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sich finden! meinte die Pfarrerin bitter. Denn kaum hatte sie sich von dem ersten Schrecken erholt, als ihr mit erneuerter Deutlichkeit Teresens Behauptung einfiel, Jenny liebe Erlau und habe sich schon lange nicht glücklich in Reinhard's Liebe gefühlt. Die Pfarrerin war eine verständige, welterfahrne Frau, sie war aber auch Christin und Mutter, und tief verletzt in ihrem Glauben und in ihrem Sohne. Unzählige verschiedene Verhältnisse hatte sie im Leben kennen gelernt. Selbst in dem Kreise ihrer Bekannten gab es viele Juden, die zum Christentum übergetreten waren und glücklich und ruhig in demselben lebten. Warum sollte Jenny allein, die ihr selbst so oft mit wahrer Erbauung von Jesu und seinen Lehren gesprochen, kein Heil zu finden im stand sein an der Quelle, aus der Segen für die ganze Menschheit geströmt war? Jenny, die obenein Reinhard zum Lehrer gehabt, dessen innige, fromme überzeugung Jeden gewinnen musste? An diesen Grund von Jenny's Zerrissenheit konnte sie nicht glauben; und tat sie es dennoch, dann schauderte sie vor dem Leichtsinne, mit dem das Mädchen einen Meineid begangen hatte. Wer mit den heiligsten Dingen spielen konnte, bot auch dem Gatten keine Sicherheit. Ebenso wie gegen Gott konnte sie sich einst gegen ihren Ehemann versündigen, denn im grund war es vielleicht nur Erlau's würdiges Betragen gewesen, das sie abgehalten hatte, schon ihrem Bräutigam untreu zu werden. Der Schmerz über die Leiden ihres Sohnes machte sie ungerecht, und ihre gekränkte Muttereitelkeit gewann so sehr über ihre Vernunft den Sieg, dass sie dem Sohne ihre Zweifel an Jenny's Aufrichtigkeit und ihre ganze Unterredung mit Terese mitteilte.

Kaum aber hatte sie es getan, als sie das Unheil zu bereuen anfing, das sie angerichtet hatte. Ein Funke, der in eine Pulvermine fällt, kann keine zerstörendere wirkung hervorbringen, als die Worte seiner Mutter auf Reinhard. Mit tiefer Wehmut hatte er Jenny's bis jetzt gedacht. Sein Leiden und das ihre hatte er gleichmässig und vereint empfunden; er hatte sich alle Beredsamkeit der Welt gewünscht, um Jenny eine überzeugung zu geben, welche es möglich machte, ihre Trennung zu verhindern, die für sie in den jetzigen Verhältnissen unvermeidlich wurde. Nun, bei der Erzählung der Mutter, erwachte seine Eifersucht aufs Neue. Sein altes Misstrauen fing sich zu regen an, und wie eine Furie verfolgte ihn unablässig der Gedanke, das Spielzeug in den Händen eines Mädchens gewesen zu sein, das ihn verwarf, sobald ein neuer Wunsch es gleichgültig gegen den frühern werden liess. Er hatte Jenny so sehr geliebt, er war bereit gewesen, ihr Alles, selbst seinen Stolz, sein Ehrgefühl zu opfern; zu Almosen von der Hand ihres Vaters hatte er sich um ihretwillen erniedrigen gewollt, und nun er sich am Ziele wähnte, in ihre Hand seine Hoffnungen, seine höchsten Wünsche legtenun besass ein Anderer ihr Herz, und sie entzog ihm ihre Hand unter einem Vorwande, der sie in seinen Augen verächtlich machte. Jenny zu verlieren schien ihm ein Glück gegen die Pein, sie nicht mehr achten zu können; sie, in deren junge Seele er selbst den Keim alles Grossen und Schönen gepflanzt, die er als eines der schönsten Werke des Schöpfers heilig gehalten hatte.

Würde nur Jemand ihm warnend, beruhigend zur Seite gestanden haben, er hätte sich aus der Verwirrung der Leidenschaften leicht und schnell zurecht gefunden; denn nur zu deutlich hatte ihm, so lange er selbstständig geurteilt, Jenny's Brief den Zustand ihres Herzens verraten, und kein Zweifel an der Wahrheit ihrer Worte war in ihm aufgekommen, bis die Mutter seinen Argwohn rege gemacht. In ihrer Entrüstung achtete die Pfarrerin nicht auf die heissen, flehenden Bitten Jenny's, die nichts sehnlicher verlangte, als Reinhard's Eigentum zu bleiben; der Gedanke allein, Jenny weigere sich, Reinhard's Frau zu werden, sie schlage die Hand ihres Sohnes aus, ihr Sohn sei von seiner Braut abgewiesen, war ihr gegenwärtig und er erbitterte sie um so mehr, als sie Grund hatte, auf den Sohn stolz zu sein, der diese Verbindung wie sein höchstes Glück erstrebt hatte. Geschäftig, ihn zu trösten, hielt sie ihm das Unrecht vor, das man an ihm begehe, und steigerte dadurch sein eigenes Leiden so sehr, dass er, von Eifersucht und gekränktem Stolz getrieben, in der ersten Aufregung seines leidenschaftlichen Schmerzes diese Antwort schrieb:

Ein Mädchen, das Seelenstärke genug besitzt, den vertrauenden Mann, der mit glaubensvoller Liebe jeden Zweifel an sie für eine Todsünde gehalten, mit dem heiligsten Eide zu täuschen, wird die Kraft finden, eine Trennung zu ertragen, der mein Männermut zu unterliegen droht. Wohl ihr, wenn diese Kraft sie auch vor Reue zu bewahren vermag.

Anfänglich sollte das Alles sein, was er ihr sagen wollte, und seine Mutter, welche dies Blatt gelesen, war eilig, es abgesendet zu wissen, weil es gerade so ihrer Gesinnung entsprach. Aber ein anderer Geist, eine unsägliche Traurigkeit kam über Reinhard. Er nahm das Blatt aus den Händen seiner Mutter, öffnete es nochmals und fuhr fort:

Jenny, warum hast Du mir das getan? Gab es kein anderes Spiel, als das mit meinem Herzen? Ich weiss jetzt Alles, weiss, dass mich mein Argwohn nicht betrog. Du kannst mich nicht mehr täuschen. Alle Bande zwischen uns sind gelöst, mein Gewissen verlangt, dass ich sie zerreisse, aber mein Herz blutet. Ich fühle, dass