1843_Lewald_139_88.txt

ich kein Weib die Meine nennen darf, dem der heilige Glaube, welchen zu verkünden ich berufen bin, verschlossen ist. Und doch könnte ich Dich lieben, könnte Dich segnen, wenn Du mir nur die Möglichkeit gelassen hättest, Dich zu achten. Warum sagtest Du mir nicht, dass Du Erlau liebtest, dass nur er Dich beglücken könne? Für Dich wäre mir das Opfer nicht zu schwer gewesen. Aber Du liebtest ihn und gelobtest mir Treue; Du teilst meinen Glauben nicht und schwörst, dass auch Dich Christus durch seinen alleinseligmachenden Tod mit dem Vater im Himmel vereint. Jenny, wie durftest Du so grausam das Ideal zerstören, das ich in Dir anbetete? Wie konntest Du Deine Seele, dies heilige, Dir von Gott vertraute Pfand, bis zu dieser Tat versinken lassen? Sage mir nicht, dass Du Dich getäuscht hast, das ist unmöglich, wenn Du es nicht wolltest. Selbst Liebe entschuldigt die Lüge nicht, und diese Lüge ist es, die uns für ewig trennt, denn ich habe unwiederbringlich den Glauben an Dich verloren, in der ich alles Heilige und Wahre liebte. Lebe denn wohl, Du, die ich nimmer vergessen kann, die mir das grösste Glück und das tiefste Leid meines Lebens gegeben. Lebe wohl. Ich klage Dich nicht an, denn Du bist unglücklicher als ich, der im Glauben eine Stütze finden wird. O, wollte Gott, dass ich Dir den Glauben geben könnte zum Dank für das Glück, das ich, wenn auch nur durch eine Täuschung, bisher in Deiner Liebe genossen!

So kam der Brief in Jenny's hände. Sie selbst vermochte ihn nicht zu lesen, ihre hände zitterten, die Buchstaben schwammen vor ihren Augen. Sie reichte ihrem Vater, der gerade bei ihr war, das Blatt hin und fragte bebend: kommt er? Sage mir, ob er kommt, ich kann nicht lesen. – Verneinend schüttelte der Vater das Haupt, nachdem er den Brief beendet, und gab ihn der Tochter wieder, die sich gewaltsam zusammennahm, um ihn hastig zu durchfliegen. Eine tiefe Ohnmacht, das einzige Glück, das ihr in dieser Stunde werden konnte, senkte sich auf sie nieder.

Als sie erwachte, las sie wieder und immer wieder den Brief, ohne zu begreifen, wie Reinhard an ihrer Liebe zweifeln könne, oder was der Gedanke bedeute, dass sie Reinhard um Erlau's willen aufopfere. Sie hatte sich gesagt, dass eine Trennung bei Reinhard's Gesinnung denkbar sei, aber für möglich hatte sie sie nicht gehalten, trotz der Andeutungen ihres Vaters. Von dem Geliebten verachtet, ohne Glauben, ohne Hoffnung, mir selbst eine Last, was bleibt mir im Leben? rief sie aus.

Jenny! sagte der Vater verweisend und doch mit unaussprechlicher Liebe, zog seine Tochter in seine arme und rief auch die Mutter herbei, dass sie Beide mit ihrer Liebe das Kind beschatten möchten vor dem versengenden Strahl des Schmerzes, der sie getroffen.

In tiefem Kummer schwanden Stunden und Tage für Jenny hin; immer erwartete sie, Reinhard werde zur erkenntnis kommen, er werde bereuen, und wenn auch eine Wiedervereinigung unmöglich sei, werde er dennoch kommen, um sie noch einmal zu sehen, um in Frieden von ihr zu scheiden. Aber vergebens. Und wieder verlangte es sie, dem Geliebten zu schreiben. Sie wollte ihm nur sagen, wie sie Niemanden liebe, als ihn, wie ihr der Argwohn in Bezug auf Erlau unbegreiflich und schmerzlich sei. Sie bat, man möge ihr die Beruhigung gönnen. Aber auch ihr Vater und die Ihren fühlten sich schwer gekränkt durch Reinhard's Betragen gegen Jenny, und der Vater fragte: Erlaubt es Dein Stolz, Dich einem mann zu nähern, der Dich so verkennt?

Ich fühle keinen Stolz, antwortete Jenny, nur das Bedürfniss nach seiner Liebe, die mein höchster Stolz gewesen ist. Nur seine achtung will ich mir erhalten. Er soll nicht wie einer Unwürdigen meiner gedenken, er soll mir glauben, dass ich ihn allein geliebt habe, das ist Alles, was ich noch verlange.

Nein, sagte der Vater, wenn Reinhard nur das leiseste Verlangen nach einer Erklärung ausspräche, würde ich jedem Deiner Wünsche in dieser Rücksicht meine Billigung geben. Vor einem mann aber, der seiner Braut die unwürdigste Wortbrüchigkeit zutraut, und weder an ihre Liebe, noch an ihre Schwüre glaubt, vor dem soll meine Tochter sich mit keiner Bitte um Vertrauen erniedrigen. Mit Reinhard's krankhaftem Ehrgefühl, mit all seinen Forderungen hatte ich Nachsicht, denn er selbst verdiente achtung und Du liebtest ihn, jetzt indessen scheint es mir fast eine Wohltat, wenn ein verhältnis sich löst, in dem Du nimmer glücklich werden konntest, sei es, dass Reinhard so gering von Dir dachte, als er es augenblicklich tut, oder auch, dass Heftigkeit sein Urteil so ganz verblenden, ihn so ungerecht selbst gegen seine Braut zu machen vermag. Ich fordere es als einen Beweis Deiner Liebe zu mir, dass Du keinen Versuch machst, Dich mit Reinhard zu verständigen, eine friedliche Lösung Eurer Bande herbeizuführen, wenn er es nicht ausdrücklich von Dir verlangt. Du warst Reinhard's Braut, aber Du bist auch meine Tochter; auch die Ehre Deines Vaters muss Dir heilig sein, auch ihr musst Du ein Opfer bringen können, ja, ich fordere, dass Du es mir bringst.

Und so geschah es. Reinhard und Jenny sahen sich nicht