Jenny's Wunsch Italien zu verlassen, und rief Erlau's Erklärung hervor, dass auch er entschlossen sei, der befreundeten Familie zu folgen und bald in seine Heimat zurückzukehren. Je weniger Jenny dieses erwartet hatte, um so mehr hielt sie es für Pflicht, sich offen und frei gegen Erlau über ihr gegenwärtiges verhältnis zu erklären. Sie gestand ihm, wie jetzt, kaum genesen von ihrer Herzenswunde, ihr der Gedanke an eine neue Liebe unmöglich sei. Sie beschwor ihn, um seiner und ihrer Ruhe willen, ihr nicht zu folgen. Sie sagte ihm, wie wert er ihr sei, wie sie hoffe, statt seiner Liebe einst seine Freundschaft zu erwerben, und erlangte endlich von ihm das Versprechen, dass er nach England gehen und dort in William's und Clara's Nähe leben wolle, da er versicherte, ohne Jenny jetzt in Italien nicht ausdauern zu können.
So trennten sie sich zum zweiten Male und Jenny kehrte nach einer Abwesenheit von andertalb Jahren in ihre Heimat zurück. Hier fand sie in den äussern Verhältnissen nur wenig verändert. Ihr Bruder ging ruhig und ernst die Bahn, welche er sich vorgezeichnet hatte. Geschätzt und unermüdlich in seinem ärztlichen Beruf, hatte er zugleich unverwandt das Wohl und den Fortschritt seines Volkes im Auge, dessen freie Entwicklung aber nur dann möglich war, wenn überhaupt eine freie, zeitgemässe Verfassung in seinem vaterland Raum fand. Sein eifriges Bestreben, zur Erreichung dieses Zieles beizutragen und, der Gesammteit nützend, zugleich sein Volk zu erlösen, verband ihn mit vielen Gleichgesinnten aus allen Ständen. Die Besten des Landes erkannten seine Fähigkeit und die grosse Uneigennützigkeit seines Charakters an; denn die Hoffnung, nach erlangter Emancipation der Juden, für sich selbst Würden und Ehrenstellen zu erwerben, hatte ebenso wenig Einfluss auf ihn, als die Furcht vor jenen Verantwortungen, denen sein kühnes Wort und seine freisinnigen Schriften ihn bereits häufig unterworfen hatten. Ihm genügte sein Bewusstsein und die achtende Anerkennung seiner Mitstrebenden. – Noch immer lebte er in seinem väterlichen haus. Sei es, dass seine Tätigkeit ihn so ganz hinnahm und ihn sein Alleinstehen nicht fühlen liess, oder dass er kein Mädchen gefunden hatte, das seine Neigung erregte, er war unverheiratet geblieben.
Den Eltern Clara's, welche sie scheidend seiner Sorgfalt empfohlen, war er ein treuer und geschätzter Freund geworden. Ihm, das wussten sie jetzt, verdankten sie das Glück ihrer Tochter, das in einer vollkommen übereinstimmenden Ehe mit William immer schöner erblühte. In Eduard's Brust schüttete die Commerzienrätin ihren Kummer über das Schicksal ihres Sohnes aus, der unstät Deutschland und Frankreich durchstreifte und, von seiner Frau beherrscht, ein unwürdiges Leben führte. Ferdinand fühlte bereits das Elend und die Schande, in die er sich gestürzt hatte, aber er war zu schwach, die Sklavenketten zu brechen, die ihn entehrten. Auf den ausdrücklichen Wunsch der Horn'schen Familie war Eduard mit ihm in Verbindung getreten, und da es ihm gelungen, Ferdinand's Vertrauen zu gewinnen, gab er die Hoffnung nicht auf, es werde ihm einst möglich sein, den Verlornen seiner Familie wiederzugeben.
Mit herzlicher Freude empfingen Eduard und der treue Joseph die heimkehrenden Lieben. Der Anblick jener Räume, in denen sie so glücklich gewesen und so viel gelitten hatte, erweckte in Jenny's Brust die wehmütigsten Erinnerungen, und sobald sie sich mit Eduard allein sah, wagte sie, nach Reinhard zu fragen, was sie in ihren Briefen nie getan hatte. Sie wusste, dass er sein Amt angetreten hatte und die verdiente Liebe und achtung seiner Gemeinde besass. Das hatte ihr Terese mitgeteilt, deren Mutter bald nach der Abreise der Meier'schen Familie gestorben war. Seit aber Terese eine Gouvernantenstelle auf dem land angenommen, hatte Jenny auf einige Briefe, die sie ihr schrieb und in denen sie ihr die freundschaftlichsten Anerbietungen machte, keine Antwort erhalten. Um so unerwarteter traf sie die Nachricht, Terese habe durch Vermittlung der Pfarrerin jene Stelle, ganz in der Nähe von Reinhard's Wohnort, erhalten, und sich vor wenigen Wochen mit ihm verlobt.
Als Jenny dies erfuhr, zog ein trübes Lächeln um ihren Mund, und Eduard drückte ihr schweigend die Hand. Er und Joseph schienen sich jetzt Jenny's Zufriedenheit gleichsam zum Zweck ihres Lebens gemacht zu haben; und in beglückender Eintracht, in friedlicher Ruhe schwanden der Familie einige Jahre nach ihrer Rückkehr still dahin. Treffliche Männer hatten sich um Jenny werbend ihr genaht, die Wünsche von Jenny's Eltern hatten sie unterstützt, aber kein Erfolg ihre Bemühungen gekrönt. Wagte die besorgte Liebe ihrer Mutter, ihr ja zuweilen Vorstellungen deshalb zu machen, so bat Jenny, man möge Nachsicht mit ihr haben, denn es sei ihr unmöglich, die Wünsche zu erfüllen, die man für sie hege. Ich bin ja zufrieden und glücklich, liebe Mutter! sagte sie dann; ich habe Dich, Vater, Eduard, Joseph und Alles, was nur irgend mein Herz begehrt an Liebe und Schonung. Würde ich das in dem haus eines Mannes finden, den ich nicht liebte? Und da alle Zumutungen und gespräche dieser Art Jenny sichtlich für längere Zeit verstimmten, war es endlich der Vater selbst, der seiner Frau anriet, nicht in Jenny zu dringen, sondern ruhig eine Zukunft zu erwarten, in der die Erinnerung an Reinhard ihren Einfluss auf Jenny verloren haben und die Vorschläge ihrer Freunde leichter Gehör bei ihr finden würden.
Aber diesen Zeitpunkt sollte die Mutter nicht