren zu dürfen, ist eine Auszeichnung für den, dessen Seele und Geist vielleicht darauf angewiesen ist, durch solche Naturen sich selbst zu bilden und durch sie zum Erhabenen gelenkt zu werden. Wie sehr ich für Dich immer sorge trage, das Edle und Schöne, was ich auffinde, was mir seine Macht fühlen lässt, mit Dir zu teilen, davon mag Dir hierin der Beweis gegeben sein, dass ich ihr, die ein so grosses Herz hat, die mit diesem Herzen ausreichte, wo so viele verzagt sein würden, auch Dich und meine Liebe zu Dir empfohlen habe. Ja, ich hab ihr alles mitgeteilt, dass ich den möchte, um Dir eine würdige Zukunft zu bereiten. – Sie hat mir in diesen Stunden, so einfach, als sei es nur ganz gewöhnlich, von sich erzählt. Durch die Vendée ist sie oft auf wilden Pferden, die kaum den geübten Reiter trugen, auf Kreuz- und Querwegen geritten, um mit den grossen Helden dort sich zu treffen, denen sie oft auf nächtlichen gefahrvollen Wegen voraneilte, manchen jener armen Landleute (Chouans) hat sie gerettet mit Gefahr ihres Lebens, ihre ganze Familie aber hat die Guillotine gefressen. Nur sie, geleitet durch ihren guten Stern, der ja auch von ihrer Stirne glänzt, ist glücklich nach Deutschland gekommen. In Jena hat sie eine geraume Zeit geweilt und war in einer wissenschaftlichen Verbindung mit meinem Freund, dem grossen Physiker Ritter, von dem Goete sagt: "Wir alle sind nur Knappen gegen ihn." – Durch einen Brief von ihm hab ich sie hier in Mainz getroffen, wo ich seit gestern bin und von hier nach Jena zurückgehe. Was kann ich Dir je sagen, was an dieses Weib heranreicht, da ich nie einen bessern Gedanken hatte, als sie zu begreifen. Du sollst sie lieben wie mich und mehr wie mich. Du sollst ihr vertrauen und sie mit allen Deinen Armen umschlingen, mit Wurzeln und Gezweig, denn sie ist Himmel und Erde, sie ist ein Weib, an dem die Vortrefflichkeit und Barbarei du jour (das heisst, wie es heutzutage hergeht) gescheitert ist, sie allein kann Deine Ideen über Revolution und Volksglück aufklären, oh sie kann Unendliches für Dich, sie ist ein geschöpf aus Gotteshand, ein gewöhnliches Weib wie Eva und wie sie aus dem Herzen jedes Mannes heraussteigen soll. Wundre Dich nicht, dass ich so über sie disponiere, da ich sie nur eine Stunde gesprochen habe, aber das organisch Vortreffliche spricht sich in der Sekunde aus, und verhüllst Du die Venus in die dichtesten Schleier, und der unschuldige Mensch merkt nur die Bewegung ihres Atems, so wird er mit seiner Seele dafür haften, dass dieser Mantel die Schönheit und die Liebe verberge. Schenk ihr die Geheimnisse Deiner Seele, alle Deine Phantasien ergiesse ihr, sie muss sie aufnehmen und würdigen und muss Dich beglücken, denn es ist in ihrem Wesen wie das Empfangen des Weines im Kelch. Sprich von allem dem gegen niemand. Es ist ein glückversprechender Lebensmoment für Dich, denn der grossen Seelen sind nur wenige, sich aber mit ihnen in so voller Unschuld geistig zu berühren, ist auch nur wenigen geworden.
Schreibe mir bei Friedrich Schlegel in Jena.
Dein Clemens
Liebe Bettine!
Madame de Gachet bringt Dir einen offnen Brief von mir, ich habe aber manches währenddem gedacht. – Herzlich offenbaren kannst Du Dich ihr, denn sie versteht Dich, und der gute Mensch hat keine Geheimnisse, auch sollst Du sie lieben wie den geistreichen Menschen, doch nur ihren Geist und Herz, die Narben aber, die ihr Erfahrung und Geschick geschlagen, das männliche Wilde ihres Seins und Verstandes sollst Du übersehen, überhaupt Dich ihr nicht