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also in den Graben stiess, dass er bis an die Hüften ins wasser versank. Hierüber musste selbsten mein arm Töchterlein lächeln und fragete mich, ob ich nicht mehr lateinische Lieder wüsste, umb uns das dumme und unflätige Volk noch ferner vom leib zu halten. Aber, sage Lieber, wie hätte ich jetzunder lateinische Lieder recitiren mügen, so ich sie auch gewusst! Doch mein Confrater Ehre Martinus wusste annoch ein solches, so zwar ein ketzerisches Lied ist; doch weil es meinem Töchterlein über die massen gefiel, und er ihr manchen Versch an die drei und vier mal vorbeten musste, bis sie ihn nachbeten kunnte, sagete ich Nichtes. Sonst bin ich immer sehr streng gegen Ketzereien gewest. Aber ich tröstete mich, dass unser Herr Gott es ihr in ihrer Einfalt wohl verzeihen würde. Und lautete die erste Zeil also: dies irae, dies ille.4 Insonderheit aber gefielen ihr diese beiden Verse, so sie oftmals mit grosser Erbauung betete, und ich darum hieher setzen will:

judex ergo, cum sedebit,

quidquid latet, apparebit

nil inultum remanebit;

item:

rex tremendae majestatis

qui salvandos salvas gratis,

salva me, fons pietatis! –5

Als aber die Kerls mit den Forken, so umb den Wagen gingen, solches höreten, und zugleich ein schwer Wetter vom Achterwater6 aufkam, vermeinten sie nit anders, denn dass mein Töchterlein es gemachet, und da das Volk so hinten nachsetzete, auch schrie: "dat het de Hex dahn, dat hett de verfluchte Hex dahn!" sprungen sie alle zehn bis auf einen, so verblieb, über den Graben und liefen ihrer Strassen. Solches sah aber Dn. Consul nit alsobald, welcher mit Eim ehrsamen Gericht hinter uns fuhr, als er dem Büttel zurief: was solches bedeute? und der Büttel rief über den amtshauptmann, so ein wenig vorauf war, aber alsobald umbkehrete, und nachdem er die Ursache erfahren, denen Kerls nachschriee, dass er sie alle wölle an den ersten besten Baum anhenken lassen, und mit ihrem Fleisch seine Falken füttern, wenn sie nit alsobald umkehreten. Solches half abereins und als sie wieder kamen, gab er einem Jeglichen an die sechs Schmisse mit seiner Reitpeitschen, worauf sie verblieben, doch so weit von dem Wagen sich hielten, als sie für den Graben kunnten.

Hierzwischen aber kam das Unwetter von Süden näher mit Donner, Blitze, Hagel und Sturmwind, als wenn der gerechte Gott seinen Zorn offenbaren wöllte über die ruchlosen Mörder und schlug die Wipfel derer hohen Buchen umb uns zusammen, wie Besen, also dass unser Wagen ganz mit Blättern wie mit Hagel bedecket war und Niemand vor dem Rumor sein eigen Wort hören kunnte. Solches geschahe gerade, als wir von dem Klosterdamm in die Heiden hinabfuhren. Und ritt der amtshauptmann jetzunder hinter uns bei dem Wagen auf welchem Dn. Consul sass. Doch als wir alsbald über die brücke wollten vor der Wassermühlen, fasste uns der Sturmwind, so vom Achterwater aus einer Lucken herüberblies also, dass wir vermeineten, er würde unsern Wagen in den Abgrund stossen, so wohl an die 30 Fuss tief war und drüber. Und da gleicherweise die Pferde täten als gingen sie auf Glatteis und nicht, stehen kunnten, hielt der Gutscher stille, umb erst das Wetter fürüber gehen zu lassen, welches aber der amtshauptmann nit alsobald gewahr wurde, als er herbeigesprenget kam und dem Gutscher befahl alsogleich weiter zu fahren. Selbiger hauete also die Pferde an, aber sie spartelten7, dass es absonderlich anzusehen war, wannenhero auch unsere Wächter mit den Forken zurückblieben, und mein Töchterlein für Angst einen lauten Schrei tat. Und waren wir gerade so weit kommen, wo das grosse Rad unter uns lief, als der Gutscher mit dem Pferde stürzete, und selbiges sich einen Fuss zubrach. jetzt sprang der Büttel vom Wagen, stürzete aber auch alsobald auf den glatten Boden, item der Gutscher, nachdem er sich aufgerichtet, fiel er alsbald wieder nieder. daher gab der amtshauptmann seinem Schimmel fluchend die Sporen, welcher aber auch anhub zu sparteln wie unsere Pferde getan. Doch kam er damit gegen uns gespartelt, ohne dass er gestürzet wäre, und dieweil er sah, dass das Pferd mit dem zubrochenen Fuss sich immer wieder aufrichten wollte, aber alsobald wieder auf dem glatten Boden zusammenschoss, brüllete und winkete er, dass die Kerls mit den Forken kommen möchten, und die Mähre ausspannen, item den Wagen hinüberschieben, damit er nicht in den Abgrund gerissen würde. Hierzwischen aber kam ein langer Blitzstrahl für uns in das wasser niedergefahren, welchem ein Donner also plötzlich und greulich folgete dass die ganze brücke erbebete, und den amtshauptmann sein Pferd (unsere Pferde wurden aber stille) einige Schritte zurückprallete, worauf es den Boden verlohr, und mit dem amtshauptmann kopfüber auf das grosse Mühlenrad hinunter schoss, dass sich ein ungeheuer Geschrei von allen Menschen erhub, so hinter uns an der Brücken stunden. Und war eine Zeitlang vor dem weissen Schaum Nichtes zu sehen, bis den amtshauptmann seine Beine mit dem Rad in die Höhe kamen, und hierauf auch der Rumpf, aber der Kopf steckete zwischen den Schaufeln des Rades, und also lief er, erschröcklich anzusehen mit selbigem immer rundum. Seinem Schimmel aber fehlete nichts, sondern schwamm selbiger hinten im Mühlenteich. Als ich solches sah, ergriff ich die Hand meines Lämmeleins und rief: siehstu Maria unser Herr Gott lebet noch, und fähret annoch heute auf dem Cherub, und fliegt daher und schwebt auf den