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dringend die notwendigkeit fühlte, mich abzukühlen, und deshalb mit unserm alten Diener den Fussweg einschlug. Die Nacht ist heute' so schön.

O, unaussprechlich schön! wiederholte Walter und die frühere Stille trat wieder ein. Jenny's Unruhe stieg dadurch von Minute zu Minute. Sie bildete sich endlich ein, um sich Walter's Schweigen und ihre Unruhe zu erklären, ihrem Vater sei irgend ein Unglück begegnet und man habe ihr Walter entgegengeschickt, sie davon in Kenntniss zu setzen. Wie ging es meinem Vater, als Sie ihn verliessen? fragte sie besorgt.

Er war wohl und munter, und hatte sich zur Ruhe begeben, ehe ich fortging, antwortete der Graf, und Jenny, als sie in diesem Augenblick ihre wohnung erreichten, machte ihren Arm aus dem des Grafen los und sank aufatmend auf den Sitz vor ihrer tür nieder. Sie hätte weinen mögen, so gepresst war ihr das Herz. Sie wollte aufstehen und noch in das Zimmer ihres Vaters gehen, um sich zu überzeugen, dass er wohl sei, und war doch so beklommen und so bang bewegt, dass sie kein Glied zu rühren vermochte. Dem Grafen musste es eben so ergehen, er setzte sich schweigend zu ihr nieder.

Es war still um sie her; nur das Rauschen der Blätter, das leise Rieseln des Oelbaches tönten an ihr Ohr. Balsamisch drang der Duft des frisch gemähten Grases von den Wiesen empor und Jenny's Seele fand Ruhe und Frieden in dieser feierlichen Stille, der sie sich mit Wonne hingab. Da tauchte plötzlich ein lichter Schein am nördlichen Horizonte auf, hell und immer heller, so dass der ganze Himmel davon durchleuchtet und verklärt schien, während ein Lichtmeer den Ursprung der herrlichen Erscheinung bezeichnete. Einzelne Strahlen schossen blitzschnell gegen den Zenit empor, im wechselnden Farbenspiel und mit ganz überirdischer Pracht; dann verschwammen sie wieder in dem Lichtmeere und neue, ebenso glänzende Flammenstreifen tauchten daraus hervor. Es war das schönste Nordlicht, das man seit lange gesehen hatte und bewundernd hingen Jenny's Blicke an dem erhabenen Anblick. Ihre hände falteten sich unwillkürlich und mit bebender stimme sagte sie: Und sie sprechen von Offenbarung! Als ob es eine göttlichere, unwiderstehlichere geben könnte, als diese. Wer sollte nicht glauben an Den, der in solchen Zeichen zu uns spricht? Das ist Gott! Das ist der Gott, den ich anbete, und der keines Mittlers, keiner sinnverwirrenden Lehren von Kreuz und Blut und Tod bedarf, um uns fühlen zu lassen, dass sein die Macht und Er die Liebe ist.

Tränen der Begeisterung flossen aus ihren Augen. Kein Gedanke, als die anbetende Verehrung, die tiefste Demut vor Gott war in ihrer Seele, als Walter mit einem Ausruf von Entzücken sich vor Jenny niederwarf und ihre gefalteten hände an seine glühenden Lippen presste. Erschreckt und unangenehm durch diese leidenschaftliche Berührung in ihrer Andacht gestört, stand Jenny auf und sagte mit einem Tone des Vorwurfs: Entweihen Sie die Stunde nicht. Knien Sie nicht vor dem geschöpf, wenn der Schöpfer selbst Sie einer solchen Offenbarung würdigt! Und sie schritt rasch in das Haus, an dessen tür ihr Diener ihres Eintritts wartete.

Bestürzt sah Walter ihr nach. Sein Herz hatte voll grenzenloser Liebe verlangt, sich in dieser feierlichen Stunde der Geliebten für immer zu eigen zu geben, und im Uebermass des Gefühls war er vor sie niedergesunken. Wie sie in dem Phänomen, so betete er in ihr die Macht des Schöpfers an, und kalt und tadelnd hatte sie ihn von sich gestossen. Er warf es sich vor, wie ein blöder Träumer vor Jenny gestanden zu haben, statt von ihr wie ein Mann ihre Hand und ihr Wort zu fordern. Jetzt, sagte er sich, jetzt könnte sie mein sein. Ich könnte meine Lippen auf die ihren drücken, den Schlag ihres Herzens an dem meinen fühlen, wissen, dass sie mein ist für immerdass sie mich liebt ....

Walter hielt inne. Dass sie ihn liebte, dafür hatte er keinen, gar keinen Beweis, und doch glaubte er an ihre Liebe. Eine Liebe wie die seine konnte nicht unerwidert bleiben, sie musste Gegenliebe finden. Diese Hoffnung gab ihm Mut; und voll Vertrauen auf einen glücklichen Ausgang wollte er am nächsten Morgen Jenny seine Liebe gestehen und von ihrem Vater die Hand seiner Tochter fordern. Doch nur zu oft vernichtet der Morgen die Hoffnungen des vorigen Tages. Als Walter das Zimmer betrat, in dem man sich zu versammeln pflegte, sah er an den verstörten Zügen der beiden Damen, dass ihre Ruhe erschüttert, ein unangenehmes Ereigniss hereingebrochen sein müsse. Clara schien geweint zu haben und schüttelte traurig das Haupt, als Herr Meier tröstend sagte: Sie sollten froh sein, mein Kind, dass dies verhältnis nun endlich zu einer Entscheidung gekommen ist. An den augenblicklichen Schmerz darf man nicht denken, wo eine lange und hoffentlich bessere Zukunft gewonnen werden soll.

Um nicht zu stören, verliess der Graf das Zimmer und ging zu William, den er schreibend fand. Von ihm erfuhr er, wie vor einer Stunde ein Brief Eduard's an ihn angekommen sei, der diese allgemeine Aufregung verursacht hatte. Er schrieb ihm:

Mein Freund, mache Dich gefasst, eine Mitteilung zu hören, die, obgleich erwünscht in ihren Folgen, doch für den Augenblick ihr Betrübendes hat. Ferdinand ist bei mir, aber er ist krank und sehr zu beklagen.

Vorgestern in der Nacht schellte man an