tust. – Den Herbst besuch ich Dich, am ende werde ich Dich kaum noch kennen, so wirst Du gewachsen sein, an Geist und Leib; und fröhlich, und so schön wirst Du zeichnen. – Ach, Du weisst nicht, was Du mir bist? Was ich liebe, das bist Du, Du hast es also in Händen, kannst es mir hegen und pflegen. Wirst Du das? – O fasse ein recht lebendiges Interesse an allem und dringe tief ein in das, was Du lernst, nicht oberflächlich, lieb Kind, Du glaubst nicht, wie unendlich wohl es Dir tun wird, wenn Du in ein paar Jahren etwas besitzest, dem Du Dich ganz hingeben kannst, lasse Dir's daher recht angelegen sein, zeichne recht mutig, mach Dir nichts daraus, ein Bildchen fertig zu haben, sondern eine Gewalt zu haben im Geist, die Du mit Deinem Talent auszusprechen vermagst, wenn Du über das Gewöhnliche hinauskämst, ich würde glücklicher werden als Du, schicke mir Deine Melodie, schreibe mir und halte Wort und – fasle nicht mit Ring und Talisman und Mirabeau usw.
Dein Clemens
An Clemens
Clemente! Hättest Du das letzte nicht geschrieben, so hätte ich Dir das erste nachgesehen, dass Du mich vernünftig machen willst für die Welt – und denn am Rand, dass ich nicht faslen soll mit dem Mirabeau; in der Mitte die grosse Philisterglosse, wie ich mich und Dich soll bessern. Und der Sommer steht inmitten seiner Glut, wo jeder faul sein mag, und ich soll fleissig sein und gewachsen, wenn Du kommst, auf den Grasplatz hab ich mich gelegt unter die Leinwand, vielleicht vom Begiessen, dass ich wachse; aber ich kann in der Sonnenhitze nur herumschlendern. Ach, Clemente! Wenn ich mich hinsetze zum Zeichnen – weisst Du, wie mir's da geht? Es wühlt mir im Kopf, ich muss mir Luft machen mit einem Lied, ich muss ein neues Harpegge erfinden. Nein, das auch nicht, es schwärmen mir Gedanken im Kopf, wie soll ich Dir sagen? – Schmetterlinge sind's, ich muss ihnen nachjagen, aber dazwischen jagt's mich selbst wie einen Schmetterling davon, und die Bohnen in meinem Gartenbeet muss ich erst am Bindfaden hinaufschlängeln. Und will ich mir nicht davonlaufen, dann kribbelt's mir im Kopf und in den Füssen, ich kann nicht sitzen bleiben, es fällt mir das dummste Zeug ein. Meine alte Puppe vor zwei Jahren! heute hat's mich geplagt, ich musste sie wieder einmal betrachten, mit der ich mich zum letztenmal unterhalten hatte, als Du zum erstenmal hierherkamst, Clemente! Du weisst noch, wie ich sie geschwind unter den Tisch warf, als Du hereintratst, und ich sah Dich an und kannte Dich nicht und hielt Dich für einen fremden Mann, der mir aber so wohlgefiel mit seiner blendenden Stirne und Dein schwarz Haar so dicht und so weich, und Du setztest Dich auf den Stuhl und nahmst mich auf einmal in Deine zwei arme und sagtest: "Weisst Du, wer ich bin? Ich bin der Clemens!" Und da klammerte ich mich an Dich, aber gleich darauf hattest Du die Puppe unter dem Tisch hervorgeholt und mir in den Arm gelegt, ich wollte aber die nicht mehr, ich wollte nur Dich. Ach, das war eine grosse Wendung in meinem Schicksal, gleich denselben Augenblick, wie ich statt der Puppe Dich umhalste. – – Ich habe meinen angefangnen Brief mitgenommen, hierher auf die grüne Burg. Die Schwestern sind auf einem weiten Spaziergang, ich war auf einem Nebenweg so ins hohe Gras gekommen, dass ich nicht mehr drüber hinaussehen konnte, wo die geblieben sind, da bin ich ein wenig liegengeblieben zwischen Gras und Kräutern und hab ins Abendrot geguckt, wie das den blauen Himmel bewältigte, und die Lerchen fielen nieder, gar nicht weit von mir, und die Frösche im Burggraben untereinander halten ein Gered von der Moral, durch die ganze Froschtonleiter hör ich vernehmlich krächzen: "Moral, Moral, Moral." –
Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, dass ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach! sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unsern Stämmen herum und umfasst unsre Stämme als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir Dich an mit unserm Duft.
Adieu, Clemens! Es ist schon spät! – Ich konnte noch sehen, wie ich Dir von den Linden schrieb, sie haben mir ihren Atem zum Fenster hereingehaucht, ich musste sie wieder anduften mit meinen Gedanken, da kamen die Vögel zur Nachterberg in ihr Gezweig, und ich hätt auch da schlafen mögen, sanft bebend umschmeichelt vom flüsternden Laub, wie angenehm da schlafen.
schreibe nach Offenbach, übermorgen gehen wir drei Schwestern schon wieder zurück.
Da schick ich Dir das Blatt, worauf ich eben mit den Linden mich unterhalten hab.
Ich will in die Wolken schauen und in den Mond, von dem eben der Tag Abschied nimmt, und ich will solang hineinsehen, bis ich eine andre Welt entdecke, und wenn ich sie gefunden hab, dann soll keine Träne mehr neidisch mir den Glanz verdunklen, in dem meine Seele ihre Farben spiegelt! –
Und was flüsterst du, Linde, mir ins Ohr? – "Grün, grün ist die zarte Farbe der Seelenruh, grün im Abendschein ist