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erleben; ein plötzlicher, schmerzloser Tod entriss sie ihrer Familie. Wie tief der Verlust empfunden wurde, wie er die Engverbundenen nur noch fester aneinander schloss, wie Jeder die Lücke auszufüllen strebte, die dadurch in den Herzen der Andern entstanden war, bedarf kaum einer Erwähnung. Nun stand Jenny allein an der Spitze ihres Hauses, auf sie war ihr Vater gewiesen. Dies Bewusstsein erhob sie in ihren eigenen Augen und tilgte jeden andern Wunsch aus ihrem Herzen, als den, für ihren Vater zu leben und sein Alter zu verschönen. Jene religiösen Zweifel, welche einst das Glück ihrer ersten Jugend untergraben hatten, waren längst und glücklich besiegt. Eigenes Nachdenken und der Beistand der Ihren hatten sie zu dem Standpunkt einer Gottesverehrung geführt, zu dem ihre ganze Erziehung sie hingeleitet hatte. Geistig frei und mit klarstem Bewusstsein, die zärtlichste Tochter, der Trost aller Leidenden und doch wieder die heitere, geistreiche Wirtin ihres gastfreien, väterlichen Hauses, so erschien Jenny, nachdem der Schmerz über den Tod ihrer Mutter sich gemildert hatte. So finden wir sie auch einige Wochen nach ihrer Vereinigung mit Clara in Baden wieder.

Der Wunsch, sich zu sehen, war bei beiden Freundinnen gleich mächtig geworden, doch hatten Umstände mancher Art die Erfüllung desselben bis jetzt unmöglich gemacht und mit wahrer Freude trafen sie nach achtjähriger Trennung in Baden-Baden zusammen. Dort hatte man sich rendez-vous gegeben und wollte später gemeinschaftlich in die Heimat der Damen zurückkehren, um Clara's beide Kinder den Grosseltern vorzustellen. Anfänglich sollte auch Erlau, der sich ganz in England angesiedelt und dort eine ehrenvolle Stellung erworben hatte, William nach Deutschland begleiten. Die unruhige, rasche Lebhaftigkeit des Jünglings war aber in dem mann nicht erloschen und er hatte den Wunsch, sein Vaterland und seine Freunde zu sehen, aufgegeben, um sich einer englischen Gesandtschaft nach dem Orient anzuschliessen, bei der sein Hang für das Ungewöhnliche volle Befriedigung zu finden hoffen durfte.

Die beiden befreundeten Familien hatten nun, sobald sie in Baden angelangt waren, absichtlich ihre wohnung ausserhalb der eigentlichen Stadt genommen, um allein in dem Besitz des gemieteten Hauses und in der freien, ländlichen natur zu sein. Man wollte sich selbst leben und Jenny war gar nicht damit zufrieden, als William ihr gleich nach ihrer Ankunft erzählte, wie er in einigen Tagen einen Freund, den Grafen Walter, erwarte, den er ihr als einen Genossen für die Zeit ihres Aufentalts in Baden ankündigte.

Graf Walter gehörte einer der ältesten Familien Deutschlands an. Wie die meisten Jünglinge seines Standes früh in das Militair getreten, war er mit seinem Regiment in die Vaterstadt Clara's gekommen und in ihrem elterlichen haus fast mit allen Personen unserer Erzählung bekannt, mit Hughes befreundet geworden. Später hatte er den Dienst verlassen, bedeutende Reisen gemacht und war, um sich zur Uebernahme seiner Güter in landwirtschaftlicher Beziehung vorzubereiten, auch nach England gegangen, wo er aufs Neue mit William und Clara zusammen getroffen war. Auf ihre Bitten war er ihr Gast geworden, so lange er in England verweilte, und noch jetzt rechnete er die Zeit, welche er mit ihnen, teils in London, teils in ihrem Landhause verlebt hatte, zu den anmutigsten Erinnerungen seines genussreichen Lebens. Nichts konnte ihm also willkommener sein, als die zufällige Begegnung mit jenen Freunden an den Ufern des Rheines; und unabhängig, wie er es in jeder Beziehung war, liess er sich bereitwillig finden, den Sommer mit ihnen in Baden zuzubringen.

Jenny hatte er früher nur flüchtig gesehen, aber obgleich er sie nicht näher kannte, erinnerte er sich dunkel, von ihrer Liebe zu einem jungen Teologen sprechen gehört zu haben. Jetzt hatte er von Clara, auf sein Anfragen, nähere Auskunft über Jenny und die Lösung jenes Verhältnisses erhalten und war, durch Clara's und William's Erzählungen, gespannt auf die Bekanntschaft eines Mädchens geworden, an dem beide Gatten mit solcher Liebe hingen. Trotz der günstigen Vorurteile aber fand er doch in Jenny bald noch mehr, als er erwartet hatte; und sie sowohl als ihr Vater wussten es William sehr bald Dank, den Grafen für ihren kleinen Kreis gewonnen zu haben, da auch ihnen der Umgang des hochgebildeten Mannes grosse Freude gewährte. Nachdem Walter an jenem Morgen Jenny den verlangten Bericht abgelegt, bat er um die erlaubnis, die Arbeit zu besehen, mit der sie sich beschäftigt hatte, als er ankam. Bereitwillig nahm sie ihr Skizzenbuch wieder vor und zeigte ihm eine Gruppe von Bäumen, die sie am Tage vorher in der Nähe des kleinen Wasserfalls entworfen hatte.

Ich kann es nicht ausdrücken, sagte Jenny, wie ich diese schönen, grossen Bäume liebe. Sie geben mir immer ein Bild unsers Lebens, das fest in der Erde gewurzelt, doch sehnsüchtig himmelan strebt; und in dem Spiel der sonnenbeschienenen Blätter liegt ausserdem für mich ein hoher Genuss. Die schönsten Träume meiner Kindheit, die rosigsten Märchen gaukeln an mir vorüber, und alle Wunder der Feenwelt scheinen mir möglich, wenn ich das flüsternde Kosen der Blätter höre.

Das ist eine ächt deutsche Empfindung, bemerkte Walter, die ich vollkommen begreife und mit Ihnen teile. Ich bin so glücklich, in meinem Park die herrlichsten Eichen zu besitzen, und weiss meinen Voreltern Dank, die mir jene Bäume gepflanzt. Auch für mich sind sie eine Quelle immer neuen Genusses, wie die ganze natur, die uns umgibt. Sie schreitet mit uns fort, sie lebt mit uns, sie hat Antwort für unsere fragen,