Qual wäre, die Du mir ersparen wirst, weil Du mich liebst. Ja! ich weiss, dass Du mich liebst. Mit dem Glauben, sage ich Dir, auf Wiedersehen! Geliebter, Lehrer, Freund, mein Alles auf der Welt! Lass mich nicht lange auf Deine Ankunft warten, jetzt, wo jede Minute mir zu Jahren wird, bis ich Dich sehe!
Nachdem sie diesen Brief gefaltet und der Diener ihn besorgt hatte, schien es ihr, als hätte sie nichts von Dem gesagt, was sie eigentlich gedacht. Sie wollte ihn zurück haben, es anders sagen, nochmals überlegen. Sie warf sich vor, zu rasch gehandelt zu haben, sie befahl dem Diener, sich zu beeilen und Alles aufzubieten, um ihr diesen Brief zurückzubringen. Aber vergebens. Die Post war abgegangen, kein Widerruf war möglich. Nun, so mag Gott sich meiner erbarmen! rief Jenny und stürzte weinend zu ihren Eltern, die jetzt durch sie das Geschehene erfuhren und, mit ihr leidend, Alles aufboten, ihr Ruhe und Trost zu geben. Zärtlich, nur für den Augenblick besorgt, versicherte ihre Mutter, Jenny könne doch unmöglich daran zweifeln, dass Reinhard sie liebe, und sie hege das Vertrauen, ein so aufgeklärter Mann werde an seiner Braut wegen einer Meinungsverschiedenheit nicht irre werden. Sie erinnerte sie, wie duldsam sich Reinhard und die Pfarrerin gezeigt, noch ehe von irgend einem verhältnis zu Jenny die Rede gewesen, und sprach die feste überzeugung aus, Reinhard in wenigen Tagen hier und Jenny glücklich zu sehen. Und doch weinte sie mit der Tochter, denn ihr Herz war fern von den Hoffnungen, mit denen sie diese zu beruhigen strebte.
Täusche Jenny nicht mit Erwartungen, die sich nicht erfüllen werden, oder ich müsste Reinhard nicht kennen, sagte der Vater. Ich fürchte, er kommt nicht.
Gott im Himmel, was habe ich getan! rief Jenny.
Was ich Dir zu tun geraten hätte, antwortete ihr Vater, hätte ich Deinen Zustand früher schon gekannt. Du durftest nicht daran denken, in eine Ehe zu treten, der nach Reinhard's Ansicht das innere Bindungsmittel fehlte. Du durftest namentlich ihn nicht täuschen über Deine Gesinnung. Jetzt hast Du Deine Pflicht erfüllt und Du wirst in dem Bewusstsein, das Rechte getan zu haben, Kraft finden, auch das Schwerste zu ertragen.
Jenny war trostlos. Sie wollte einen zweiten Brief schreiben. Kannst Du etwas von Dem widerrufen, was Du in dem ersten gesagt? fragte der Vater. Sie musste zugeben, das sei ihr nicht möglich. So schreibe auch nicht, bedeutete er sie.
Dann verlangte sie, gleich jetzt zu Reinhard zu reisen. Sie wollte ihn sprechen, alle seine Einwendungen besiegen, aber auch Das erklärte ihr Vater für untunlich. Sieh, mein geliebtes Kind, sagte er, Du bist nun leider einmal in einen Kreis von Widersprüchen geraten, aus denen nur ein gewaltsamer Ausweg möglich sein wird. Reinhard ist duldsam gegen den Andersgläubigen, aber seine Frau will er nicht nur dulden, er will sie lieben, sie soll ein teil seines Ich's werden. Das kannst Du nicht, wenn Du in Dem, was einmal der Mittelpunkt seines Wesens ist, so vollkommen von ihm abweichst. Selbst wenn er sich überwinden und schweigen wollte, würde schon die notwendigkeit, gegen seine Frau auf seiner Hut zu sein, mit ihr nicht über seine heiligsten Interessen sprechen zu können, eine Störung Eures Glückes werden, abgesehen davon, dass Deine Gesinnung gerade zu seinem Beruf in einem noch schrofferen Widerspruche steht.
Innig zog er sein leidendes Kind in seine arme, aber er versuchte nicht, es zu trösten. Blicke fest in Dein Inneres, sagte er, dort wirst Du Quellen des Trostes finden, die uns nie fehlen, wenn ein Schmerz uns trifft, ein Unglück uns droht, das wir nicht selbst verschuldet haben. Wir Alle leiden mit Dir und Gott wird Dir beistehen.
Eine tiefe Trauer schien über dem haus zu liegen. Jeder fürchtete, Jenny auf irgend eine Weise zu verletzen, ihr wehe zu tun. Man wollte sie schonen, sie die ganze Grösse der Liebe fühlen lassen, die man für sie empfand, und selbst Terese, der die obwaltenden Verhältnisse kein geheimnis bleiben konnten, hatte wahres Mitleid mit Jenny, die sich in stiller Ergebung zu fassen versuchte, was bei ihrem lebhaften Charakter um so rührender erschien.
Ebenso traurig sah es bei Reinhard und seiner Mutter aus. Ihn hatte Jenny's Brief wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel getroffen, und er war Anfangs keiner Empfindung, keines Gedankens mächtig gewesen. Nur das Bewusstsein, dass ihm ein grosses entsetzliches Unglück widerfahren sei, stand klar vor seiner Seele. Wie war das möglich, wie hatte das geschehen können? fragte er sich und sass in starrer Betäubung da, bis die Pfarrerin hinzukam und mit Schrecken den Ausdruck schweren Kummers in den Zügen ihres Sohnes erblickte. Sie fragte, was ihm geschehen sei? Statt aller Antwort reichte er ihr Jenny's Brief. Brauchen wir zu sagen, wie er auf sie wirkte? – Sie setzte sich neben ihrem Sohne nieder und ergriff seine Hand. Sie konnten Beide keine Worte finden.
Das also ist das Ende alles meines Hoffens! rief Reinhard endlich und versank wieder in sein früheres Brüten. Und Jenny, fügte er dann hinzu, was wird aus ihr mit ihrem heissen Herzen?
Das ist meine kleinste sorge! Für Jenny wird der Trost