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meine fast, dass es Hinrich Seden sein böses Weib getan, sintemalen er nicht schweigen kann, und ihr wie gläublich, wohl alles wiedererzählet. Auch hat Paasschen sein klein Töchterlein gesehen, dass sie zum andern Mittag Fleisch in dem Topf gehabt, item dass sie mit ihrem Mann gehaddert, und nach ihme mit dem Fischbrett geschmissen, auf welchem noch frische Fischschuppen gesessen; hätte aber sich gleich begriffen, als sie ihrer gewahr worden. (Pfui dich alte Hexe, es wird genug wahr sein!) daher blieb uns nichts übrig, als unsere arme Seele mit Gottes Wort zu speisen. Aber auch diese war so verzaget, dass sie nichts mehr annehmen wöllte, so wenig als der Magen. Denn mein arm Töchterlein insonderheit, ward von Tag zu Tag blasser, grauer und gelber, und spiee immer wieder die Speiss aus, da sie Allens ohne Salz und Brod genoss. Wunderte mich schon lange, dass das Brod aus der Liepe nit wollte all werden, sondern ich alle Mittag bisher ein Stücklein gehabt. Hatte auch öftermalen gefraget, wo hastu denn immerfort das liebe Brod her, am Ende hebest du Alles vor mich allein auf, und nimmst weder vor dich ein Stücklcin, noch vor die Magd. Aber beide hoben dann immer ein Stücklein tannen Bork14 in die Höhe, so sie zurecht geschnitten und vor ihren Teller gelegt, und da es dunkel war in der Stuben, merkete ich die Schalkheit nit, sondern gläubete sie ässen auch Brod. Aber endiglichen zeigt es mir die Magd an, dass ich es nit länger leiden söllte, dieweil mein Töchterlein ihr selbsten nit hören wölle. Da kann nun männiglich abnehmen, wie mir um das herz war, als ich mein arm Kind auf ihr Moosbett liegen und ringen sah mit dem grimmigen Hunger. Aber es sollte noch härter kommen, denn der Herr wollte mich ganz zerschlagen in seinem Zorn wie einen Topf. Siehe auf den Abend desselbigen Tages kommt der alte Paassch angelaufen klagende, dass all sein und mein Korn im feld umbgehaket und elendiglich zerstöret sei, und müsse dies schier der leidige Satan getan haben, angesehen nicht die Spur eines Ochsen weder eines Rosses zu sehen wär. Für solche Rede schriee mein arm Kind laut auf und fiel in Unmacht. Wollte ihr daher zu hülfe springen, aber ich erharrete nit ihr Lager, sondern fiel für gräulichen Jammer selbsten zur Erden. Als nun die Magd wie der alte Paassch ein laut Geschrei herfurstiessen, kamen wir zwar wieder bei uns, aber ich konnte mich nit allein mehr von der Erden erheben, so hatte der Herr meine Gebein zermalmet. Bate daher, als sie mir beisprangen, so wöllten mich nur liegen lassen, und als sie solches zu tun sich wegerten, schriee ich, dass ich doch gleich wieder zur Erden müsst' ümb zu beten und möchten sie nur Alle bis auf mein Töchterlein aus der stube gehen. Solliches täten sie, aber das Beten wollte nit gehen. Ich geriete in schweren Unglauben und Verzweiflung, und mürrete wieder den Herrn, dass er mich härter plagete denn Lazarum und Hiob. Denn dem Lazaro schriee ich Elender, hattest du doch die Brosamen und die barmherzigen Hündlein gelassen, aber mir hast du nichts gelassen, und bin ich selber schlechter vor dir, denn ein Hund geachtet, und den Hiob hast du nicht gestrafet, ehe du gnädiglich ihm seine Kinder genommen, mir aber lässest du mein arm Töchterlein, dass ihre Qual meine eingene noch tausendfältiglich häufen muss. Siehe darum kann ich dich nichts mehr bitten, denn dass du sie bald von dieser Erden nimmst, damit mein graues Haubt ihr freudig nachfahren könne in die Grube! Wehe ich ruchloser Vater, was hab' ich getan? Ich hab Brod gessen und mein Kindlein hungern lassen! O Herr Jesu, der du sprichst: welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet um Brod, der ihm einen Stein biete? Siehe ich bin dieser Mensch, siehe ich bin dieser ruchlose Vater, ich habe Brod gessen und meinem Töchterlein Holz geboten, strafe mich, ich will dir gerne stille halten! O mein gerechter Jesu, ich habe Brod gessen und meinem Töchterlein Holz geboten! – Als ich solliches nicht redete sondern laut herfürschrie, indem ich meine hände range, fiel mir mein Töchterlein schluchzend umb den Hals, und strafete mich, dass ich gegen den Herrn murrete, da doch sie selbsten als ein schwach und gebrechlich Weib gleichwohl nicht an seiner Gnade verzweifelt sei; so dass ich bald mit Schaam und Reue wieder zu mir selbsten kam, und mich vor dem Herrn demütigte für solche Sünden.

Hierzwischen war aber die Magd mit grossem Geschrei in das Dorf gerannt, ob sie ein wenig für ihre arme Jungfer gewinnen möchte. Aber die Leute hatten ihr Mittag schon verzehret und die Meisten waren auf der Sehe, sich die liebe Nachtkost zu suchen; daher sie nichts gewann, angesehen die alte Sedensche so allein noch einen Fürrat gehabt, ihr nichts hätte verabreichen wöllen, obschon sie selbige um die Wunden Jesu gebeten.

Solliches verzählete sie noch, als wir es in der kammer poltern höreten, und alsobald ihr guter alter Ehekerl, der dorten heimlich in das Fenster gestiegen war, einen Topf mit einer kräftigen Suppen uns brachte, so er seinem weib von dem Feuer gehoben, die nur einen gang in den Garten getan. Er wisse wohl, dass sein Weib ihm dieses bass vergelten würde, aber das söllt ihn nicht verdriessen, und möchte die Jungfer