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die alte Magd länger behalten können. Rief sie also aus der Küchen herbei, und stellte ihr für: dass sie morgen frühe zu guter Zeit sich nach der Liepen aufmachen möchte, dieweil es dorten noch zu essen hätte, und sie hier verhungern würde, angesehen wir selber vielleicht schon morgen den Kapsel und das Land verlaufen würden. Dankete ihr auch für ihre bewiesene Liebe und Treue, und bate sie endlich unter lautem Schluchzen meiner armen Tochter, sie wölle lieber nur sogleich heimblich hinweggehen, und uns beiden nicht das herz durch ihren Abschied noch schwerer machen, angesehen der alte Paassch die Nacht auf dem Achterwasser wöllte fischen ziehen, wie er mir gesagt, und sie gewiss gerne in Grüssow an das Land setzete, wo sie ja auch ihre Freundschaft hätte, und sich noch heute satt essen könnte. Aber sie kunnte vor vielem Weinen kein Wörtlein herfürbringen; doch da sie sah, dass es mein Ernst war, ging sie aus der Stuben. Nit lange darauf hörten wir auch die Haustüre zuklinken, worauf mein Töchterlein wimmerte: sie geht schon und flugs an das Fenster rannte, ihr nachzuschauen "Ja, schrie sie", als sie durch die Scheiblein geblicket, "sie geht schon!" und rang die hände und wollte sich nit trösten lassen. Endiglichen gab sie sich doch, als ich auf die Magd Hagar kam so Abraham auch verstossen, und deren gleichwohl der Herr sich in der Wüsten erbarmet und darauf befahlen wir uns dem Herrn, und streckten uns auf unser Mooslager.

Fussnoten

1 Ist jetzt nicht mehr vorhanden. 2 Ein abgelegener teil der Insel Usedom. 3 Plattdeutsch, für Schnitte. 4 Dieses entsetzliche Ereigniss führt auch Micraelius in seiner pommerschen geschichte an. 5 wo nach Josephus dasselbe geschah. 6 Da! aber betet auch für mich, dass ich zu haus komme, denn wenn man unterweges riechet, dass ich Brod habe, schlägt mich mein eigener Bruder tot, könnt Ihr glauben. 7 zur Saat vorbereitet, d.i. gepflügt und geeggt. 8 Lass Er dass nur ruhen und bete er nur für uns. 9 Da hat Er auch was, und wenn es verzehret ist, kann er noch einmal kommen. 10 etwa 16 Pfennige. 11 Schandpfahl. 12 glaube und du hast gegessen. 13 Braxen, Blei, ein zum Karpfengeschlecht gehöriger fisch. 14 Rinde. 15 Dieb. 16 Warte, dir soll der Teufel die arme ausreissen, komm mir nur wieder ins Haus. 17 ihr könnt ihr ja etwas vorpredigen, als ihr mir getan habt. 18 kochen. 19 befahren bis zu dieser Stunde in kleinen Fahrzeugen (Polten und Quatzen) alltäglich das Achterwasser und kaufen dem Bauern die gefangenen Fische ab.

Capitel 9.

Wie mich die alte Magd mit ihrem Glauben

demütigt und der Herr mich unwürdigen Knecht

dennoch gesegnet.

Lobe den Herrn meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn und vergiss nicht, was er dir Guts getan hat. Der dir alle deine Sünde vergiebt, und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Ps. 103.

Ach ich armer elender Mensch, wie soll ich alle Wohltat und Barmherzigkeit fassen, so mir der Herre schon des andern Tages widerfahren liesse. Ich heulte für Freuden, wie sonst für Jammr, und mein Töchterlein tanzete in der Stuben wie eine junge Rehe, und wollte nit zu Bette gehen, wollte nur weinen und tanzen, wie sie sagete, und dazwischen den 103ten Psalm beten, und dann wieder weinen und tanzen, bis der Morgen anbrechen würde. Da sie aber noch merklich schwach war, untersagte ich ihr solchen Fürwitz angesehen dies auch hiesse den Herrn versuchen, und nun merke man, was fürgefallen:

Nachdem wir beide mit grossem Seufzen am Morgen erwacht waren und den Herrn angerufen, er wölle uns in unsern Herzen offenbaren, was wir tun söllten, konnten wir gleichwohl noch immer nicht an einen Beschluss kommen, daher mein Kind vermahnete, so sie anders so viel Kräfte in sich verspüre, ihr Lager zu verlassen, und Feuer in den Ofen zu werfen, dieweilen unsere Magd weg sei. Wöllten nachher die Sache ferner in überlegung ziehen. Sie stand daher auch auf, kehrete aber alsobald mit einem Freudengeschrei zurücke, dass die Magd sich wieder heimlich in das Haus geschlichen, und allbereits Feuer in den Ofen gestochen. Liess sie mir also vors Lager kommen, und verwunderte mich über ihren Ungehorsam, was sie hier ferner wölle, als mich und mein Töchterlein noch mehr quälen, und warumb sie nicht gestern mit den alten Paassch gezogen? Aber sie lamentirte und jünsete1, dass sie kaum sprechen konnte, und verstand ich nur so viel: sie hätte mit uns gessen darum wölle sie auch mit uns hungern und möchte ich sie nur nit verstossen, sie könne nun einmal nit von der lieben Jungfer lassen, so sie schon in der Wiegen gekennet. Solche Lieb' und Treue erbarmete mich so, dass ich fast mit Tränen sprach: aber hastu nit gehöret dass, mein Töchterlein und ich entschlossen seind, als Bettlersleute ins Land zu gehen, wo wiltu denn bleiben? Hierauf gab sie zur Antwort, dass sie nit wölle, angesehen es gebührlicher2 vor sie, als vor uns wäre, schnurren3 zu gehen. Dass sie aber noch nit einsäh, warumb ich schon wöllte in die weite Welt ziehen. Ob ich schon vergessen, dass ich in meiner Antrittspredigt gesagt: