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ich ihme nun solchen verzählet, schüttelte er ungläubig das Haupt und vermeinete dass es mit aller Zauberei fast Lüg und Trug wäre wovor ich mich heftiglich perhorrescirete angesehen ich diesen jungen Herrn für einen klügeren Mann gehalten, und nun sehen musste, dass er ein Ateiste war. Solches aber merkete er und gab lächelnd zur Antwort, ob ich jemals den Johannem Wierum3 gelesen, so nichts wissen wölle von der Zauberei, und argumentire dass alle Hexen melancholische Personen wären, die sich selbsten nur einbildeten, dass sie einen pactum mit dem Teufel hätten und ihm mehr erbarmensdenn strafwürdig furkämen? Hierauf gabe ich zur Antwort, dass ich solchen zwar nit gelesen, (denn sage, wer kann Allens lesen, was die Narren schreiben?) aber der Augenschein zeige ja hier und aller Orten, dass es ein ungeheurer Irrtumb sei, die Zauberei zu leugnen, inmassen man alsdann auch leugnen könnte, dass es Mord, Ehebruch und Diebstahl gäb.

Aber dieses Argumentum nannte er ein Dilemma4 und nachdeme er viel von dem Teufel gedisputiret, so ich vergessen, da es arg nach Ketzereien roche, sagete er: er wölle mir von einem Zauber in Wittenberg erzählen, so er selbsten gesehen.

Als dorten nämblich ein kaiserlicher Haubtmann vor dem Elstertore eines Morgens sein gutes Ross bestiegen, um sein Fähnlein zu inspiciren, hebet solches alsobald an, so grimmig zu toben bäumet, schüttelt mit dem kopf, prustet, rennet und brüllet, nit wie Pferde sonst tun, dass sie wiehern, sondern es ist anzuhören gewest als wenn die Stimm aus einem Menschenhalse käme, so dass männiglich sich verwundert, und Allens das Rösslein für bezaubert gehalten. Es hätte auch alsobald den Haubtmann abgeworfen, ihm mit seinem Huf den Schädel eingeschlagen, dass er da gelegen und gezappelt, und hätte nunmehr ins Weite wöllen. Da hätte ein Reutersmann sein Handröhr auf das verzauberte Ross abgedrucket, dass es gleich auf den Weg zusammengeschossen und verrecket sei. So wäre er auch mit vielen hinzugetreten dieweil der Obrist alsofort Befehlig an den Feldscheerer gegeben, das Ross aufzuschneiden, umb zu sehen, wie es innerlich mit ihm stünde. Wäre aber alles gut gewest, und beide der Feldscherer und Feldmedicus hätten testificiret dass es ein kern gesund Ross sei, wannenhero denn Allens noch weit heftiger über Zauberei geschrieen. Hierzwischen aber hätte er selbsten (verstehe den jungen Nobilis) gesehen dass dem Rösslein ein feiner Rauch aus der Nasen gezogen, und als er sich niedergebucket, hätte er alsobald einen Lunten herfürgezogen, fast bei eines Fingers Länge, so noch geschwelet, und ihme ein Bube mit einer Nadel heimlich zur Nasen hineingestossen. Da wäre denn die Zauberei auf einmal vergeschwunden, und man hätte den Täter nachgespüret, so auch alsobald gefunden wär, nämblich der Reutknecht von dem Haubtmann selbsten. Denn da sein Herr ihm das Wammes ausgeklopfet, hätte er einen Eid getan, es ihm zu gedenken, so aber der Profost selbsten gehöret, der von ungefährlich am Stall gestanden und geharnet. Item hätte ein anderer Kriegsknecht bezeuget, dass er gesehen wie der Kerl ein Stück von der Lunten geschnitten, kurz zuvor ehe denn er seinem Herren das Ross vorgeführet. – Also meinte nun der junge Edelmann wär es mit jeglicher Zauberei, so man damit auf den Grund ginge, wie ich ja auch selbsten in Gützkow gesehen, wo der Teufelsspök ein Schuster gewest, und würde es auch hier im Dorf wohl auf gleiche Weiss zugestehn. Vor solche Rede wurde ich aber dem Junker von stunde an, als einem Ateisten abhold, wiewohlen ich in Zukunft leider Gottes gesehen hab, dass er fast recht gehabt, denn wäre der Junker nit gewest, wo wäre dann mein Kind?

Doch will ich Nichtes übereilen! – Summa: ich ging fast verdrüsslich über diese Wort in der Stuben umbher, und fing der Junker nunmehr an mit meinem Töchterlein über die Zauberei zu disputiren, bald deutsch und bald lateinisch, wie es ihm ins Maul kam, und sollte sie auch ihre Meinung sagen. Aber sie gab ihm zur Antwort, dass sie ein dumm Ding sei und keine Meinung haben könnte, dass sie aber dennoch gläube, der Spök hier im dorf ginge nit mit rechten Dingen zu. Hierüber rief mich die Magd abseiten (weiss nit mehr was sie wollte) doch als ich wieder in die Stuben kam, war mein Töchterlein so rot, wie ein Schaarlachen und der Junker stunde dicht vor ihr. Fragete sie daher gleich als er abgeritten, ob etwas fürgefallen, so sie aber leugnete und erst nachgehends bekannte: dass er in meinem Abwesen gesagt, dass er nur einen Menschen kenne, so zu zaubern verstünde, und als sie ihn gefraget, wer derselbige Mensch denn wäre, hätte er sie bei der Hand gegriffen und gesagt: "Sie ist es selbsten liebe Jungfer, denn sie hat meinem Herzen etwas angetan, wie ich verspüre!" Weiteres aber hätte er nichtes gesagt, als dass er sie dabei mit brennenden Augen ins Angesicht geschauet und darüber wäre sie so rot worden.

Aber so seind die Mädchens, sie haben immer ihre Heimblichkeiten, wenn man den rücken drehet, und ist das Sprüchwort wahr:

Mätens to höden

Un Kücken to möten

Sall den Düwel sülfst vertreten!5

wie man leider nachgehends noch weiter finden wird.

Fussnoten

1 Jesaias 54, 7. 2 Die Werke des heiligen Augustin. 3 Ein niederländischer Arzt, der lange vor Spee und Tomasius das Unwesen des Zauberglaubens seiner Zeit in der Schrift confutatio opinionum de magorum Daemonomia Frankfurt 1590 angriff