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und es ist für mich das Zeichen eines wahren Dichters, wenn er die Sprache versteht, welche die natur in seinen Tagen zu den Menschen spricht.

Glauben Sie denn, fragte Jenny, dass die Einwirkung der natur auf das Gemüt des Menschen nicht zu allen zeiten dieselbe blieb?

In so fern gewiss, antwortete der Graf, als sie immer die höchsten, heiligsten Empfindungen seiner Seele anregt. Aber je nachdem diese Gefühle sich im Laufe der zeiten ändern, wechselt auch der Eindruck, den sie auf uns macht. Der heitre Grieche sah in den schönsten Bäumen seines Waldes liebliche Dryaden, die ihn mit Liebe umfingen. Dem deutschen Mittelalter predigten sie den Ernst, der auch in den düstern Domen gelehrt wurde, sie sprachen ihm von dem Kreuz, das aus ihrem Holze gezimmert worden ...

Und uns? fragte Jenny lebhaft.

Uns weisen sie hinauf in die Region der klarheit, uns predigen sie Freiheit und Licht mit ihren himmelan strebenden Zweigen, sagte Walter mit schöner Erhebung, und eben deshalb hoffe ich, wir werden nun endlich auch eine Menge veralteter, stereotyp gewordener Bilder los werden, von denen viele mir geradezu verkehrt erscheinen und schädlich wirken.

Verkehrt? wiederholte Jenny, wie meinen Sie das? und welche Bilder rechnen Sie dazu?

Walter sann einen Augenblick nach, dann sagte er: Um gleich eines der gewöhnlichsten zu nennen: Das Bild des Baumes und des Schlingkrautes für die Ehe. Sie glauben nicht, wie müde ich dieser starken Eichen bin, an die sich zärtlich der Epheu anschmiegt; der Ulmen, an denen die Rebe sich vertrauend emporrankt. Leider ist es in vielen Ehen so wie in dieser Naturerscheinung. Es gibt Bäume und Männer genug, die in angebornem Naturtrieb hoch und kühn emporstreben und sich von einer kümmerlichen Pflanze umrankt finden, die weder sie zurückzuhalten noch sich aufzuschwingen und zu gedeihen vermag in einer Höhe, für die sie nicht geschaffen ist! Aber schlimm genug, dass es so ist, und kein Dichter dürfte dies Bild brauchen, wenn er das Ideal schildern will, das von dieser innigsten Vereinigung in uns lebt. Das Gleichniss ist falsch! schloss er und sah verwundert auf Jenny, die, während er gesprochen, den Stift aufgenommen hatte und mit dem grössten Eifer zeichnete. Nach einigen Minuten reichte sie dem Grafen, der über ihre scheinbare Zerstreuteit ein wenig verletzt und schweigend neben ihr sass, ihre Zeichnung hin und fragte: Und so, Herr Graf! befriedigt dieses Gleichniss Sie?

Sie hatte mit kunstgeübter Hand eine vortreffliche Skizze entworfen. Zwei kräftige, üppige Bäume standen dicht nebeneinander, frisch und fröhlich emporstrebend, mit eng verschlungenen Aesten. Darunter las man die Worte: "Aus gleicher Tiefe, frei und vereint zum Aeter empor!"

Walter betrachtete das kleine Bild mit Freude; sah dann mit einem Ausdruck hoher Bewunderung in Jenny's glühendes Gesicht und sagte: So vermag man nur das wiederzugeben, was tief empfunden in uns selbst lebt. Schenken Sie mir dies Blatt, als Zeichen, wie unsere Gesinnung in dieser Beziehung übereinstimmt. Ich bitte, lassen Sie es mir!

Nein! antwortete Jenny, wenn Ihnen die kleine Zeichnung gefällt, wenn sie Ihnen richtig scheint, werden Sie es natürlich finden, dass ich sie meinen schönen Vorbildern zueigne; dass ich sie Clara gebe, welche eben mit ihrem mann und den Kindern über die brücke kommt. Auch mein Vater ist mit ihnen! Lassen Sie uns ihnen entgegengehen.

Es war ein gar erfreulicher Anblick, die Familie zu sehen, als sie über die Wiese dahinschritt. William nun gegen das Ende der dreissiger Jahre, war ein Bild selbstbewusster, kräftiger Männlichkeit geworden. Er und die blühend schöne Mutter führten die kleine Lucy in ihrer Mitte, die seit einigen Tagen die ersten Versuche machte, auf den eigenen Füsschen fortzukommen, und mit aller Gewalt dem Bruder nachlaufen wollte, der fröhlich jubelnd voransprang. Man konnte kein anmutigeres Bild ehelichen Glückes finden und Walter's Augen suchten Jenny, die plaudernd am arme ihres Vaters hing und nur allein mit ihm beschäftigt war.

Nachdem man sich niedergelassen und eine lange Zeit mit den lieblichen Kindern vertändelt hatte, sagte William zu Walter: Ich habe gewünscht, dass wir alle beisammen wären, ehe ich Ihnen einen Plan entülle, den ich schon seit einigen Tagen in mir ausgebildet habe. Ich wollte Ihnen vorschlagen, jetzt, wie einst in England, unser Hausgenosse zu werden, um die flüchtige Zeit unsers Beisammenseins recht zu geniessen. Sie finden Raum genug bei uns und sollen durchaus nicht genirt sein. Auch für Ihre Dienerschaft, Ihre Equipage ist hinreichend Platz, und wie sehr es mich erfreuen würde, Sie wieder einmal als meinen Gast zu sehen, bedarf keiner Versicherung.

Der Vater vereinte seine Bitte mit William's, und ohne lange zu überlegen, nahm Walter den Vorschlag unbedingt und mit sichtlichem Vergnügen an. Man machte Entwürfe, wie man sich einrichten wolle, um so viel als möglich mit einander zu sein und doch Jedem die nötige Ruhe und Freiheit zu gönnen, ohne welche auf die Länge kein behagliches Dasein denkbar ist; und man trennte sich erst, nachdem man übereingekommen war, Walter solle noch im Laufe des Tages sein Hotel verlassen, um sich gleich heute bei seinen Freunden einzurichten.

Als er fortgegangen war, bemerkte Jenny: Mir hat die Art sehr gefallen, mit der Walter William's Erbieten annahm. Ein Anderer hätte vielleicht Einwendungen gemacht, das Bedenken geäussert, er könne beschwerlich sein, und zuletzt