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gleich den nachfolgenden Gesang anhube, welcher aber ein Sterbenslied war, nämlich dieses: Nun lasset uns den Leib begraben. (Gott sei Dank, hat solches aber bis dato noch nichts Böses bedeutet). Mein lieber Herr Gevatter schnarchete ihn davor nicht wenig an und sölle er aus Strafe vor seine Dummheit auch das Geld vor die Schuhe nit kriegen, so er ihm allbereits aus dem Kirchenblock versprochen. Aber mein Töchterlein getröstete ihn und versprach ihme vor eigene Unkosten ein Paar Schuhe, angesehen es vielleicht besser für sie wäre, er stimmete umb sie einen Leichen- dann einen Freudengesang an.

Und als den Junker solches verdross und er sprach: "ei liebe Jungfer, Sie weiss nit wie Sie Gott und mir vor Ihre Rettung danken soll, und Sie spricht also?" gab sie wehmütig lächelnde zur Antwort: sie hab es nur gesagetumb den armen custodem zu beruhigen. Aber ich sah es ihr gleich an, dass es ihr Ernst war, dieweil sie schon jetzt bei sich befunde, dass sie zwar aus einer Brunst gerettet, doch in die andere kommen sei.

Hierzwischen gelangeten wir wieder bei der Brükken an und stunde alles Volk und sperreten die Mäuler auf, als der Junker vom Wagen sprang, undnachdem er zuvor sein Ross erstochen, so noch auf der Brücken lag und spartelte, auf seine Kniee fiel, mit der Hand auf den Boden hin und her wischete und letzlich Ein ehrsam Gericht herbeirief, dieweil er nunmehr den Zauber aufgefunden. Aber es wollte Niemand nicht ihm folgen denn Dn. Consul und ein Paar Kerls aus dem Haufen, worunter auch der alte Paassch befindlich, item ich und mein lieber Gevatter, und zeigete uns der Junker nunmehr ein Stücklein Talg bei der Grösse einer guten Nuss, so auf dem Boden lag, und womit die ganze brücke übergeschmieret war, so dass sie fast ein weisslich Ansehn hatte, was aber männiglich in der Angst für Mehlstaub aus der Mühlen gehalten, item mit einer andern materia, so als Marderdreck stunk, wir aber nicht erkannten. Bald darauf funde ein Kerl auch noch ein ander Stücklein Talg, und zeigete es dem Volk, worauf ich ausrief: ho ho das hat Niemand, denn der gottlose Mühlenknappe getan vor die Prügel, die ihm der amtshauptmann hat geben lassen, weil er mein Töchterlein gelästert und erzählete nunmehr den Fürfall, von welchem Dn. Consul auch gehöret, und daher alsogleich den Müller rufen liess.

Selbiger tat aber als wüsste er von Nichtes, und berichtete nur, dass sein Mühlenknappe seit einer Stunden abgewandert sei. Doch sagete ein Mädken, so bei dem Müller im Dienst stunde, dass sie heute Morgen für Tagesanbruch, als sie aufgestanden, umb das Vieh auszulassen, den Knappen habe auf der Brücken liegen und scheuren sehen. Hätte sich weiters nicht daran gekehret, sondern wäre alsbald noch wieder eine Stunde schlafen gangen. Wohin der böse Bube aber gewandert, wollte sie so wenig in Erfahrung gezogen haben, denn der Müller. Als der Junker diese Kundschaft erlanget stieg er auf den Wagen und hub an das Volk zu vermahnende, wobei er letzlich es auch persuadiren wollte, nicht mehr an Zauberei zu gläuben, dieweil sie sähen, wie es mit der Hexerei befindlich wäre. Als ich solches hörete, entsatzte ich mich, wie billig in mein priesterlichen Gewissen, und stieg auf das Wagenrad und bliese ihm ein, dass er umb Gottes willen von dieser Materia aufhören sölle, dieweil das Volk, wenn es den Teufel nicht mehr fürchte, auch unsern Herrgott nicht mehr fürchten würde4.

Solches tät der liebe Junker mir auch alsogleich zu Gefallen, und fragete nur das Volk noch, ob sie jetzunder mein Töchterlein ganz für unschuldig hielten. Und nachdem sie "ja!" gesagt, bate er sie, nunmehr geruhsam nach haus zu gehen und Gott zu danken, dass er unschuldig Blut gerettet. Er wölle jetzt auch wieder umbkehren und hoffe er, dass Niemand mich und mein Töchterlein beschweren würde, wenn er uns allein nacher Coserow zurückfahren liesse. Hierauf wandte er sich eilends an selbige, gab ihr die Hand und sprach: "Lebe Sie wohl liebe Jungfer, ich hoffe Ihre Ehre auch bald vor der Welt zu retten, und danke Sie nicht mir, sondern Gott!" Also machte er es auch mit mir und meinem lieben Gevatter, worauf er von dem Wagen sprang und bei Dn. Consuli auf seinen Wagen sitzen ging. Selbiger hatte auch bereits etzliche Worte zum Volk gesprochen, auch mich und mein Kind umb Vergebung angerufen (und muss es ihme zur Ehre nachrühmen, dass seine Tränen dabei auf die Backen niederflossen) wurde aber von dem Junker also sehr gedränget, dass er kürzlich abbrechen musste, und sie ohne sich umbzusehen über die kleine brücke von dannen fuhren. Nur Dn. Consul sah sich noch einmal umb und rief mir zu: dass er in der Eil vergessen habe, dem Scharfrichter zu avertiren, dass heute nicht gebrennet würde; ich müge also in seinem Namen meinen Fürsteher von Uekeritze auf den Berg schicken und ihm solches sagen lassen, was ich auch tat. Und ist der Blutund auch noch in Wahrheit auf dem Berg gewest, doch obwohl er längst gehöret was fürgefallen, hat er doch so erschröcklich zu fluchen angefangen wie der Schulze ihm den Befehl Eines ehrsamen Gerichtes überbracht, dass es einen Stein hätte erwecken mögen, hat auch seine Mütze sich abgerissen, und selbige mit Füssen getreten, woraus man giessen mag, was an ihme ist. Doch umb wieder auf