gestorben zu Wiewardin d. 5ten May 1678 wär nach dem übereinstimmenden zeugnis ihrer Zeitgenossen ein Wunder der Gelehrsamkeit und vielleicht das gelehrteste Weib, das je auf Erden lebte. Der Franzose Nande urteilt von ihr; was die Hand bilden und der Geist fassen kann, trifft man bei ihr allein. Keine malt besser, keine bildet besser in Erz, Wachs und Holz. In der Stickerei übertrifft sie alle alten und neuen Weiber. Man weiss nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit sie sich am mehrsten ausgezeichnet. Nicht mit den europäischen Sprachen zufrieden, versteht sie hebräisch, arabisch, syrisch und schreibt ein Latein, dass kein Mann, der sein Leben darauf verwendet, es besser kann. Der berühmte Niederländer Spanheim nennt sie "eine Lehrerin der Gratien und Musen", der noch berühmtere Salmasius gesteht: er wisse nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit er ihr den Vorzug geben sölle, und der Pole Rotyer nennt sie gar "das einzige Exemplar aller Wunderwerke an einem gelehrten Menschen, und ein gänzliches Monstrum ihres Geschlechts doch ohne Fehler und Tadel." Denn in der Tat behielt sie bei ihrem ausserordentlichen Wissen eine bewunderswürdige Demut, wiewohl sie selbst gesteht, dass die unmässiner Selbstverblendung verleitet hätten. In späteren Jahren trat sie zu der Gemeine der Labadisten über, welche manche Aehnlichkeit mit den neuem Muckem gehabt zu haben scheint, starb aber unvermählt, da eine frühe Liebe (schon in ihrem 15ten Jahre) mit dem Holländer Caets sich zerschlagen hatte. Als Seltsamkeit von ihr wird angeführt, dass sie gerne Spinnen gegessen. Ihre gesammelten Werke gab der berühmte Spanheim unter dem Titel: Annae Mariae a Schurmann opuscula, Leiden 1648, zuerst heraus. 17 Schenkungsurkunde.
Capitel 11.
Wie ich die ganze Gemein gespeiset, item wie ich
nach Gützkow zum Rossmarkt gereiset und was mir
alldort gearriviret.
Des andern morgens zuteilete mein Töchterlein die lieben Brod, und schickte einem Jeglichen im Dorf eine Schnede. Doch da wir sahen, dass unser Fürrat bald würde auf die Neige laufen, schickete abermals die Magd mit einer Karren, so ich von Adam Lempkem gekauft, nach Wolgast mehr Brod zu hohlen, welches sie auch tate. Item liess ich im ganzen Kapsel herumbsagen, dass ich am Sonntag wölle das heilige Abendmahl halten, und kaufete unterdessen im Dorf alle grossen Fische, so sie fingen. Als nun endlich der liebe Sonntag kam, hielt ich erstlich Beicht mit der ganzen Gemein, und darauf die Predigt über Matt. 15, 32. Mich jammert des volkes, denn sie haben nichts zu essen. Solliches deutete aber fürs erste nur auf die geistliche Speiss, und erhobe sich ein gross Seufzen unter Männern und Weibern, als ich zum Schluss auf das Altar wiese, worauf die liebe Seelenspeise stunde, und die Worte wiederholte: mich jammert des volkes, denn sie haben nichts zu essen. (NB. den bleiernen Kelch hatte mir in Wolgast geliehen, und vor die Patene ein klein Tellerlein gekaufet, bis Meister Bloom den silbernen Kelch und die Patene, so ich bestellet würde fertig halten.) Als ich nun darauf das heilige Nachtmahl consacriret und ausgeteilet, item den Schlussvers angestimmet, und ein Jeglicher still sein Vater unser gebet, umb aus der Kirchen zu gehen, trat ich abermals aus dem Beichtstuhl herfür, und winkete dem Volk annoch zu verharren, da der liebe Heiland nit bloss ihre Seelen sondern auch ihren Leib speisen wölle, angesehen er mit seinem Volk noch immer eben dasselbige Erbarmen hätte, wie weiland mit dem Volk am galiläischen Meer. Solliches sollten sie sehen. Trat also in den Turm und langete zwei Körbe herfür so die Magd in Wolgast gekaufet, und ich zu guter Zeit hier hatte verhehlen lassen, satzete sie für das Altar und zog die Tüchlein womit sie bedecket waren, davon, worauf sich fast ein laut Geschrei erhob, massen sie den einen voller Bratfisch, den andern aber voller Brod funden, so wir heimlich hineingetan. Machte es darauf wie der Heiland, dankete und brach es und gab es meinem Fürsteher Hinrich Seden, dass er es den Männern und meinem Töchterlein, dass sie es den Weibern fürlegen musste, worauf den Text: mich jammert des volkes denn sie haben nichts zu essenauch leiblich anwandte, undauf und nieder in der Kirchen schreitend, unter grossem gemeinen Geschrei sie vermahnete, immer Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen, fleissig zu beten fleissig zu arbeiten und in keine Sünde zu willigen. Was übrig blieb mussten sie vor ihre Kinder und alten Greise aufheben, so zu haus geblieben waren.
Nach der Kirchen, und als ich kaum meinen Chorrock abgetan, kam Hinrich Seden sein gluderäugigt Weib wieder und verlangete trotziglich noch ein Mehres vor die Reise ihres Mannes nach der Liepe; auch hätte sie vor sich selbsten noch Nichtes erhalten, angesehen sie heute nit in der Kirchen gewesen. Solliches verdross mich fast, und sagete ich zu ihr: warum bistu nit in der Kirchen gewesen? Doch wärestu demütig kommen, hättestu auch jetzt noch etwas erhalten, da du aber trotziglich kümmst, geb' ich dir Nichts. Gedenke doch wie du es mit mir und meinem kind gemacht. Aber sie blieb bei der Türen stehen und gluderte trotzig in der Stuben rings umbher, bis sie mein Töchterlein beim Arm nahm, und heraus führte, indeme sie sprach: "hörstu? du sollst erst demütig wieder kommen, ehe du etwas empfähest; kömmstu aber also, so solltu auch deinen teil haben und wir wollen nit weiter mit dir Auge um Auge, Zahn um Zahn rechnen,