1843_Meinhold_140_8.txt

keinen sonderbaren Abgang meiner Kräft verspürete. Indeme ich nun so ginge im fortwähren zu dem Herrn wimmernd, gewahrete ich auf dem Wege gegen Uekeritze so ich eingeschlagen, einen Bettlersmann, der sass mit seinem Ränzel auf einem Stein und verzehrete ein Stücklein seltene Gottesgabe, verstehe ein Stücklein Brod. Ach, da liefen mir armen Mann die Backen so voll Wassers, dass ich mich erst bücken und es zur Erde musste laufen lassen, ehe ich fragen kunte: "wer bistu, und wo kommstu her, dass du Brod hast?" Worauf er antwortete: dass er ein armer Mann aus Bannemin sei, deme der Feind Allens genommen, und da er erfahren, dass der Lieper Winkel2 fast lange Frieden gehabt, hätt' er sich aufgemacht daselbsten zu schnurren. "Nunsage ich darauf: du armer Bettlersmann, so teile einem betrübten Diener Christi der ärmer ist denn du, nur eine kleine Schnede3 Brodt für sein armes Töchterlein ab, denn du sollt wissen, ich bin ein Pfarrherr hier im Dorf und mein Kind will sterben für Hunger. Ich beschwere dich bei dem lebendigen Gott, dass du mich nit gehen lässest, ohne dich mein zu erbarmen, wie man sich dein erbarmet hat." Aber der Bettlersmann wollte mir nichts abteilen, sprechende: dass er selbsten ein Weib und vier Kinder hätte, die auch dem bittern Hungerstode zuwanketen, massen die Not in Bannemin noch viel grösser sei, denn hier, wo wir doch Beere hätten. Ob ich nit erfahren, dass vor wenig Tagen dort ein Weibsbild (die er auch nennete, hab es aber für Schrecken nicht gleich beachtet) ihr eigen Kind geschlachtet, und für Hunger aufgezehret4? Könne mir daher nicht helfen und möchte ich selbsten nach dem Lieper Winkel gehen.

Für solche Rede entsatzte ich mich, wie leicht zu erachten, da in unserer Not noch nichts daran vernommen, auch wenig oder gar kein Wanken ist, von einem Dorf in das andere, und an Jerusalem gedenkend5 und schier verzweifelnde, dass uns der Herr heimsuchete, wie weiland diese gottlose Stadt, wiewohl wir ihn nicht verraten noch gekreuziget, vergass ich fast meiner Not, und setzte meinen Stecken an, umb fürbast zu gehen. Doch war ich kaum ein paar Ehlen geschritten, als mir der Bettlersmann nachrief, dass ich stehen söllte. Wanndte mich daher wieder als er mir mit einer guten Schnede Brod, so er aus seinem Queersack gehohlet entgegentrat und sprach: Da! äwer bedet uck för mi, datt ick to Huuse kame, denn wenn se unnerweges rücken, datt uk Brod hebbe, schleht mi min egen Broder dod, köhnt gi glöwen.6 Solliches versprach mit Freuden, und kehrete flugs um, meinem Töchterlein den heiligen Christ zu bringen, so ich in meiner Rocktaschen verborgen. Doch siehe, als ich gegen die Strassen komme, so vom Wege nach Loddin führet (vorher hatte' ich es in meiner Betrübniss übersehen) trauete kaum meinen Augen, als ich alldorten mein Ackerstück bei sieben Scheffeln gross, begatet7 besäet und bestaudet antraff, so dass die liebe Roggensaat, schon bei eines Fingers Länge lustig aus der Erden geschossen war. Konnte nicht anders gläuben, als dass der leidige Satan mir ein Blendwerk fürgespielet; doch wie ich mir auch die Augen riebe, es war Roggen und bliebe Roggen. Und weilen den alten Paassch sein Stück so daneben stiess imgleichen besäet und die Hälmlein zu gleicher Höhe mit den meinigen geschossen waren, kunnte gar leicht bei mir abnehmen, dass der gute Kerl solliches getan, anerwogen die andern Stücken allesammt wüste lagen. Verziehe ihm daher gerne, dass er den Morgenseegen nit gewusst und dem Herrn dankend vor so viel Liebe bei meinen Kapselkindern und ihn brünstiglich anflehend: er wölle mir Kraft und Glauben gewehren, bei ihnen nunmehr auch unverdrossen auszuhalten, und alle Kümmernüss und Trübsal so er nach seinem grundgütigen Willen uns ferner auferlegen söllte, williglich zu tragen, lief ich mehr denn ich ginge in das Dorf zurücke und auf den alten Paassch seinen Hof, wo ich ihn antraf, dass er eben seine Kuh zuhauete, so er für grimmigem Hunger nunmehr auch geschlachtet. "Gott hilf dir!" sage ich "du frommer Kerl, dass du mir meinen Acker begatet hast, wie soll ich dir's lohnen?" Aber der alte Mann gab zur Antwort: Lat he dat man wesen und bede he man för uns8 und als ich solliches gerne zusagete und ihn fragete: wie er sein Korn für dem grimmigen Feind geborgen, verzählete er mir, dass er es in der Höhlen im Streckelberge heimlichen versteckt gehabt, nunmehr aber auch all sein Fürrat aufgezehret sei. Inzwischen schnitt er ein gross schön Stück Fleisch dem Haubt aus der Lenden und sprach: da hett he uck wat, und wenn et All iss, kann he noch eiss kamen.9 Als ich nun mit vieler Danksagung gehen wölk, griff mich seine kleine Marie bei der Hand, ein Kindlein bei sieben Jahren, so im Streckelberge das Gratias gebetet und wollt mit zu meiner Tochter nach der schulen. Da, wie vorbemeldet, mein custos in der Pestzeit auch dieses Zeitliche gesegnet, muss sie die Paar kleinen Kinder im Dorf informiren, welches aber seit lange unterblieben. Wollt es ihr daher nicht wegern, obwohl ich gleich besorgete, dass mein Töchterlein das Brod mit ihr teilen würde, angesehen sie das Mägdlein sehr lieb hatte, da es ihre Päte war. Und so geschahe denn auch. Denn als das Kind sah, dass ich