1843_Meinhold_140_70.txt

sie mit grossem Geschrei niederstürzete, und wie er kam, umb sie aufzurichten, ihn bei seinen Haaren niederzog und, wie Ehre Martinus sagte, nunmehr doch in Ausführung brachte, was sie ihm gelobet, angesehen sie ihn mit einer Faust immer aus aller Macht auf die Nase geschlagen, bis die anderen Leute hinzugeloffen und sie abgehalten hätten. Hierzwischen aber hatte das Wetter sich fast verzogen und suckete1 nach der Sehe zu.

Und als wir nunmehr auch durch die kleine Heide gelanget, sahen wir plötzlich den Streckelberg für uns mit vielem Volk und den Scheiterhaufen auf seiner Spitzen, auf welchem der lange Büttel sprang, als er uns ankommen sah und mit der Mützen winkete, so viel er kunnte. Hierüber vergingen mir aber meine Sinnen, und ist es meinem Lämmelein auch nit viel anders ergangen. Denn sie hat hin und her geschwanket wie ein Rohr, und abereins ausgerufen, ihre gebundenen Händeleins gegen Himmel streckende:

Rex tremendae majestatis! –

qui salvandos salvas gratis,

Salva me fons pietatis. –2

Und siehe, wie sie es kaum ausgesprochen, ist die liebe Sonne wieder herfürgetreten und hat einen Regenbogen auf dem Gewölk geformiret, recht über den Berg, also, dass es lustig anzusehen gewest. Und war dieses offenbarlich ein Zeichen des barmherzigen Gottes, wie er uns oftermalen solche Zeichen gibt; aber wir blinden und ungläubigen Menschen achten es nit sonderlich. So hat sie es auch nit geachtet, denn obwohl sie an den ersten Regenbogen gedacht, so uns unsere Trübsal fürgebildet, hat es ihr doch unmüglich geschienen, dass sie annoch könnte errettet werden, und ist also matt worden, dass sie auf das liebe Gnadenzeichen weiter gar nicht geachtet, und ihr Kopf, (dieweil sie ihne nicht mehr an mich lehnen konnte, angesehen ich so lang ich gewachsen in dem Wagen gelegen) ihr also war vorne übergesacket, dass ihr Kränzlein meinem Herrn Gevatter fast seine Knie berühret. Und hat selbiger nunmehr dem Gutscher anbefohlen, einen Augenblick stille zu halten, und zu einer kleinen Flaschen mit Wein gegriffen, so er immer in seiner Taschen führet, wenn Hexen gebrennet werden3 umb ihnen in solcher Angst beizuspringen, (will es hinfüro auch so halten, dieweil mir diese Mode von meim lieben Gevatter wohl gefällt). Von solchem Wein hat er erstlich mir in meinen Hals gegossen, und nachgehends auch meinem Töchterlein, und seind wir kaum wieder zu uns kommen, als ein grausamer Rumor und Tumult sich unter dem volk hinter uns erhoben, und selbiges nicht nur in Todesangst gerufen: der amtshauptmann kommt wieder! besonderen auch, da es weder vorwärts noch rückwärts entweichen mügen (denn hinter sich scheueten sie das Gespenst und vor sich mein Töchterlein) zur Seiten gelaufen, und zum teil in den Busch gesprungen, zum teil aber bis an den Hals in das Achterwasser gewatet. Item ist Dom. Camerarius, so bald er gesehen, dass das Gespenst auf den Schimmel aus dem Busch gekommen, so auch einen grauen Hut mit einer grauen Feder aufgehabt, wie der amtshauptmann hätte, unter ein Bund Stroh in den Wagen niedergekrochen, Dn. Consul aber hat abereins mein Kind verwünschet, und schon denen Gutschern Befehlig gegeben, so toll zu fahren als sie könnten, wenn auch alle Pferde daraufgingen, als der dreuste Büttel hinter uns ihme zugeschrieen: es ist nicht der amtshauptmann, besonderen der Junker von Nienkerken, der die Hexe sicherlich wird retten wöllen, soll ich ihr darum mit dem Schwert das Genicke abstossen? Bei diesen erschröcklichen Worten kamen mein Töchterlein und ich erst wieder gänzlich zur Besinnung, und hohlete der Kerl schon hinter ihr mit seinem blanken Schwert aus, dieweil ihm Dn. Consul ein Zeichen mit der Hand gab, als mein lieber Gevatter, so es gewahr worden (Gott müge es ihm an jenem Tage lohnen, ich kann es ihm nicht lohnen) mein Töchterlein mit aller Gewalt rückwärts auf seinen Schooss riss. Und wollte der Bube sie nunmehr auf seinen Schooss erstechen. Aber der Junker war auch schon da, und als er solches sah, juge er ihm seinen Jägerspiess, so er in Händen hatte, zwischen die Schultern, dass er gleich kopfüber zur Erden fiel, und sein eigen Schwert ihme mit Schickung des gerechten Gottes also in seine Seite fuhr, dass es aus der andern wieder herausbrach. Lag also und brüllete, was aber der Junker nicht achtete, sondern zu meinem Töchterlein sprach: "Jungfer, meine liebe Jungfer, Gott sei Dank, dass Sie gerettet ist!" Dieweil er aber ihre gebundenen Händekens sah, knirschete er mit seinen Zähnen sprang alsofort, ihre Richter verwünschend, vom Rosse, und schnitt ihr mit dem Schwerte, so er in der Rechten hielt, den Strang durch, nahm darauf ihre Hand und sprach: "ach liebe Jungfer, wie viel habe ich mich umb sie gegrämet, aber ich kunnte sie nicht retten, dieweil ich, wie sie selbsten in Ketten gelegen hab, was sie mir auch wohl ansehen wird."

Aber mein Töchterlein kunnte ihm kein Wörtlein Antwort geben, besonderen fiel für Freuden abereins in Unmacht, kam aber alsbald, da mein lieber Gevatter noch etwas Fürrat an Wein hatte, wieder bei sich. Unterdessen aber tat mir der liebe Junker Unrecht, was ich ihm aber gerne verzeihen will. Denn er schnarchete mich an und nannte mich ein altes Weib, das Nichtes künnte als heulen und wehklagen. Warumb ich nit alsogleich dem schwedischen König nachgereiset wäre, oder warumb ich nicht selbsten nacher Mellentin gekommen und sein Gezeugnüss