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Aber als ich endlich mit meim Töchterlein in die Kirche kam, waren nur bei sechs Menschen versammlet, unter welchen die alte Lise Kolken und sah die vermaledeiete Hexe nit alsobald mein Töchterlein mir folgen, als sie ein Creuze schlug und wieder zur Turmtüren hinaus rannte, worauf die übrigen fünf, benebst meinem einigen Fürsteher Claus Bulken (denn für den alten Seden hatte ich annoch keinen wieder angenommen) ihr folgeten. Ich entsatzte mich, dass mir das Blut geranne, und ich also zu zittern begunnte, dass ich mit der Achsel an den Beichtstuhl fiel. Fragete mein Töchterlein also, welcher ich noch Nichtes gesagt hatte, umb sie zu verschonen: "Vater was fehlet den Leuten, sind sie vielleicht auch besessen?" worauf ich wieder bei mir kam und auf den Kirchhof ging, umb nachzusehen. Aber sie waren alle wegk, bis auf meinem Fürsteher Claus Bulken, welcher an der Linden stand, und für sich ein Liedlein pfiff. Trat also hinzu und fragete, was den Leuten angekommen, worauf er zur Antwort gab: das wisse er nicht. Und als ich abermals fragete, warumb er selbsten denn auch gelaufen wär, sagte er: was er hätte allein in der Kirchen tun sollen, dieweil der Bedelt7 doch nit hätte gehen können. Beschwure ihn also mir die Wahrheit zu sagen: welch gräulicher Verdacht gegen mich in die Gemein gekommen? aber er antwortete: ich würde es bald schon selbsten erfahren, und sprang über die Mauer, und ging in der alten Lisen ihr Haus, so dicht am Kirchehofe steht.

Mein Töchterlein hatte eine Kälbersuppen zum Mittag, vor die ich sonst Allens stehen lasse, aber ich kunnte keinen Löffel voll in den Hals bringen sondern sass und hatte mein Haupt gestützet und sanne, ob ich es ihr sagen wöllte oder nicht. Hierzwischen kam die alte Magd herein, ganz reisig und mit einem Tuch voll Zeug in der Hand und bat weinende, dass ich ihr den Abschied geben wölle. Mein arm Kind wurde blass, wie ein Leich und fragete verwundert, was ihr angekommen? Aber sie antwortete bloss: "nicks!8" und wischete sich mit der Schürzen die Augen. Als ich die Sprache wieder gewunnen, so mir schier vergangen war, dieweil ich sah, dass dies alte, treue Mensch mir auch abtrüunnig worden, hub ich an, sie zu examiniren, warumb sie fort wölle, da sie doch so lange bei mir verharret, auch in der grossen Hungersnot uns nicht verlassen wöllen, besonderen getreulich ausgehalten, ja mich selbsten mit ihrem Glauben gedemütiget und ritterlich auszuhalten vermahnet, was ich ihr nie vergessen würde, so lange ich lebte. Hierauf finge sie annur noch heftiger zu weinen und zu schluchzen und brachte endlich herfür: dass sie annoch eine alte Mutter bei 80 Jahren in der Liepen wohnende hätte, und wölle sie hin, selbige bis an ihr Ende zu pflegen. Worauf mein Töchterlein aufsprunge und weinend zur Antwort gab: "ach alte Ilse darum willtu wegk, denn dein Mütterlein ist ja bei deinen Bruder; sage mir doch, warumb du mich verlassen wilt, und was ich gegen dich verwirket, damit ich es wieder gut machen kann?" Aber sie verbarg ihr Gesicht in der Schürzen und schluchzete nur ohne ein Wörtlein herfürzubringen, wannenhero mein Töchterlein ihr die Schürzen wegkziehen, und ihr die Wangen streicheln wollte, umb sie zum Reden zu bringen. Aber als sie solliches merkete, schlug sie mein arm Kind auf die Finger und rief: pfui! spiee auch vor ihr aus und ging alsobald aus der Türen. Solliches hatte sie nie nit getan, da mein Töchterlein ein klein Mädken war, und entsatzten wir beide uns also, dass wir kein Wörtlein sprechen kunnten.

Währete aber nit lange; so erhob mein arm Kind ein gross Geschrei, und worf sich über die Bank und lamentirete immerdar rufend: "Was ist geschehn, was ist geschehn?" Gläubete also dass ich ihr sagen müsste, was ich in Kundschaft gezogen, nämlich, dass man sie vor eine Hexe ansäh, worauf sie anfinge zu lächeln, anstatt noch mehr zu weinen, und aus der Türen lief, umb die Magd einzuhohlen, so bereits aus dem haus gangen war, wie wir gesehen hatten. Kehrete aber nach einer Glockenstunden mit grossem Geschrei zurücke: dass alle Leute im dorf vor ihr gelaufen, als sie sich hätte von der Magd Kundschaft einziehen wöllen, wo sie geblieben. Item hätten die kleinen Kinder geschrieen, so sie in der schulen gehabt, und sich vor ihr verkrochen, auch hätte ihr Niemand nit ein Wörtlein geantwortet, sondern wie die Magd vor ihr ausgespieen. Wäre jedoch auf dem Heimbwege gewahr worden, dass schon ein Boot auf dem wasser sei, darauf eilends an das Ufer gelaufen, und der alten Ilsen aus vollen Kräften nachgeschrieen, so allbereits in dem Boot gesessen. Aber sie hätte sich an Nichtes gekehrt, sich auch gar nit einmal nach ihr umbgesehen, sondern sie mit der Hand fortgewinket. – Und nunmehr fuhr sie fort zu weinen und zu schluchzen den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch, dass ich elender war, denn zuvor in der grossen Hungersnot. Doch sollt es noch ärger kommen, wie man im folgenden Capite sehen wird.

Fussnoten

1 plattdeutsch: für Semmel. 2 plattdeutsch: für Flur. 3 Man nahm nämlich in jener schrecklichen Zeit an, dass wenn der Kranke die drei Artikel, und ausserdem einige auf das Erlösungswerk bezügliche Bibelsprüche nachsprechen konnte, er nicht