Sie tun mir Unrecht, entgegnete Walter, wenn Sie meinen Worten irgend einen andern Sinn unterlegen. Dass ich unsere Freundin so lebhaft schätze, ohne sie zu lieben, das gerade macht mir ihren Umgang wert und erhöht den Reiz, den ihr scharf ausgeprägter Charakter, ihr selbständiges Wesen für mich haben.
In dem Augenblick kam der kleine Richard herbei und rief: O kommt doch die Tante sehen, kommt doch Alle an das Fenster!
Man folgte ihm, wohin er zeigte, und erblickte Jenny, die eine junge blasse Frau der niedern Stände unterstützte, während sie das Kind derselben auf dem arme trug. Walter flog die Treppe hinab, um ihr beizustehen; denn es war Mittag, die Sonne brannte heiss und Jenny schien erschöpft von der ungewohnten Anstrengung.
führen Sie die Frau in's Haus, sagte Jenny, als Walter dazu kam, aber behutsam. Das Kind behalte ich.
Der Graf erfüllte ihren Wunsch, und nachdem man für die arme Kranke gesorgt hatte, erzählte Jenny, wie sie dieselbe ohnmächtig am Wege gefunden, sie durch ihre Bemühungen in's Leben gerufen und mit unsäglicher Anstrengung bis hieher gebracht habe, da jetzt in der Mittagsstunde Niemand die Strasse gekommen sei, den sie um hülfe hätte bitten können.
Nicht Ein Mensch war zu sehen, sagte sie. Ich blickte nach allen Seiten, ich rief so laut ich konnte und der unerträglichste Stutzer wäre mir ein hülfreicher Götterbote gewesen, wenn er in dem augenblicke erschienen wäre.
Es ist besser so! meinte Clara. Du hast die arme Frau glücklich hieher gebracht und bist allen Bemerkungen entgangen, die man darüber leicht gemacht hätte.
Zu diesen bot wohl eine so einfache Handlung keinen Anlass, sagte Jenny unbefangen. Ich konnte doch unmöglich die Frau allein und hülflos liegen lassen, bis ich von hier oder aus der Stadt Beistand geholt hatte. Zudem hätte ich das schreiende Kind doch mit mir nehmen müssen und endlich weisst Du, liebes Clärchen, dass mir die Urteile der Menge sehr gleichgültig sind, wenn ich Das, was ich tue, vor mir und meinem Vater verantworten kann.
In Jenny's Worten, in ihrem ganzen Wesen lag in diesem Moment so viel Natürlichkeit und doch ein so edler Stolz, dass Walter sie mit Entzücken betrachtete, obgleich auch ihm der Gedanke unangenehm gewesen, man hätte Jenny bei jenem Samariterdienste beobachten und sie falsch beurteilen können. Aber er selber machte sich diese Scheu zum Vorwurf.
Wie wir doch nach allen Seiten hin auf Widersprüche in den Sitten unserer sogenannten civilisirten Welt stossen! sagte er zu dem Vater, der indess dazu gekommen war. Wäre eine der Dienerinnen des Hauses der Unglücklichen begegnet, und hätte sich ihrer angenommen, so würden wir das schön und lobenswert gefunden haben; und nun tadeln wir die Gütige, dass sie nicht unbarmherziger zu sein vermochte, als ihrer Dienerinnen Eine, obgleich der Dienst, den sie leistete, grösser war, denn er musste ihr beschwerlicher scheinen.
Sie billigen also die Handlung meiner Tochter unbedingt? fragte der Vater.
Walter stockte einen Augenblick und meinte dann: Wenigstens hätte ich selbst nicht anders zu handeln vermocht.
Aber Sie würden wünschen, sagte der alte Herr, dass Jenny auf keine zweite probe der Art gestellt würde, denn wir wollen einmal kein Mädchen von der gewohnten Sitte ihres Standes abweichen sehen. Dennoch ehre ich ein Gefühl, das in solchen Augenblikken rücksichtslos zu handeln vermag, ohne an das, was man davon sagen wird, zu denken; und ich bin vielleicht selbst Schuld daran, wenn Jenny das Urteil der Leute nicht eben sehr hoch anschlägt. In meinen Verhältnissen war es mir Pflicht, meine Kinder bis zu einem gewissen Grade gleichgültig gegen die öffentliche Meinung zu machen, die wir ein für allemal gegen uns hatten und deren Einfluss auf uns und auf Jeden doch viel grösser ist, als wir es glauben wollen.
Clara, die gleich Anfangs ihre Aeusserung bereut hatte und es nun doppelt tat, da sie Herrn Meier zu einer Erklärung bewogen, welche er ebenso gern vermied, als Eduard sie suchte, Clara sagte: Versteht mich nur nicht falsch! Ich tadle Jenny nicht. Nur vor der Verderbteit Derjenigen war mir bange, welche ihr irgend eine unlautere Absicht, ein Schaustellen dabei zur Last legen konnten. Wir Frauen sind so sehr gewöhnt, uns nur innerhalb unseres schützenden Hauses zu denken, dass wir erschrecken, wenn wir uns ausserhalb desselben handelnd erblicken.
Entschuldige Dich nicht und mich nicht, Clärchen! sagte Jenny, die bis dahin schweigend einer Unterhaltung zugehört hatte, bei der sie so nahe beteiligt war. Du kennst meinen alten Wahlspruch: "Tue was Du sollst, komme was mag." Kann ich dafür, wenn ich den Mut dazu von früher Jugend an fühlte? Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, um nach ihrem Schützling zu sehen, und liess Walter in grosser Bewegung zurück. Es war das erste Mal, dass er mit einer jüdischen Familie in nähere Berührung kam und Jenny's Geist und Schönheit, des Vaters maassvolle Würde zogen ihn um so mehr an, als sie etwas ihm Fremdes und Eigentümliches besassen. Er hatte von jeher gewusst, dass Jenny eine Jüdin sei; aber so fern hatte er diesen Verhältnissen gestanden, dass er fast nie daran gedacht, es könne ein edles Unglück darin liegen, Jude zu sein. Jetzt aus des Vaters schlichter Aeusserung tönte ihm, dem Glücklichen, der Schmerzensschrei eines ganzen Volkes entgegen und sein Mitleid mit demselben knüpfte, ihm