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mit Mutter und Braut das Abendmahl zu nehmen, was Jenny bisher noch nicht empfangen hatte, und bald nach der Hochzeit abzureisen, während seine Mutter in der Stadt bleiben würde, um sie die Tage des ersten Beisammenseins ganz ungestört und allein geniessen zu lassen.

Jenny's Herz schlug freudig der langersehnten Nachricht entgegen, sie drückte das Blatt an ihre Lippen. Vor der sichern Hoffnung auf die nahe Vereinigung mit dem Geliebten war für einen Augenblick jeder andere Gedanke aus ihrer Seele geschwunden; und sie begann den Brief nochmals zu lesen, um nur keines der Worte zu verlieren, welche sie so glücklich machten. Da fiel ihr blick auf die Stelle: Ich wünsche noch vor unserer Hochzeit mit Dir das Abendmahl zu nehmen, und auch auf diese Weise in die heiligste, innigste Gemeinschaft mit Dir zu treten, die Du bald als mein geliebtes Weib, unauflöslich, untrennbar mit mir verbunden, mein sein wirst.

Ihrer Hand entsank das Blatt, jetzt war der Augenblick gekommen! Zum zweiten Mal, wie bei der Taufe, ein Spiel zu treiben mit Dem, was Reinhard das Heiligste auf der Welt war, das vermochte sie nicht. Dies, das fühlte sie, dies war der entscheidende Moment, in welchem sie entweder sich durch einen gewaltsamen Entschluss in ihrer eigenen achtung wieder herstellen und ihr Gewissen in Bezug auf Reinhard beruhigen, oder sich mit geschlossenen Augen in ein Labyrint stürzen musste, in dem sie und der Geliebte untergehen konnten.

Der Kampf war ernst und schwer, aber die Wahrheit siegte, und aufgelöst in Schmerz schrieb sie nach durchwachter Nacht, als schon das helle Tageslicht in ihre Fenster schien, folgenden Brief an Reinhard:

Geliebtester! Wie viel glücklicher wären wir Beide, wenn statt dieses Briefes die Nachricht in Deine hände käme, Deine Jenny sei gestorben. Du würdest weinen, mein Reinhard! Du würdest um mich trauern, mein Andenken lieben, wie Du mich liebst, und ich wäre, erhoben von diesem Gedanken, geschieden und hätte Ruhe. Warum konnte ich nicht sterben, als Du mich das letzte Mal in Deine arme schlossest, als Deine Liebe mich so beglückte? Denkst Du daran, wie ich es wünschte, wie ich es Dir sagte, weil ich schon damals ahnte, dass ein Augenblick, wie der jetzige, mir bevorstehen könnte?

Bei der Erinnerung an jene Stunde beschwöre ich Dich, bei der Liebe und Nachsicht, die Du mir damals gelobt hast, stosse mich jetzt nicht von Dir, mein Geliebter! Du, der mich fast seit meiner Kindheit kennt, den ich liebte, seit ich ihn zuerst sah. Du bist mein Lehrer gewesen und kennst meine Seele; Du weisst, dass mein Geist ebenso heiss nach Wahrheit dürstet, als mein Herz Liebe verlangt. Darum kannst Du mich verstehen, darum musst Du Mitleid mit mir haben, wenn ich Dir sage, dass ich Dich mehr als die Wahrheit liebe, dass ich meine überzeugung zwingen wollte, sich meiner Liebe zu fügen. Ich vermag es nicht länger.

Von Augenblick zu Augenblick zögere ich, Dir ein Bekenntniss zu machen, von dem ich fürchte, dass es Dich tief betrüben, mich in Deinen Augen heruntersetzen könne. Ich möchte Dich an all die Liebe erinnern, die uns vereint, an das Glück, das wir gemeinsam erhoffen, damit sie Dir vorschweben, wenn ich Dir Alles gesagt haben werde.

Ich glaube nicht, dass Christus der Sohn Gottes ist; dass er auferstanden ist, nachdem er gestorben. Ich glaube nicht, dass es seines Todes bedurfte, um uns Gottes Vergebung und Nachsicht zu erwerben. Die Dreieinigkeit, die er lehrte, ist mir ein ewig unverständlicher Gedanke, der keinen Boden in meiner Seele findet. Ich glaube nicht, dass es ein Wunder gibt, dass Eines geschehen kann, ausser den Wundern, die Gott, der Eine, einzig wahre, täglich vor unsern Augen tut. Und selbst zu Christus, des erhabenen, göttlichen Menschen Erinnerung kann ich das Abendmahl nicht nehmen, mich nicht zu einer Ceremonie entschliessen, die mir wie eine unheimliche Form erscheint, während Du die innigste Verbindung mit Gott darin feierst.

Ich kann nicht anders! Diese überzeugung ist stärker als meine Liebe, als ich! Nach furchtbarem Kampfe wurde ich Christin; denn schon vor der Taufe war die Wahrheit in mir Herr geworden über eine Täuschung, die ich mit der Angst der Verzweiflung in mir zu erhalten strebte, um Deinetwillen! Lügen kann ich nicht länger, aber auch glauben kann ich nichtkein Ausweg ist möglich; und mit dem Gefühl der tiefen Liebe, die ewig wahr und unverändert in mir ist, werfe ich mich an Deine Brust. Du sollst mir sagen, wie ich Frieden mache zwischen Liebe und Glauben, wie ich mich wiederfinde in dem Gewühl des Kampfes.

Wenn Du mich liebst, habe Mitleid mit mir, komme bald, komme gleich und lass mich aus Deinem mund die Worte hören, die meiner Seele allein Ruhe geben können. Sage mir, dass Du mich lieben kannst, wenn ich auch nicht an Christus glaube, wie Ihr es verlangt. Ihr sagt, er sei die Liebenun, dann ist er mit mir, denn ich liebe Dich, wie je ein Mensch zu lieben vermochte; ich kenne kein Glück als Deine Liebe. Schreibe mir nicht! Das dauert zu lange, komme selbst, damit ich Dich sehe und in Deinen Augen die Antwort finde, die langsam aus toten Lettern zu lesen, eine