, wie es sich alle Jahrhunderte einmal hinaufverirrt. – Seine einzelne Äusserungen müssen einen zum Nachdenken erwecken, sie sind im Zusammenhang mit vielen trefflichen andern Kunst- und Lebensansichten und haben mich so erhoben und begeistert zur Bühne, der ich gern darum mein Talent widmen werde, wenn ich welches habe; – ich glaube aber auch, dass man so wenig in der Kunst und der geschichte als in der natur plötzlich wirken könne. Der Bedingungen zu einer Vollendeteit auf irgendeinem Punkte des Daseins sind unendliche; es kann wohl ein Mensch vortrefflich sein, er kann gelungen sein, dass ihm aber alles gelinge, besonders in einer Sache, die, wie die dramatische Kunst, nur mit allgemeiner Weltkrankheit erkrankt und mit allgemeiner Weltgenesung genesen kann, wäre eine beinah rasende Zumutung. Selbst einem so ausserordentlich von dem Schöpfer geliebten Menschen, als Goete ist, konnte das nicht gelingen, – denn es wäre eine ebenso gesegnete Vereinigung aller geistigen, physischen und historischen Weltkräfte nötig, um mittelbar durch einen Menschen der Bühne aufzuhelfen, als sie nötig war, um einen so grossen reinstrebenden Menschen, als Goete war, aufzustellen! – In keiner Kunstgattung sind aber die Bedingungen ihrer Vollendung so unendlich als in der dramatischen. Nur auf dem äussersten Gipfel ihrer historischen, moralischen und künstlerischen Grösse kann eine Nation ein vortreffliches Teater haben, dies ist zu beweisen! – Aber von dem Bedürfnis desselben ist man entfernt in einer Zeit, wo man mit peinigenden Mängeln überzufrieden stolziert und das Teater ohne alle Kunsteiligung in den Kreis der menus plaisirs hinabgesunken ist.
Als in der menschlichen Gesellschaft die Unschuld verloren ging, trat die Sitte als Vermittlerin auf, als Zucht und Treue entwichen, liessen sie die Höflichkeit und Savoir faire als Geschäftsträger zurück. Als die Würde sich von dem Verdienst trennte, liess es sich mit der Etikette ein, da die Völker nur grosse Haufen eigennütziger Bürger wurden, entstanden die stehenden Heere, und die Ehe als zwingendes Gesetz zeigt, dass die Liebe sich nicht immer sehr ehrbar betragen haben mag! – Alle diese vermittelnden Selbstvertreter aber sind ehrwürdig, wenngleich nicht unmittelbar göttlich und heilig, denn sie sind Fussstapfen, Träger, Telegraphen, Hieroglyphen entflohener Götter von der Erde, und an sie knüpft sich die Hoffnung, die Erwekkung besserer Zukunft und alles Strebens. Sie stehen zwar stumm, starr und tot wie Memnonssäulen in den Wüsten der geschichte, aber jede Morgenröte legt ihren Strahl erinnernd an ihre Stirne und lässt sie mahnend tönen. Für die Kunst aber ist immer nach ihrem Untergang ein solcher wohltätiger, wenngleich armer, doch allein würdiger Träger jene ihre ernste, strenge, rechte, oft pedantische Periode gewesen, die wir Schule nennen. Wenn die freie genialische Produktion das sterbliche Kind der Unsterblichkeit, seinen schönen blühenden Leib, dem Scheiterhaufen des ewigen Geschickes hingegeben, dann sammeln fromme und gerechte Menschen das bloss Rechte, Notwendige und Gesetzliche, ich möchte sagen Matematische aus ihrem Andenken und stellen uns das Gerippe des Untergegangenen in seiner gesetzlichen Schönheit vor Augen, das, mit Verstand drapiert, oft lange noch herrlicher und bewundrungswürdiger, ja würdiger ist, als wir es sind, die es nicht verstehen. Manche Völker haben nur der Schule zu verdanken, dass sie noch eine Ahnung der Künste besitzen, und ich halte es für eine Weisheit, Bescheidenheit und Mässigung Goetes, auf seiner Stelle für das Teater die Schule in Deutschland aufgestellt zu haben, die seinen Bemühungen dauerndern Wert geben wird, als wenn er alle Genialität auf dieser Bühne zu einer Zeit losgelassen hätte, wo nichts als eine Tierhetze daraus werden konnte. Es ist nicht Not in der Kunst, das Vortreffliche anzuschaffen, es ist Not, das Schlechte, Falsche, Verkehrte abzuschaffen, denn alles Vortreffliche erblühet aus dem Rechten und wahren. – Die Freiheit ist die Blüte des Gesetzes, der Tod aller darstellenden Kunst aber ist die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, und ich werde mir es niemals nehmen lassen, dass einst die strenge, grausam scheinende bürgerliche Verachtung der Schauspieler ein Hausmittel der geschichte war, vortreffliche Künstler zu haben. Um auf die Bühne berufen zu sein, dazu gehört ein Schatz von Talent und Unschuld, der die ganze Welt mit ihrer Ehre gewissermassen wie ein Schiff in den Grund bohrt, um über den Lampen auf der Zauberinsel der Fata Morgana zu landen. Jetzt aber gleicht das Teater einem Strande, dessen Bewohner aus gestrandeten Schiffern bestehn, die sich ganz wohl befinden; ist hie und da ein Robinson drunter, den wir gern ansehen, so spielen seine Gehilfen doch die Affen zu schlecht, indem sie aus Eitelkeit sich ihre Menschlichkeit immer merken lassen, als dass man nicht lieber den Campeschen Robinson läse, als ihm zusähe. –
Die grosse Trauer und Angst aber, die mich bisher immer im Parterre, besonders wenn die Helden und Biedermänner, die ersten Liebhaber männlichen und weiblichen Geschlechts in ihrem durch ganz Deutschland hergebrachten edelmütigen, ekelhaften, eitlen, heuchlerischen, mit Empfindung eingesalbten Ton die Tränen und Seufzer des unschuldigen Publikums erwürgen und erjammern, geht mehr aus einem allgemeinen Entsetzen über dies Geschick der Kunst als aus Unwille über die Schauspieler hervor, die sich unendlich quälen und allen möglichen Lohn und Dank verdienen; denn wie sollten sie es besser machen, als man es machen kann? Die Leute wollen es nicht besser und ein Schelm gibt mehr als er kann7.
Dies Bruchstück aus meinem Glaubensbekenntnis über das Teater hab ich Dir hierhergeschrieben, um dass, wenn bei Euren Soirees dort im Schlangenbad vielleicht die Rede zwischen dem Herzog August und Dir auf mich oder