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Bettina von Arnim

Clemens Brentanos

Frühlingskranz

Aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst

schriftlich verlangte

Und liebes Kind, bewahre meine Briefe, lasse sie nicht verlorengehen, sie sind das Frömmste, Liebevollste, was ich in meinem Leben geschrieben, ich will sie einst wieder lesen, und in ihnen in ein verschlossnes Paradies zurückkehren. Die Deinigen sind

mir heilig!

Heidelberg 1805

Verliere keinen meiner Briefe, halte sie heilig, sie sollen mich einst an mein besseres Selbst erinnern, wenn mich Gespenster verfolgen, und wenn ich tot bin, so flechte sie mir in einen Kranz.

Holland 1808

Sr. Königlichen Hoheit

dem Prinzen Waldemar von Preussen

Lieber Prinz Waldemar

So weit ist's gekommen zwischen uns beiden, dass ich diese letzte Anrede wage und lieber und naturgemässer sie finde als die auf der ersten Seite. Ich stehe auf einmal da vor Ihnen, und alle Leute auf dem Markt vernehmen, was ich Ihnen zu sagen habe. Vor so viel Leuten ist man aber nicht aufrichtig, man ist da nur schicklich; folglich ist's wohl nicht schicklich, aufrichtig zu sein. Da man aber einem Prinzen gegenüber durchaus schicklich sein muss, Aufrichtigkeit aber Unschicklichkeit ist, so machen sich Euer Hoheit gefasst, entweder was Unschickliches zu hören oder was Unaufrichtiges.

Wenn ich nun meine Zueignung so begönne:

Es ist das aufrichtigste Gefühl der Verehrung und Liebe, was mich bewogen hat, Euer Hoheit dies Buch zu widmen. So würden Sie denken: die Freifrau von Arnim redet dies um der Schicklichkeit willen, denn aus welchen Gründen könnte sie mich so stark verehren? – Daraus müsste ich auf die Bescheidenheit schliessen und auf die Einfachheit Ihrer edlen natur, die grössere Forderungen an sich macht. Fahre ich nun fort und sage: In diesem Buch werden Euer Hoheit viel Analoges mit sich finden! so könnten die Schicklichkeitsmenschen behaupten, dies sei sehr unschicklich einem Prinzen zu sagen, er habe Ähnlichkeit mit einer Volksseele. Ich darf Ihnen daher gar nichts sagen, denn meine Aufrichtigkeit würde entweder von Ihrer Bescheidenheit verneint oder von dem Schicklichkeitsgefühl der Aristokraten mir verwiesen.

Dem Publikum, in welchem ich mich heimisch fühle, das mich angeregt durch seinen Beifall und durch sein Einverständnis mich inspiriert, zu dem kann ich doch wohl reden ohne Einwendung, da Aufrichtigkeit bei diesem auch Schicklichkeit ist. Nun also: ihr Leute auf dem Markt! – Ich hab dies frühlingsduftende Buch nur dem darbieten können, gegen den ich keinen Zweifel hege, der Feldblumenkranz könne ihm zu gering sein.

Ich sage euch aber, ihr Leute auf dem Markt, ihr, deren Gewissen Zeugnis gibt von jenen gefürsteten Fürsten, denen der Lorbeer und die Eiche und die Raute Ehrenkränze tragen, dass gleich in der Brust jener grossen Männer auch ihm, der die Huldigung im Feldblumenkranz willkommen heisst, das vaterländisch Edle, der Eifer für Wahrheit, der Glaube an göttliche Dinge, die Würdigung der Volkseigentümlichkeit innewohnen, die sein eigenes Streben mit den Kräften des Gemeingeistes zu allen erhabnen Opfern zusammenschmelzen.

Bettine

Liebe Bettine!

Noch einmal lebe wohl. Ich habe wie immer auf meinem Rückweg noch recht mit Liebe an Dich gedacht und bitte Dich innig, indem Du stets Dich selbst veredelst, diese Liebe zu veredlen und zu erhöhen, von der der grösste teil meines Glückes abhängt, ich habe jetzt ausser Dir für keinen Menschen ein ganz lebendiges Interesse, das mir selbst Mut geben kann, mich in die Höhe zu arbeiten. Du gibst mir Kraft und Mut und Aussicht, wenn Du in allem Guten gedeihest, denn Du gedeihest meinem wärmeren Anteil an Dir. Suche Dich über das, was man Dir als Pflicht zumutet, zu erheben, mache, dass alles um Dich zufrieden ist. Was Du mehr in Dir fühlst als das gewöhnliche Bravsein, dafür hat die arme Welt ja doch keine Ordnung, das musst Du still in Dir bilden und Gott selbst dafür Rechnung stehen und mit der ganzen Harmonie der Gefühle dafür dankbar sein. Es ist dem vorzüglichen Menschen gewiss sehr leicht, alle gewöhnlichen Forderungen zufriedenzustellen, bequeme Dich ein wenig nach der Alltäglichkeit, und sie wird mit ihren Klagen Dir nicht mehr zur Last fallen. Sei fleissig in der Musik und Zeichnung, es sind die unschuldigsten Organe der Güte und Schönheit. Sei Deinen Geschwistern duldsam und verschliesse, was Du mir bist, still in Deinem Herzen, denn die meisten Menschen verstehen das nicht und ehren es daher nicht. Du kannst so nur Dir und auch mir grossen Schmerz ersparen, weil es weh tut, wenn das Bessre in uns misshandelt wird durch den Unverstand. Lebe wohl! Sei recht fleissig am Ofenschirm, damit er bald fertig wird, ich freue mich drauf, dass die Flamme durch sein Gewebe schimmert, und ich klimpere dann auf der Gitarre dazu Lieder und Melodien, die Dein sind.

Dein Clemens

Lieber Clemens!

Dein freundlich Abschiedsblättchen hat mir die Grossmama nicht gegeben, ich hätte es vielleicht nie erhalten, wär ich nicht durch Zufall an den Ort gekommen, wo es lag und schon eröffnet war.

Sieh, ich hab Dich so liebDu bist so gutich möchte Dir alles sagen, um dass Du mir lehrtest, was mich gut und Dir lieb machen kann.

Der Anfang Deines Briefchens sagt mir zum letztenmal noch einmal Lebewohl! – Werde ich Dich denn lange, lange nicht wiedersehen? und stehe weit zurück von allem, was ich liebe? – Und andre gehen dazwischen hin und her, die gleichgültig sind für Dich und mich! – Die Frankfurter Allee