uns zu kommen, so sass mein Töchterlein, also still und blass wie eine Salzsäule nachdem der Junker sie so plötziglich und unvermutet verlassen, wurde aber alsbald in Etwas wieder getröstet, als die alte Magd angelaufen kam, ihre Röcke bis an die Knie aufgeschürzet, und ihre Strümpfe und Schuhe in den Händen tragend. Wir höreten sie schon aus der Ferne für Freuden heulen, dieweil die Mühle stille stunde, und fiel sie wohl an die dreien Malen auf der Brükken, kam aber letzlich auch glücklich hinüber und küssete bald mir, bald meinem Töchterlein hände und Füsse, nur bittende: wir wöllten sie nicht verstossen, besonderen sie bis an ihr selig Ende bei uns behalten, was wir auch zu tun versprachen. Und musste sie hinten aufhacken, da wo der dreuste Büttel aufgehakket war, angesehen mein lieber Herr Gevatter mich nicht verlassen wollte, bis ich wieder in meine Widemen gekommen. Und da den Junker sein Kerl bei dem andern Wagen aufgehacket war, fuhr uns der alte Paassch zurück, und alles Volkso bis dato gewartet, trottirete jetzt wieder umb den Wagen her, und lobete und beklagete uns, wie es uns vorher verachtet und geschmähet hatte. Wir waren aber kaum durch Uekeritze gelanget, als ein abermalig Geschrei erging: "de Junker kümmt, de Junker kümmt!" so dass mein Töchterlein hoch auffuhr für Freuden und so rot wie eine Erdbeer wurde, von dem Volk aber Etzliche schon wieder begunnten in den Buchweizen zu laufen, so am Wege stunde, dieweil sie abermals vermeineten, es wäre ein Spükels5. Es war aber in Wahrheit der Junker wieder, so auf einem schwarzen Rappen angesprenget kam, undals er gegen uns war ausrief: "so eilig ich es auch habe liebe Jungfer, so muss ich dennoch umbkehren und sie bis in Ihr Haus geleiten, angesehen ich eben gehöret, dass das unflätige Volk sie unterweges schimpfiret, und ich nicht weiss, ob sie jetzunder sicher genug ist. Hierauf trieb er den alten Paassch zur Eile an, und da das Ampeln6 mit seinen Beinen, so er fürnahm nicht sonderlich die Pferde in den Trab bringen wollte, schlug er von Zeit zu Zeit das Sattelpferd mit der flachen Klingen über den Rükken, so dass wir in Kurzem in das Dorf und vor die Widemen gelangeten. Doch als ich ihn bate, ein wenig abzusteigen, wollte er nicht, besonderen entschuldigte sich, dass er heute noch über Usedom nacher Anclam reisen müsste, empfohle aber dem alten Paassch so ein Schulze bei uns war, mein Töchterlein auf seinen Kopf an, und möge er alsogleich, wenn etwas Sonderbares sich eräugnen sollte, selbiges dem Rentmeister in Pudgla, oder Dn. Consuli in Usedom vermelden, worauf er, als der Mann solches zu tun versprach, mit der Hand uns winkete, und wieder von dannen jagte, so sehr er kunnte.
Aber er war noch nit bei Pagels umb die Ecke kommen kehrete er zum dritten Male zurück, und als wir uns verwunderten sprach er: wir möchten ihme vergeben, dass er heute kurz von Gedanken sei.
Ich hätte ihme doch vormals gesagt, dass ich annoch meinen Adelsbrief hätte, und bäte er mich, ihn selbigen einige Zeit zu lehnen. Hierauf gab ich zur Antwort: dass ich selbigen erst herfürsuchen müsste, und müge er daher ein wenig niedersteigen. Aber er wollte nit, besonderen entschuldigte sich abereins, dass er keine Zeit nit hätte. blieb darum vor der Türen halten, bis ich ihme den Brief brachte, worauf er sich bedankete und sprach: "lass Er sich dieses nicht verwundern; Er wird bald sehen was ich im Sinne habe!" Und hiemit stiess er seinem Rappen die Sporen in die Seite und kam nicht wieder.
Fussnoten
1 plattdeutsch: sich senken. 2 König majestät'scher Grösse! Der umsonst deckt unsre Blösse, Quell der Liebe, komm, erlöse! 3 Dies geschah in damaliger Zeit so häufig, dass in manchen Parochien Pommerns wohl sechs bis sieben solcher elenden Weiber jährlich den Scheiterhaufen besteigen mussten. 4 Vielleicht eine tiefe Wahrheit! 5 Gespenst. 6 Plattdeutsch: Zappeln.
Capitel 29.
Von unsrer grossen, abermaligen Trübsal und
letzlicher Freud.
Und hätten wir jetzunder wohl zufrieden sein und Gotte Tag und Nacht auf unsern Knieen danken mögen. Denn unangesehen, dass er uns so gnädiglich aus so grosser Trübsal erlöset, hatte er auch das herz meiner lieben Beichtkinder also umbgekehret, dass sie nicht wussten was sie uns Gutes tun söllten. Brachten alle Tage Fische, Fleisch, Eier, Würste und was sie mir sonsten bescheeren täten, und ich wieder vergessen hab. Kamen auch den nächsten Sonntag alle zur Kirchen, Gross und Klein (ausser der Klienschen in Zempin so unterdessen einen kleinen Jungen gekriegt und annoch ihre Wochen hielt) wo ich über Hiob 5, Verse 17, 18, 19 meine Dankpredigt hielte: "siehe, selig ist der Mensche den Gott strafet, darum wegere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht. Denn er verletzet und verbindet, er zuschmeisset und seine Hand heilet. Aus sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in der siebenten wird dich kein Uebel rühren", wobei ich oftermalen von wegen dem Heulen ein wenig inne halten musste, dass sie sich verpusten könnten. Und hätt ich mich in Wahrheit anjetzo mit dem Hiob, nachdeme ihn der Herr wiederumb gnädig aus seinen Trübsalen erlöset, wohl mügen in Vergleichung stellen, wenn nicht mein Töchterlein gewesen wäre, so mir abereins viel Herzeleid bereitete.
Sie weinete schon