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Antwort: "schlaf Er nur mein Herzensvater, ich kann nit schlafen, ehe denn ich den ewigen Schlaf schlafe; ach mein Vater, warumb bin ich nicht gebrennet?" Aber wie hätte ich schlafen mügen, da sie nicht schlafen kunnte; sagte zwar alle Morgen, dass ich etwas geschlafen, umb sie zufrieden zu stellen; aber es war nicht also, besonderen wie David schwemmete ich auch mein Bette die ganze Nacht und netzete mit meinen Tränen mein Lager4. Verfiel auch wieder in grossen Unglauben, also dass ich nicht beten kunnte und mochte. Doch der Herre handelte nicht mit mir nach meinen Sünden und vergalt mir nicht nach meiner Missetat, besonderen seine Gnade sollte auch über mir elenden Knecht bald höher werden, denn der Himmel über der Erden5.

Denn was geschah am nächsten Samtstag? Siehe unsere alte Magd kam ausser Atem in die tür gefahren: dass ein Reuter über den Herrenberg käme, hätte einen grossen Federbusch an seinem Hut wehende, und glaube sie, es wäre der Junker. Als mein Töchterlein so auf der Bank sass umb sich ihre Haare auszukämmen, solches hörete, tät sie einen Freudenschrei, dass es einen Stein in der Erden hätte erbarmen mügen, und rannte alsogleich aus der Stuben, umb über das Hackelwerk zu schauen. Währete auch nit lange, so kam sie wieder zurücke gelaufen, fiel mir umb meinen Hals und schriee in einem wegk: "der Junker, der Junker!" wollte darauf abereins herausihme entgegen, was ich ihr aber wehrete, und sölle sie sich lieber ihre Haare wegkstecken, was sie auch einsah und lachende weinende und betende zugleich sich ihre langen Haare wieder aufbund. nunmehr kam aber auch der Junker schon umb die Ecken gegaloppiret, hatte ein grün sammet Wammes an, mit roten seidinen Aermeln, und einen grauen Hut mit einer Reiherfeder, summa war stattlich angetan, wie eim Bräutigam gebühret. Und als wir nunmehr aus der Türen liefen, rief er meinem Töchterlein auf lateinisch schon von ferne entgegen: quomodo stat dulcissima virgo6? worauf sie zur Antwort gabe: bene, te aspecto7. Sprung also lächelnd vom Ross, und gab solches meinem Ackersknecht, so mit der Magd auch herbeikommen war, umb sein zu pflegen, verschrak sich aber als er mein Töchterlein also blass sah, und sprach, sie bei ihrer Hand fassend, auf teutsch: "mein Gott, was fehlet Ihr liebe Jungfer, Sie sieht ja blasser aus, denn da Sie auf den Scheiterhaufen sollte?" worauf sie zur Antwort gab: "ich bin auch alle Tage zum Scheiterhaufen gefahren, seitdem Er uns verlassen, lieber Herre, ohne bei uns einzusprechen, oder uns kund zu tun, wo Er geblieben."

Solches gefiel ihme und sprach, wir wöllten nur allererst in die stube gehen, sie sölle Allens erfahren. Und nachdeme er sich alldorten den Schweiss abgewischet und auf die Bank bei meim Töchterlein niedergesetzet hatte, verzählete er, wie folget. Er hätte ihr ja alsogleich versprochen, er wölle ihre Ehre erstlich vor aller Welt restituiren und hätte ihm daher noch am selbigen Tage, als er uns verlassen, Ein ehrsam Gericht ein kurz Gezeugnüss ausstellen müssen von Allem was fürgefallen, insonderheit aber von dem Bekenntnüss des dreusten Büttels, item meines Ackerknechtes Claus Neels, womit er annoch in der Nacht, wie er versprochen, gegen Anclam geritten und des nächsten Tages nacher Stettin zu unserm gnädigen Herrn dem Herzogen Bogislav. Selbiger hätte sich fast heftig verwundert, als er von der Bosheit seines Haubtmanns vernommen und wie er es mit meinem Töchterlein gemachet, auch gefraget, ob sie des Pastoren Tochter sei, so einstmalen in Wolgast im Schlossgarten den Siegelring Sr. fürstl. Gnaden, Philippi Julii, christmilden Gedächtnisses, gefunden, und da er solches nicht gewusst, ihn abereins gefraget: ob sie auch lateinisch verstünde? Und als er, der Junker, letztes bejahet und gesagt, sie könne besser lateinisch denn er, hätte S.f.G. geantwortet: so will sie es genugsam sein, und sich alsogleich die Brille aufgesetzet und selbsten acta für sich genommen. Hierauf, und nachdeme S.f.G. das Gezeugnüss Eines ehrsamen Gerichtes kopfschüttelnd gelesen, hätte er demütig umb eine Ehrenerklärung vor mein Töchterlein gebeten, auch S.f.G. imploriret ihm literas commendatitas8 an unsern allergnädigsten Kaiser, nacher Wien mitzugeben, umb meinen Adelsbrief zu renoviren, angesehen er gesonnen sei, kein ander Mädken in seinem Leben zu heuraten denn mein Töchterlein.

Als sie solches hörete, tat sie einen Freudenschrei und fiel in Unmacht mit dem Kopf an die Wand. Aber der Junker begriff sie in seine arme, gab ihr an die drei Küssekens (so ich nunmehr auch ihme nicht wegern wollte, da ich mit Freuden sah, wo es hinauslief) und als sie wieder bei sich kommen fragete er: ob sie ihn nicht wölle, dass sie bei seinen Worten einen solchen Schrei getan? worauf sie sprach: "ob ich Ihn nicht will mein Herre? Ach fast so lieb als meinen Gott und Erlöser will ich Ihne! nunmehr hat Er mir erstlich mein Leben gerettet, und mein herz vom Scheiterhaufen gerissen, auf dem es ohne Ihn gebrennet hätte sein Lebenlang!" Weinete hierauf für Freuden, als er sie auf seinen Schooss niederzog, und umbfing mit ihren Händekens seinen Nacken.

Sassen auch also und caressireten eine ganze Zeit, bis der Junker wieder mein ansichtig wurde und sprach: "was sagt Er dazu, es ist doch auch