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, als der Junker nicht absteigen wollte, und wurde letzlich da er nicht wiederkam immer unruhiger von einem Tag in den andern. Sass bald und las in der Bibel, bald in dem Gesangbuch, item in der Historie von der Dido bei dem Virgilio, oder lief auch auf den Berg und hohlete sich Blümekens (hat alldorten auch der Birnsteinader wieder nachgespüret, aber nichtes befunden, daraus männiglich die List und Bosheit des leidigen Satans abnehmen mag). Solches sah ich etzliche Zeit mit Seufzen an, doch, ohne ein Wörtlein zu sagen (denn Lieber, was kunnte ich sagen?) bis es immer ärger wurde, und da sie jetzunder mehr denn jemalen zu haus und im feld ihre carmina recitirete, besorgete ich dass das Volk sie wiederumb in ein Geschrei bringen würde, und ginge ihr eines Tages nach, als sie wieder auf den Berg lief. Gott erbarms, sie sass auf ihren Scheiterhaufen, so annoch da stunde, doch also, dass sie ihr Antlitz zur Sehe gekehret hatte und recitirete die Versus, wie Dido den Scheiterhaufen besteiget, umb sich aus Brunst zum Aeneae zu erstechen nämlich:

At trepida et coeptis immanibus effera Dido

Sanguineam volvens aciem, maculisque trementes

Interfusa genas, et pallida morte futura

Interiora domus irrumpit limina, et altos

Conscendit furibunda rogos. – – –1

Als ich solches sah und hörete, wie weit es mit ihr kommen, entsatzte ich mich auf das Höchste und rief: "Maria, mein Töchterlein was machstu?" Sie erschrak, als sie meine stimme hörete, blieb aber auf ihrem Scheiterhaufen sitzen, und gab zur Antwort, indem sie das Gesicht mit ihrem Schurzfleck bedekkete. "Vaterich brenne mein herz!" Trat also näher zog ihr den Schurzfleck fort und sprach: "Wiltu mich denn noch einmal zu tod grämen?" worauf sie ihre Augen mit den Händen bedeckete und lamentirete: "ach Vater, warumb bin ich hier nicht gebrennet? so hätte meine Pein doch nur eine kurze Zeit gewähret, nun aber währet sie so lange ich lebe!" Tat noch immer als merkete ich nichtes und sprach: "Warumb leidest du denn so viel Pein mein liebes Kind?" worauf sie zur Antwort gab: "ich habe mich so lange geschämet es Ihme zu sagen, umb den Junker, umb den Junker, mein Vater, leide ich so viele Pein! Er gedenket mein nit mehr und verachtet mich, obwohl er mich gerettet, denn sonst wäre er wohl ein wenig vom Ross gestiegen und hineinkommen, aber wir seind ihm viel zu schlecht!"

Und hube ich nun zwar an, sie zu trösten und ihr die Gedanken auf den Junker auszureden, aber je mehr ich tröstete, je ärger wurde es. Doch sah ich, dass sie noch heimblich eine steife Hoffnung hatte von wegen dem Adelsbrief, den ich ihme hatte tun müssen. Solche Hoffnung wollte ich ihr auch nicht benehmen, dieweil ich sie selbsten hatte, besonderen, umb sie nur zufrieden zu stellen, flattirete ich letzlich ihrer Hoffnung, worauf sie auch etzliche Tage geruhsamer wurde, und nicht wieder auf den Berg lief, wie ich ihr verboten. Nahm auch ihre kleine Pate, die Paasschin wieder im Katechismus für, angesehen der leidige Satan sie mit des gerechten Gottes hülfe nunmehr wieder gänzlich verlassen. Doch quinete2 sie noch und sah also blass aus wie ein Laken. Als aber bald hiernach das Geschreie kam: Niemand in der Burg zu Mellentin wisse, wo der Junker verblieben, und vermeine man, dass er tot geschlagen wäre, nahm ihr Jammer wieder überhand, also dass ich meinen Akkersknecht zu reuten nacher Mellentin schicken musste, umb Kundschaft von wegen ihme einzuhohlen. Und hat sie wohl an die zwanzig Malen nach seiner Wiederkunft aus der Türen und über das Hackelwerk geschauet, ist ihm auch bis an die Ecke gegen Pageis entgegengelaufen, als sie letzlich sah dass er wiederkam. Aber, du lieber Gott, er brachte uns bösere Nachricht, denn das Geschreie uns gebracht, sagende: die Burgleute hätten ihm verzählet, dass ihr junger Herre gleich noch selbigen Tages abgeritten, als er die Jungfer gerettet. Und wär er zwar nach dreien Tagen zur Begräbnüss seines Vaters retourniret, aber auch gleich hierauf wieder abgeritten, und hätten sie nunmehr an die fünf Wochen weiter Nichtes von ihme gehöret, wussten auch nicht wohin er gefahren und vermeineten, dass ihn böse Lotterbuben wohl geschlagen hätten.

Und nunmehr hube mein Jammer grösser an, denn er jemalen gewesen; denn so geduldig und gottergeben sie sich vorher erwiesen, dass keine Märtyrin hat mügen stärker in Gott und Christo ihrem letzten Stündlein entgegen gehen, so ungeduldig und verzweifelt war sie anjetzo. Hatte alle Hoffnung aufgeben, und sich steif in den Kopf gesetzt, dass in dieser schweren Kriegszeit die Schnapphanichen den Junker geschlagen. Nichtes wollte davor helfen auch das Beten nit, denn wenn ich mit ihr auf meinen Knieen den Herren anrief, fing sie letzlich immer an so erschröcklich zu lamentiren, dass sie der Herre verstossen, und sie nur zum Unglück auf Erden erwählet sei, dass es mir wie ein Messer mein herz durchschnitt, und mir die Gedanken mit denen Worten vergingen. Lag auch des Nachts und winselte wie eine Schwalbe und ein Kranich und girrete wie eine Taube, und ihre Augen wollten ihr brechen3, dieweil sie keinen Schlaf darinnen bekam. Rief ich ihr dann aus meinem Bette zu: "mein liebes Töchterlein, willtu denn noch nit aufhören, so schlafe doch!" so gab sie zur