uns aber bald die alten Greisen und das Weibsvolk mit den Kindern folgten, welche ein gross Hungergeschrei erhoben. Denn sie sahen, dass sich mein Töchterlein auf einen Stubben satzte, um ein Stück Fleisch und Brod verzehrete, kamen also die kleinen Würmer mit ausgereckten Händeleins angelaufen und schrieen: uck hebben, uck hebben2. Wannenhero da mich solch gross Leid billig jammerte, meinem Töchterlein nit wehrete, dass sie alles Brod und Fleisch so vorrätig unter die hungrigen Kindlein verteilete. Erst mussten sie aber dafür "Aller Augen"3 beten, über welche Wort ich dann eine tröstliche Ansprach an das Volk hielte, dass der Herr, welcher jetzunder ihre Kindlein gespeiset auch Rat wissen würde ihren eigenen Bauch zu füllen, möchten nur nit müde werden ihm zu vertrauen.
Aber sollich Trost währete nicht lange. Denn nachdeme wir wohl an die zwei Stunden in und um der Höhlen uns gelagert, huben die Glocken im dorf so kläglich an zu gehen, dass es einem Jeglichen schier das herz brach, angesehen auch dazwischen ein laut Schiessen, item das Geschrei der Menschen und das Bellen der Hunde erschallete, so dass männiglich giessen kunnte, der Feind sei mitten im dorf. Hatte daher genug mit den Weibern zu tüschen4 dass sie nicht durch ihr unverständig Lamentiren dem grimmigen Feind unsern Schlupfwinkel verraten möchten, zumalen als es anfing schmockig zu riechen, und alsobald auch die helle Flamme durch die Bäume glitzerte. Schickete derohalben den alten Paassch oben auf den Berg dass er umbherlugen sollt, wie es stünde, hätte sich aber wohl zu wahren, dass man ihn nicht vom dorf erschaue, anerwogen, es erst zu schummern begunte. Solliches versprach er und kam alsbald auch mit der Botschaft zurücke, dass gegen 20 Reuter aus dem dorf gegen die Damerow gejagt wären aber das halbe Dorf in roten Flammen stünd. Item erzählete er, dass durch seltsame Schickung Gottes sich sehr viel Gevögel in den Knirkbüschen5 und anderswo sehen liess, und meinete, wenn man sie nur fangen künnte, dass sie eine treffliche Speiss vor uns abgeben würden. Stieg also selbsten auf den Berg, und nachdem ich alles so befunden, auch gewahr worden dass durch des barmherzigen Gottes Hülf das Feuer im dorf nachgelassen, item dass auch mein Hüttlein wider mein Verdienst und Würdigkeit annoch stünde, stieg ich alsbald herunter, tröstete das Volk und sprach: der Herr hat uns ein Zeichen gegeben und will uns speisen, wie einst das Volk Israel in der Wüsten, denn er hat uns eine treffliche Schaar von Krammetsvögeln über die wüste Sehe gesendet, welche aus jedem Büschlein burren, so man ihm nahet. Wer will nun in das Dorf laufen und schneiden die Mähnhaare und den Schwanz von meiner gefallenen Kuh wegk, so hinten auf der Wörte liegt. (Denn Rosshaare hatte es im ganzen Dorf nicht, dieweil alle Ross vom Feinde längst genommen oder erstochen waren.) Aber es wollte sich Niemand nit finden angesehen die Angst noch grösser war, denn der Hunger, als meine alte Ilse anhub: so will ich schon gehen, denn ich fürchte mich nit, dieweil ich auf Gottes Wegen bin, gebet mir nur einen guten Stock. Als ihr nun der alte Paassch seinen Stecken hingereichet, begunte sie vor sich zu singen. "Gott der Vater wohn uns bei", und verlief sich bald in das Gebüsche. Hierzwischen vermahnete ich nun das Volk, alsbald Hand anzulegen, kleine Rütlein zu den Dohnen zu schneiteln und Beeren zu suchen, dieweil es Mondschein ware, und allwärts viel Gänseflieder auch Ebereschen auf dem Berge stunden. Die kleinen Kindlein aber hütete ich mit meiner Marien, dieweil die Gegend nicht sicher für Wülfen war. Hatten derohalben ein lustig Feuer angemacht, umb welches wir uns setzten und dem kleinen Volk die Gebot verhöreten, als es hinter uns knisterte und knasterte, und mein Töchterlein mit den Worten: proh dolor, hostis!6 auf und im die Höhlen sprang. Aber es waren nur die rüstigen Kerls, so im dorf verblieben, und nun kamen, uns Botschaft zu bringen, wie es alldorten stünde. daher rief ihr gleich zu: emergas, amici7 wo sie denn auch mit grossen Freuden wieder herfürsprang und bei uns zum Feuer niedersass. Allsobald verzählete nun mein Fürsteher Hinrich Seden was derweilen fürgefallen, und wie er nur durch sein Weib Lise Kolken sein Leben geborgen. Jürgen Flatow, Chim Burse, Clas Peer und Chim Seideritz aber wären erschlagen, und läge letzterer recht auf dem Kirchsteig. zwölf Katen hätten die grimmigen Mordbrenner in Asche geleget und wär es nit ihre Schuld, dass nicht das ganze Dorf draufgegangen angesehen der Wind ihnen nicht gepasset. Hätten zum Hohn und Gespötte die Glocken dazu geläutet, ob Niemand kommen wöllt und löschen, und als er und die andern jungen Kerle herfürgesprungen hätten sie die Musqueten auf sie abgedruckt, aber mit des grossen Gotts hülfe Niemand nit getroffen. Darauf wären seine Gesellen über die Zäune gesprungen, ihn aber hätten sie erwischet, und schon das Gewehr über ihm ausgerekket, als sein Weib Lise Kollken mit eim andern Trupp aus der Kirchen herfürgetreten, und ihnen gewinket dass er Ruhe gehabt. Lene Hebers aber hätten sie in ihrem Wochenbett erstochen, das Kindlein gespiesset und über Claas Peers Zaum in den Nessel geworfen, wo es annoch gelegen, als sie abgelaufen. Wäre jetzunder im ganzen Dorf derohalben keine lebendige Seele mehr, und noch schwerer ein Bissel Brods, so dass, wenn den Herrn nit ihre Not jammerte, sie alle des elendiglichen Hungertodes würden sterben müssen.
(Da