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auf Erden ihr Alles sein werden. Liebe kann ich nicht für sie empfinden, aber ein Vertrauen, eine Neigung, die nahe an Liebe grenzt. – Der Dichter Tieck war vor kurzem hier, er hat mich so lieb gewonnen, dass wir Tag und Nacht beisammen waren, ach, er ist ein recht vortrefflicher Mann, er hat mir seinen Dornenstock, den ihm Hardenberg (Novalis) geschnitten, geschenkt, und ich gab ihm dafür die kleine Vorstecknadel von Dir, ich habe ihm viel von Dir erzählt, er liebt Dich herzlich, und ich habe ihm versprochen, Dich um ein Kleidchen für sein vierjähriges Kind zu bitten, der Gedanke machte ihm unsägliche Freude. Sein ganzes Wesen hat eine grosse Gewalt über alle Menschen, wie auch Arnims Wesen eine solche Macht übt. Die beiden lieben sich wechselseitig von Herzen. Du glaubst nicht, wie mich die Liebe dieses Mannes gestärkt und aufrichtig gemacht hat. – Meine Büste wird in wenigen Tagen fertig, und dann reise ich ungefähr von heute in zehn Tagen nach Marburg und von da nach Schlangenbad zu Dir, um Dir vieles zu erzählen; dass ich nach Schlangenbad komme, ja von allem rede kein Wort. Freust Du Dich dann nicht auf die Büste? – Überlege es recht, welches Opfer Sophie gebracht hat für Dich, für mich, ach ihre Güte ist unbeschreiblich gross, ich schwöre Dir, sie wird Dir eine teuerste Freundin werden. Lebe wohl, sei gesund, pudle Dich hübsch, bald bin ich bei Dir. Aber um Gotteswillen schreibe noch einmal hierher, gleich von Schlangenbad. Schicke den Brief an die Mereau.

Clemens

Freitag, den 4. August.

Lieber Clemens!

Nur ein Wort, ich bin in Schlangenbad und habe soeben Deinen Brief bekommen, ich kann Dir nur erzählen, dass ich morgen ausführlich schreiben will, wenn der Genuss, auf die Höhen zu steigen und in die Ferne zu spähen, mich dazu kommen lässt.

Sophie ist wunderbar, dass sie mich so gern sehen will, ich weiss nicht, was ich von mir denken soll, dass ich bis jetzt noch gar nicht daran gedacht hab.

Bettine

Grüsse sie von Herzen und sag ihr, ich hoffe mein Möglichstes von unserer Zusammenkunft, aber so bald wird's nicht sein können, da wir sechs Wochen hier bleiben!

Clemens Du bist artig, und Sophie ist fein, Ihr wollt Euren Brautkranz von mir geflochten haben, darum ist es, dass Ihr ihn wieder aufbündelt und mir alle aufgelösten Blumen in den Schoss schüttet! – Geschwind wasser her, dass sie mir frisch bleiben, und dort auf der Wiese breche ich noch viele dazu, und alle Ihr kleinen Geschlechter, die Ihr die Augen noch nicht dem Licht öffnet, seid zum Reigen im Hochzeitskranz gebeten. Ihr sollt an Euern feinen Stielen nicken auf der Braut ihrem Köpfchen und Ja sagen, wenn allenfalls die Braut zagt, denn! – Es ist wahrich würde ja auch gar sehr zagenwenn ein wonneträumender Trunkener vor mir stände und wollt mich fragen: Willst du mich glücklich machen? – Und: "Nein!" würde ich da sagen viel eher, aber nicht: "Ja", und der Pfarrer würde sich wundern; und weiter würde ich sagen: "sehe, wie du fertig wirst, wenn du durchaus und mit Gewalt dein Glück dir willst bequem einrichten, damit es sich bei dir niederlasse!" – Euch sag ich, meine teuren Freunde, denn die seid Ihr mir jetzt, was ich nicht verdeutschen kann, was aber tief in meiner Seele liegt. Grad vor meinem Fenster steht ein Rosenstrauch mit unzähligen Rosenfamilien, heute morgen vom Tau ganz schwer lagerten die langen schwanken Äste beinah am Boden, ich nahm einen Zweig ins auge, auf den grad die Sonne blitzte, und dachte, das soll die Sophie sein, und wie ich hinunterkam, war's eine freudige Rosenmutter mit drei Knöspchen dicht ihr am Busen! – Ich hab sie nicht abgebrochen, ich will sehen, wie sie emporkommen. Ach! Ein Knöspchen ist grad wie ein Wickelkindchen! – Ach, auch sie verlangen, dass man die Lippe zusammenziehe und ein Schnütchen mache und sie küsse! – Sie wollen tändlen, sie lächlen und wollen angelacht sein, und die Lust, wie ein Vögelchen, hüpft in ihren Zweigen!

Ich war ja auf der Reise hierher sehr vergnügt! – Auf dem Bock sass ich, und die Neugierde, was es denn alles gäb in der Welt, liess mich die ganze Nacht nicht schlafen! – Was hab ich gesehen? – Ganz stille Landstrassen mit Bäumen besetzt, die wie besessen an uns vorbeirennten! – Durch Dörfer. Die kleinen Häuser sind ja auch Knospen, sie umhüllen in seinen Windeln ein Geschlecht, es könnte edel blühen; aber ihm fehlt die Luft, die reine, balsamische des Geistes. Ach, wann wird der herabträufeln und von welchem Himmel? – Er ist höher als der Nachtimmel voll unzähliger Sterne, der über meinem haupt schwankte! – Die Sterne strahlen gegen Morgen viel heller und freudiger, und doch sahen sie ihrem Untergang entgegen! Alles wird schöner, wenn es sich bald verändert; und wird das wohl im tod auch so sein? Die Wolken erröteten endlich ganz freudigund die Sterne? – Wo waren die geblieben? – Ist das Fexierspiel im Himmel ein schönes Spiel, ei dann nehm ich mir's heraus, und meint der liebe Himmel, er