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besessen sei, weil Niemand Jesum einen Herrn heissen könne ohne durch den heiligen Geist! 1 Cor. 12, 3. 4 plattdeutsch: für Schaukel. 5 ich weine nicht. 6 jener. 7 Klingbeutel. 8 Nichts.

Capitel 17.

Wie mein arm Kind als Hexe eingezogen und gegen

Pudgla abgeführet wird.

tages darauf, Montag den 12ten July, morgens umb 8 Uhren, als wir in unserer Kümmerniss sassen und judicireten, wer uns wohl sollich Herzeleid bereitet, auch bald übereinkamen, dass Niemand anders nit, denn die vermaledeiete Hexe Lise Kolken es gewest, kame ein Wagen mit vier Pferden vor mein Haus gejaget, worauf sechs Kerls sassen, so alsogleich heruntersprungen. Und gingen zwo an der Vorder-, andere zwo an der Achtertüren stehen, und aber zwo worunter der Büttel Jacob Knake, kamen in die Stuben und geben mir ein offen Schreiben von dem amtshauptmann, dass mein Töchterlein, so als eine gottlose Hexe im gemeinen Geschrei stünde, vom peinlichen Rechts wegen sölle eingehohlet und inquiriret werden. Nun kann männiglich vor sich selbsten abnehmen, wie mir umb das herz wurde, da ich solches lase. Stürzete zu Boden, wie ein umbgehauener Baum, umd kam erst wieder bei mir, als mein Töchterlein sich mit grossem Geschrei auf mich wurf und ihre Tränen mir warm über das Angesicht liefen. Als sie aber sah, dass ich wieder bei mir kam, finge sie an mit lauter Stimmen Gott davor zu preisen, suchte mich auch zu trösten, dass sie ja unschuldig wär und ein gut Gewissen vor ihren Richter trüge, item recitirete sie mir das schöne Sprüchlein Matt. am 5ten Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen, und reden allerlei Uebels wider euch, so sie daran lügen.

Und möchte ich nur aufstehen und meinen Rock über das Wammes überziehen und mit ihr kommen, denn ohne mich liesse sie sich nicht vor den amtshauptmann führen.

Hierzwischen nun aber war das ganze Dorf vor meiner Türen zusammengestürzet, Weiber, Männer, Kinder; hielten sich aber geruhlich und sahen nur Alle nach den Fenstern, als wöllten sie uns durch das Haus schauen. Als wir uns beide fertig gemacht, und der Büttel, so mich anfänglich nicht mitnehmen gewollt, nunmehr aber ein Einsehen gebrauchte, vor ein gut Trinkgeld, so ihm mein Töchterlein verehrete, traten wir an den Wagen, aber ich ware so machtlos, dass ich nit hinaufkummen kunnte.

Kam also der alte Paassch, so es sah, und half mir auf den Wagen, wobei er sagte: "Gott tröst Em, wat müt he an Sien Kind erlewen1 und mir die Hand zum Abschied küssete.

Auch kamen noch mehr an den Wagen, so ihm folgen wollten, aber ich bate: sie söllten mir das herz nicht noch schwerer machen und nur ein christlich aufsehen auf mein Haus und meine Wirtschaft haben, bis ich wiederkäm. Möchten auch fleissig vor mich und mein Töchterlein beten, dass der leidige Satan, so lange Zeit wie ein brüllender Löwe in unserm Dorf umbhergangen, und nun mich selbsten zu verschlingen drohe, seinen Willen nicht vollenführete, sondern mich und mein Kind verlassen müsste, wie den unschuldigen Heiland in der Wüsten. Aber hiezu sagete Niemand nichts, besonderen als wir wegk fuhren, hörete ich gar wohl, dass Viele hinter uns ausspieen und Einer sagte: (mein Töchterlein meinete, es wäre Berowsche ihre stimme gewest) "wi willen di lewer Föhr unter dem Rock böten, as vör di beden2. Seufzeten noch über solche Reden, als wir gegen den Kirchhof kamen, wo die vermaledeiete Hexe Lise Kolken in ihrer Haustüren sass, ihr Gesangbuch für Augen und laut das Lied: "Gott der Vater wohn' uns bei" quäckete, als wir fürüberfuhren, welches mein arm Töchterlein also verdross, dass sie unmächtig wurde, und mir wie tot auf den Leib fiel. Bat also den Gutscher zu halten, und schriee der alten Lisen zu, dass sie uns sölle einen Topf mit wasser bringen; aber sie tät, als könne sie nit hören, und fuhr fort zu singen, dass es schallte. daher sprang der Büttel ab, und lief auf mein Begehr in mein Haus zurück, umb einen Topf mit wasser zu hohlen, kam auch alsobald wieder mit dem Topf, und alles Volk hinter ihm, so nunmehr anhub, laut zu judiciren, dass es das böse Gewissen sei, so mein Kind geschlagen, und sie jetzunder sich schon selbsten verraten. Dankete daher Gott, als sie wieder ins Leben kam, und es aus dem Dorf ging. Aber in Ueckeritze war es nicht anders, inmassen dort auch alles Volk zusammengelaufen war, und vor Labahnen seinem Hof auf dem Brink stunde, als wir ankamen.

Selbiges hielte sich aber ziemlich geruhsam, als wir fürüber fuhren, unangesehen Etzliche riefen: "wo ist 't möglich, wo ist 't möglich!" sonsten hörte ich nichtes. Aber in der Heiden an der Wassermühlen brach der Müller mit allen seinen Knappen herfür, und schriee lachend: "kiekt de Hex, kiekt de Hex!" worauf auch ein Knappe, mit dem Staubbeutel, so er in den Händen hatte, also nach meim arm Kind schlug, dass sie ganz weiss wurde, und das Mehl wie eine Wolke umb den Wagen zoge. Auf mein Schelten lachete der arge Schalk und vermeinete: wenn sie nie keinen andern Rauch, denn diesen, in der Nasen kriegte, künnte es ihr nicht