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nur trinken, es wäre gesalzen und Allens. Er wölle nur gleich wieder durchs Fenster eilen und sehen, dass er vor seinem weib ins Haus käme, damit sie es nicht merken tät, wo er gewesen. Aber mein Töchterlein wollte den Topf nit nehmen, was ihn sehr verdross, so dass er ihn fluchend zur Erden setzte und wieder in die kammer lief. Nicht lange, so trat auch sein gluderäugigt Weib zur Vordertüren herein, und als sie den Topf auf der Erden noch dampfen sah, schriee sie: "du Deef15 du verfluchtes deefsches Aas" und wollte meiner Magd in die Mütze fahren. Ich bedräuete sie also, und verzählete, was fürgefallen; wöllte sie es nit gläuben so möchte sie in die kammer gehen und durchs Fenster schauen, wo sie ihren Kerl vielleicht noch laufen säh. Sollichtes tat sie, und höreten wir sie auch alsogleich ihrem Kerl nachschreien: Teuf di sall de Düwel de Arm utrieten, kumm mie man wedder int Huus16 worauf sie wieder hereintrat, und mummelnd den Topf von der Erden hob. Ich bat sie umb Gottes willen, sie wölle meinem Töchterlein ein wenig abteilen, aber sie höhnete mich und sprach: ji koehet ehr jo wat vör prädigen, ass ji mie dahn hebt17 und schritt mit dem Topf zur Türen. Zwar bat mich mein Töchterlein ich söllte sie lassen, aber ich konnte nicht umbhin, dass ich ihr nachschrie: um Gottes willen nur einen guten Trunk, sonst gibt mein armes Kind den Geist auf; willtu, dass Gott sich dein am jüngsten Tage erbarme, so erbarme dich heute mein! Aber sie höhnete uns abermals und rief: he kann sich jo Speck kaken18, und schritt aus der Türen. Sandte ihr also die Magd nach mit der Sanduhr, so vor mir auf dem Tische stunde, dass sie ihr selbige bieten möchte' vor einem guten Trunk aus ihrem Topf. Aber die Magd kam mit der Sanduhren wieder und sagte: sie hätt es nicht gewollt. Ach wie schriee und seufzete ich nun abermals, als mein arm sterbend Kind den Kopf mit einem lauten Seufzer wieder in das Moos steckete! – Doch der barmherzige Gott war gnädiger, als ich es mit meinem Unglauben verdient. Denn, da das harterzige Weibsbilde dem alten Paassch ihrem Nachbarn ein wenig Suppen mitgeteilt, bracht' er sie sogleich vor mein Töchterlein, da er von der Magd wusste, wie es umb sie stünde, und achte ich, dass diese Suppen, nebst Gott, ihr allein das Leben erhalten, dieweil sie gleich wieder das Haupt aufreckte, als sie selbige genossen, und nach einer Stunden schon wieder im haus umbhergehen konnte. Gott lohn's dem ehrlichen Kerl! Hatte daher noch heute grosse Freud in meiner Not; doch als ich am Abend beim Kaminfeuer niedersass, und an meine Verhängnüss gedachte, brach wieder der Schmerz herfür, und beschloss nun mehro mein Haus und meine Pfarre selbst zu verlaufen, und als ein Bettlersmann mit meiner Tochter durch die weite Welt zu ziehen. Ursache kann man genugsam denken. Denn da nunmehr alle Hoffnung mir weggestochen war, massen mein ganzes Feld geruiniret, und der amtshauptmann mein ergrimmter Feind worden war, ich auch binnen fünf Jahren keine Hochzeit, item binnen einem Jahr nur zwo Taufen gehabt, sah meinen und meines Kindes Tod für Augen, dieweil gar nit abzusehen, dass es vors Erste besser söllte werden. Hiezu trat die grosse Furcht in der Gemein. Denn obwohl sie durch Gottes wunderliche Gnade schon anfingen manchen guten Zug beides in der Sehe wie im Achterwasser zu tun, auch mancher in den andern Dörfern sich schon Salz, Brod, Grütze etc. von den Anklammschen und Lassanschen Pöltern und Quatznern19 vor seine Fische hatten geben lassen, brachten sie mir doch Nichtes, weil sie sich scheueten, dass es möchte gegen Pudgla verlauten, und sie einen ungnädigen Herrn haben. Winkete daher mein Töchterlein neben mich, und stellte ihr für, was mir im Gedanken lage. Der grundgütige Gott könne mir ja immer eine andere Gemeinde wieder bescheeren, so ich sollte solcher Gnade würdig vor ihm befunden werden, angesehen die grimmige Pest- und Kriegeszeit manchen Diener seines Worts abgerufen, ich auch nicht, wie ein Mietling von seiner Heerde flöhe, besonderen bis dato Not und Tod mit ihr geteilet. Ob sie aber wohl des Tages ein oder zwo Meilen würde gehen künnen? dann wöllten wir uns gegen Hamburg durchbitten zu meiner seligen Frauen ihrem Stiefbruder, Martin Behring so dorten ein fürnehmer Kaufmann ist.

Solliches kam ihr anfänglich seltsam für, inmassen sie wenig aus unserm Kapsel gekommen auch ihre selige Mutter und Brüderlein auf unserm Kirchhof lagen. "Wer dann ihr Grab aufmachen und mit Blumen bepflanzen söllte? item, da der Herre ihr ein glatt Gesicht gegeben, was ich tun wöllte, wenn sie in dieser wilden grimmigen Zeit auf der Landstrassen von dem umbherstreichenden Kriegsvolk und andern Lotterbuben angefallen würde, da ich ein alter schwacher Mann sei und sie nit schützen könnte, item womit wir uns für dem Froste schützen wöllten, da der Winter hereinbräch, und der Feind unsere Kleider geraubet, so dass wir ja kaum unsere Blösse decken künnten?" – Dieses Alles hatte ich mir noch nicht fürgestellet, musste ihr also recht geben, und wurde nach vielem Disputiren beschlossen, dass wir zur Nacht die Sache wöllten dem Herrn überlassen, und was er am andern Morgen uns würde in das herz geben, wöllten wir tun. Doch sahen wir wohl, dass wir auf keinerlei Weiss würden