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Wolgast gehen und die kleinen Stücklein verkaufen, so gut es müglich wäre, sagende, du hättest sie an der Sehe gefunden; solches kannstu auch meinetalben der Magd sagen, und sie ihr zeigen, aber die grossen Stücke zeigestu Niemand nit, die will ich an deinen oheim gegen Hamburg senden, uns solche zu versilbern. Vielleicht, dass ich auch eins davon in Wolgast verkaufe, so ich gelegenheit hab, umb Dir und mir die Winternotdurft auf den Leib zu schaffen, daher du mitgehen kannst. Die Witten, so die Gemein zusammengebracht, nehmen wir vors Erste für Fährgeld, und kannstu die Magd uns auf den Abend nachbestellen, dass sie auf der Fähren auf uns harre, umb die Alimenten zu tragen. Dieses Allens versprach sie zu tun, meinete aber, wir könnten erst mehr Birnstein brechen, damit wir was Rechtes in Hamburg kriegeten, was ich auch tate, und daher des andern Tages noch zu haus verblieb, massen es uns noch nit an Kost gebrach, mein Töchterlein auch sowohl als ich, uns erst wieder gänzlich recreiren wollten, bevorab wir die Reis' anträten, item wir auch bedachten, dass der alte Meister Rotoog in Loddin, so ein Tischler ist, uns bald ein Kistlein zusammenschlagen würde, um den Birnstein hineinzutun, daher ich zu Nachmittag die Magd zu ihm schickete, unterdessen wir selbsten in den Strekelberg schritten, wo ich mir mit meinem Taschenmesser, so ich für dem Feinde geborgen, ein Tännlein abschnitte, und es wie einen Spaten formirete, damit ich könnte besser damit zur Tiefen fahren. Sahen uns aber vorher auf dem Berge wohl umb, und da wir Niemand nit gewahreten, schritt mein Töchterlein voran, zu der Stätte, welche sie auch alsofort wiederfunde. grosser Gott, was hatts hier für Birnstein! – Die Ader ging bei 20 Fuss Länge, wie ich ungefährlich abfühlen mochte, die Tiefe aber kunnte ich nicht ergründen. Doch brachen wir heute ausser vier ansehnlichen Stükken, doch fast nit so gross, als die von gestern seind, nur klein Gruuswerk, nicht viel grösser als was die Apoteker zu Stänkerpulver6 zustossen. Nachdeme wir nun den Ort wieder mit äusserstem Fleiss bedecket und bewedelt, wär uns bald ein grosser Unfall zugestossen. Denn uns begegnete Wittansch ihr Mädken, so Brummelbeeren suchte, und da sie fragete, was mein Töchterlein in der Schürzen trug und diese rot würde und stockete, wäre alsobald unser geheimnis verraten, hätte ich mich nicht begriffen und gesagt: was gehts dich an, sie träget Tannenzapfen umb damit einzuheitzen, was sie auch gläubte. Wir satzten uns daher für, in Zukunft nur des Nachts und bei Mondenschein auf den Berg zu steigen, und kamen noch vor der Magd zu haus woselbst wir unsern Schatz in der Bettstätt verburgen, damit sie es nicht merken sollte.

Fussnoten

1 stöhnte. 2 schicklicher. 3 betteln. 4 Matt. 6, 34. 5 kommt auch jetzt noch öfter vor, und ist dem Herausgeber selbst begegnet. Doch entielt die kleine schwarze Ader nur wenige Stücken Bernstein mit Holzkohle vermischt, letzteres ein sicheres Zeichen seines vegetabilischen Ursprungs, worüber beiläufig gesagt, jetzt auch kaum ein Zweifel obwaltet, seitdem man in Preussen sogar ganze Bernsteinbäume aufgefunden hat, und auf dem Museum zu Königsberg bewahrt. 6 Wahrscheinlich Räucherpulver.

Capitel 10.

Wie wir nach Wolgast reisen und daselbsten gute

Kaufmannschaft halten.

Zwei Tage darauf, sagt mein Töchterlein, die alte Ilse aber meint drei Tage (und weiss ich nit was wahr ist) seind wir endiglichen zur Stadt gewest, angesehen Meister Rotoog die Kiste nit eher fertig hatte. Mein Töchterlein deckete ein Stück von meiner seeligen Frau ihrem Brautkleid darüber so die Kaiserlichen zwar zerfetzet, doch als sie es darauf wohl draussen liegen lassen, von dem Winde in den Pfarrzaum war getrieben, wo wir es wiederfunden. War auch schon vorher ziemlich unlieblich, sonst achte ich, hätten sie es wohl mit sich geführt. – Umb der Kisten willen aber nahmen wir die alte Ilse gleich mit, so selbige tragen musste, und da Birnstein eine fast leichte Waare ist, gläubete sie es leichtlich, dass nur etwas Esswaar in selbiger vorhanden sei. Setzeten also bei Tages Anbruch mit Gott unsern Stecken vor uns. Bei dem Zitze1 lief ein Haase vor uns über den Weg, was nichts Gutes bedeuten soll; ach ja! – Als wir darauf gegen Bannemin kamen, fragte ich einen Kerl, ob es wahr sei, dass hier eine Mutter ihr eigen Kind für Hunger geschlachtet, wie ich vernommen. Er sagte ja, und nannte das alte Weib Zissesche. Der liebe Gott aber hätte sich für solchem Gräuel entsetzet, und es hätte ihr doch nicht geholfen, massen sie sich so sehr bei dem Essen gespeiet, dass sie davon den Geist aufgegeben. Sonsten meinte er, stünd' es im Kapsel schon etwas besser, dieweil der liebe Gott sie reichlich mit Fischen sowohl in der Sehe als im Achterwasser gesegnet. Doch wären auch hier viel Leute für Hunger gestorben. Von seinem Pfarrherrn Ehre Johannes Lampius2 verzählete er, dass sein Haus von den Kaiserlichen gebrennet sei, und er in einer Kirchenbude3 läge. Ich liess ihne grüssen, und möchte er doch bald einmal sich zu mir aufmachen (welches der Kerl auch zu besorgen versprach), denn Ehre Johannes ist ein frommer gelehrter Mann, und hat auch etzliche lateinische Chronosticha auf diese elendig Zeit in metro heroico gestellet, so mir sehr gefallen, muss ich sagen4.

Doch auf der Hälfte des Weges zwischen Coserow