1843_Meinhold_140_46.txt

, welcher ihr abhold wäre, wie sie wohl gemerket, als der schwedische König in Coserow gewest wäre. Diese ihre Sag hätte er, Dn. Consul, zwar gleich in Zweifel gezogen, wäre aber als ein gerechter Richter heute Morgen zu guter Zeit mit dem scriba nacher Mellentin gefahren, umb den Junker zu verhören.

Und könne ich nun selbsten abnehmen, welch erschröckliche Bosheit in meim Kind stecke. Denn der alte Ritter hätte ihn an das Bett seines Sohnes geführt, so noch für Aerger krank läge, und selbiger hätte Allens, was der Vater geschrieben, bestättiget, und die schändliche Unholdin (wie er mein Kind genennet) verfluchet, dass sie ihm wölle seine adliche Ehre rauben. "Was sagstu nun" fuhr er fort, "wiltu noch deine grosse Uebeltat leugnen. Sieh hier das Protokollum so der Junker manu propria unterschrieben?" Aber die elendige Magd war hierzwischen schon wieder umbgefallen, und der Büttel hatte solches nicht alsobald gesehen, als er nach der Küchen lief, und mit einem brennenden Schwefelfaden zurücke kam, den er ihr unter der Nasen halten wollte.

Aber ich wehrete es ihm und sprützete ihr einen Topf mit wasser über das Gesicht, so dass sie auch wieder die Augen aufschlug und sich an einen Tisch in die Höhe richtete. Stand aber jetzt eine ganze Zeit, ohne ein Wörtlein zu sagen, noch meines Jammers zu achten, bis sie anhub freundlich zu lächeln und also zu sprechen: Sie sähe wohl, wie wahr der heilige Geist gesagt, verflucht ist, der sich auf Menschen verlässt3 und hätte die Untreue, so der Junker an ihr bewiesen, gewisslich ihr armes herz gebrochen, wenn der barmherzige Gott ihme nicht gnädig zuvorgekommen und ihr in dieser Nacht einen Traum eingegeben, so. sie erzählen wölle, nicht umb den Richter zu persuadiren, sondern umb das weisse Haubt ihres armen Vaters wieder aufzurichten.

Nachdeme ich die ganze Nacht gesessen und gewachet (sagete sie) hörte ich gegen den Morgen eine Nachtigall gar lieblich in dem Schlossgarten singen, worauf mir die Augen zufielen und ich entschlief. Alsbald kam es mir für, als wäre ich ein Lämmlein, und weidete in Coserow ruhig auf meiner Bleichen. Da sprang der amtshauptmann über den Zaun, wandelte sich aber in einen Wulf umb, der mich in sein Maul nahm, und mit mir auf den Streckelberg zulief, wo er sein Nest hatte. Ich armes Lämmlein zitterte und blökete vergeblich und sah meinen Tod für Augen, als er mich vor sein Nest niedersetzete, wo die Wülfin mit ihren Jungen lag. Aber siehe, alsobald reckete sich eine Hand, wie eines Mannes Hand durch das Gebüsche, und ergriff die Wülfe, einen jeglichen unter ihnen mit eim Finger und zerscheiterte sie also, dass Nichtes von ihnen übrig blieb, denn ein grau Pulver. Daraufnahm die Hand mich selbsten auf und trug mich wieder zu meiner Bleichen. –

Lieber, wie ward mir anjetzo zu Mute, als ich dies Allens und auch von der lieben Nachtigallen hörete, woran du nunmehr auch nicht mehr zweifeln wirst, dass sie Gottes Dienerin gewest. Ich umbhalsete mein Töchterlein sogleich mit tausend Tränen und verzählete ihr, wies mir gangen, und gewunnen wir Beide einen solchen Mut und Zuversicht, als wir noch nie gehabt, so dass sich Dn. Consul verwunderte, wie es den Anschein hatte, der amtshauptmann aber blass wurde wie ein Laken, als sie anjetzo auf die beiden Herrschaften hinzutrat und sprach: "jetzt machet mit mir, als euch geliebet, das Lämmlein erschröcket nicht, denn es stehet in der Hand des guten Hirten!" Hierzwischen trat nun auch Dn. Camerarius mit dem Scriba ein, entsatzte sich aber, als er ungefährlich mit dem Rockzipf meim Töchterlein an die Schürzen stiess und stunde und schrapete, an seim Rock, als ein Weib, so Fische schrapet. Endiglich, nachdem er zuvor zu dreien Malen ausgespieen, redete er das Gerichte an: ob sie nicht anheben wöllten, den Zeugeneid abzunehmen, angesehen alles Volk schon längstens im Schloss und Kruge versammblet wäre. Solches ward angenehm aufgenommen, und erhielt der Büttel Befehl, mein Kind so lange in seinem Zimmer aufzubewahren, bis das Gericht sie wieder rufen würde. Ging also mit ihr; hatten aber viel Plage von dem dreusten Schalk, inmassen er nicht blöde war, den Arm meinem Töchterlein umb die Schulter zu legen, und in mea praesentia4 von ihr ein Küsseken zu verlangen. Aber ehbevor ich noch kunnte zu Worte kommen, riss sie sich loss und rief: ei du böser Schalk, soll ichs dem Gerichte klagen, hastu vergessen, was du schon aufgeladen? worauf er aber lachend zur Antwort gab: "kiek, kiek, wo oet5" und nunmehr fortfuhr, sie zu persuadiren, dass sie sich sölle williger finden lassen, und ihren eignen Vorteil nicht vergessen. Denn er hab es eben so gut mit ihr im Sinn, als sein Herr, sie möge es gläuben oder nicht, und was er weiters skandalisirte und ich überhöret hab. Denn ich nahm mein Töchterlein auf meinen Schooss und legte mein Haubt in ihren Nacken und so sassen wir stille und weineten.

Fussnoten

1 Galat. 4, 6. 2 Niedriger, plattdeutscher Ausdruck. 3 Jeremias 17, 5. 4 In meiner Gegenwart. 5 Sieh, sieh, wie spröde!

Capitel 21.

De confrontatione testium.1

Als wir wieder vorgefordert wurden, war die ganze Stuben voll Menschen, und schudderten sich etzliche, als sie uns sahen