frohen Erwartungen hingeschwunden, er hatte die Glückwünsche seiner Freunde empfangen und bereits daran gedacht, seine wohnung im elterlichen haus mit der neuen Amtswohnung zu vertauschen, als der Bescheid der Regierung angelangt war, welcher statt der erwarteten Bestätigung die Aufforderung entalten, Meier möge zum Christentume übertreten, da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei, einem Juden irgend eine Stelle anzuvertrauen. Vergebens waren seine Vorstellungen, wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hinderniss sein könne, wie diese Zurückweisung in den Gesetzen des Staates nirgends begründet sei – die Regierung war bei ihrem Entschlusse geblieben. Man hatte Meier einen unruhigen Kopf genannt; seine Neider, an denen es dem Talentvollen, Glücklichen nie fehlt, hatten über die jüdische Anmassung gelacht, die sich zu Würden dränge, für die sie nicht berufen sei, und dabei vergessen, dass die Behörden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl für den Würdigsten erklärt hatten.
Auf das Empfindlichste gekränkt, hatte Meier schon damals sein Vaterland verlassen wollen; doch die angeborene Liebe zu demselben und der Gedanke an seine Eltern hatten ihn davon zurückgehalten. Er war in der Heimat geblieben, und obgleich er das Unrecht, das ihm geschehen, niemals vergessen, oder es verschmerzen können, das schöne Feld für seine Tätigkeit verloren zu haben, hatten ihn die Anerkennung, die er fand, der ausgezeichnete Ruf, den er erwarb, endlich schadlos gehalten für die erfahrene Zurücksetzung.
Bei seiner Rückkehr von der Universität hatte er Jenny als ein liebliches Kind von elf Jahren wiedergefunden, das sich mit leidenschaftlicher Innigkeit an ihn hing, und für das er eine Zärtlichkeit fühlte, die ebenso viel von der Liebe eines Vaters, als eines Bruders besass. Die Eltern hatten die Kleine niemals aus den Augen verloren, und jeden Wunsch des nachgebornen Lieblings mit zärtlicher Zuvorkommenheit erfüllt. Eduard war überrascht durch den Verstand und den schlagenden Witz des Kindes, er sah, dass ein lebhaftes, leidenschaftliches Mädchen aus demselben werden müsse, konnte sich es aber nicht verbergen, dass die übergrosse Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht, einen Eigensinn entstehen gemacht hatten, dem bis jetzt nur durch seinen Vetter Joseph eine Schranke gesetzt worden war, der, im Meierschen haus lebend, die Kleine mit seiner ernsten, rauhen Art tadelte und zurechtwies. dafür hatte Jenny den Cousin schon damals nicht leiden mögen, und es dem Bruder unter vielen Tränen geklagt, wie garstig der Joseph sei, wie er ihr Alles zum Trotze täte, und wie sie hoffe, in Eduard einen Beschützer gegen den unliebenswürdigen Cousin zu finden.
Der junge Mann begriff bald, dass bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten sei, und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem Lehrer und Erzieher. Sie lernte fast spielend, ja es schien oft, als läge das Verständniss aller Dinge in ihr, und man dürfe sie nur daran erinnern, um klar und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen, die man ihr erst mitzuteilen wünschte. Ebenso wahr und offen als Eduard, wuchs sie diesem von Tag zu Tag mehr ans Herz, und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte, dass sich in Jenny zu viel Selbstgefühl und eine fast unweibliche Energie zeigten, obgleich er es Joseph zugestehen musste, dass sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu früh, die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten, so fiel es ihm doch schwer, als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben musste, weil seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit mehr dazu übrig liess.
Eduard drang deshalb darauf, man möge seine Schwester einer Privatschule anvertrauen, die von den Töchtern der angesehensten Familien besucht wurde. Er hoffte, der Umgang und das Zusammenleben mit Mädchen ihres Alters werde bei Jenny die Härten und Ecken, die ihr Charakter zu bekommen schien, am leichtesten vertilgen. Die Eltern folgten seinem Rate und die neuen Verhältnisse machten in vielen Beziehungen einen günstigen Eindruck auf Jenny. Sie gewöhnte sich, ihrem Witze nicht so zügellos den Lauf zu lassen wie in dem elterlichen haus, wo man ihre beissendsten Einfälle nur lachend getadelt hatte; sie lernte es, sich in den Willen ihrer Mitschülerinnen zu fügen, dem Lehrer zu gehorchen, aber sie fing auch an, sich ihrer Fähigkeiten bewusst zu werden, welche sie in eine Klasse gebracht, in der alle Mädchen ihr im Alter um mehrere Jahre voraus waren. Von einem Umgange, wie Eduard ihn für sie gehofft hatte, war indessen nicht die Rede. Die halberwachsenen Mädchen dieser ersten Klasse mochten sich grösstenteils mit dem bedeutend jüngern kind weder unterhalten, noch befreunden, das ihnen obenein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde. Andere, denen Jenny's lebhaftes, freimütiges Wesen behagte, und die gern mit ihr zusammen waren, konnten von ihren Eltern nicht die erlaubnis erhalten, die Tochter einer jüdischen Familie einzuladen oder zu besuchen, und zu diesen letzteren gehörte auch Clara Horn. Zwei Jahre älter als Jenny, hatte sie dieselbe unter ihre Vormundschaft genommen, ihr geraten und geholfen, wenn das verzogene Mädchen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden gewusst, und dadurch ihr volles Vertrauen erworben. Ihr hatte Jenny in den Zwischenstunden von ihren Eltern, von ihrem Bruder, von allen ihren Freuden erzählt, und damit ihrer Beschützerin eine Vorliebe für die ganze Meiersche Familie eingeflösst. Wenn nun Clara nach solcher Mitteilung ihre kleine Freundin glücklich pries, und sie um die Eintracht ihrer Eltern und die Liebe ihres Bruders beneidete, da sie Beides entbehrte, wenn Jenny sie dringend bat, zu ihr zu kommen und