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würde. Sie aber blieb dabei, es wäre ihr schrecklich, und war überhaupt in einer Stimmung, in der jeder Vernunftgrund fruchtlos bleiben musste.

Das arme Kind! rief Eduard, was kann man für sie tun?

Wir müssen sie sich selbst überlassen. Ich bin überzeugt, dass sie den Ausweg finden wird. Das muss man abwarten und ich hoffe, sie findet ihn bald, besonders, wenn irgend ein äusserer Anlass ihrer Unentschlossenheit zu hülfe käme und sie veranlasste, sich offen darüber zu erklären, wo eigentlich die Quelle ihres Leidens liegt.

So lass uns gemeinschaftlich über sie wachen, bat Eduard, damit wir den rechten Augenblick nicht verfehlen, wenigstens Jenny glücklich zu machen, da wir es nicht geworden sind.

Leidensgefährte! – sagte Joseph mit einer Miene und einem Tone, die ein eigentümliches Gemisch von Spott und Schmerz ausdrückten. Wir wollen sie behüten, so gut es geht, aber ich fürchte, auch ihr ist nicht zu helfen!

Und leider war Joseph's Vermutung nur zu richtig. Je glücklicher sich Jenny in Reinhard's Liebe fühlte, um so mehr demütigte sie der Gedanke, unwahr gegen ihn zu sein. Von frühster Kindheit an hatte man ihr die Lüge als etwas so Unedles, so Verächtliches dargestellt, dass sie sich nur mit Entsetzen zu gestehen vermochte, wie tief sie sich in dieselbe verwickelt habe. Der Zustand ihrer Seele möchte für Denjenigen, der ihn nicht von selbst versteht, schwer zu beschreiben sein. Sie fühlte sich dem Elemente, in dem sie geboren, der Atmosphäre, in der allein sie atmen konnte, entrissen. Man hatte sie gelehrt, wahr gegen sich selbst, gegen jeden Andern zu sein, und Recht und Wahrheit waren die Sterne gewesen, auf die man von jeher ihr Auge gelenkt. Gott ist die Wahrheit, das Recht, das Gute und das Schöne, hatte ihr Vater ihr stets gesagt, und so lange Du das Recht tust, so lange Du wahr bleibst, bist Du Gottes Kind und mein liebes Kind! – Stundenlang konnte die Erinnerung an diese freundlichen Worte, bei denen sie sich sonst so glücklich gefühlt, sie jetzt quälen. Nachdem sie damit angefangen hatte, unwahr gegen sich selbst zu sein, hatte sie durch eine damals unfreiwillige Selbsttäuschung von ihrem Vater die erlaubnis erlangt, zum Christentume überzutreten, an das sie zu glauben wähnte. Als aber der Zweifel in ihr erwachte; als sie mit aller Anstrengung und dem Aufwande von tausend Scheingründen in sich die Lehren Reinhard's und des Pastors zu begründen strebte; da, sagte sie sich jetzt, da habe sie gewusst, dass sie niemals werde glauben können, was sich gegen ihre Vernunft sträube; und dass sie dennoch, trotz dieser inneren Gewissheit, Christin geworden sei, dass sie ihren Vater, Reinhard und sich selbst habe hintergehen wollen, das war ein Verbrechen, um dessentwillen sie sich verächtlich vorkam, eine Sünde, die sie sich nicht vergeben konnte. Aber was ist Sünde? fragte sie sich dann wieder. Wenn ich Reinhard nicht anders glücklich machen konnte als durch eine Unwahrheit; wenn ich selbst ohne sie elend werden musste, kann Gott ein Unrecht strafen, das aus grosser Liebe begangen wurde? Einen Augenblick fühlte sie sich dann frei und gerechtfertigt durch die Liebe; durch den Kampf, den es sie gekostet, aus Liebe gegen ihre überzeugung zu handeln. Sie hatte aus Liebe ein Opfer gebracht, das ihr schwer geworden war, sie hatte sich selbst überwundendas war es ja gerade, was Gott von uns verlangtund diese idee gab ihr Ruhe, bis sie sich gestand, dass auch dies wieder eine Unwahrheit sei. Nicht nur um glücklich zu machen, sondern um es zu werden, war sie Christin geworden; es lag Selbstsucht auch in dieser Handlung, und die Bemerkung, dass es ihr fast zur Gewohnheit geworden, sich nach ihrem Bedürfniss selbst zu täuschen, vermehrte ihre Seelenpein in einem Grade, der ihr jedes ruhige Urteil raubte. Eine Furcht vor der Strafe Gottes bemächtigte sich ihrer Seele, und sie, die nicht an die mystischen Lehren des christentum zu glauben vermochte, überliess sich fast willenlos dem Aberglauben des alten Testaments, das Gott einen Rächer nennt, das Böse strafend bis in das fernste Glied. Auch Reinhard, sagte sie sich, ziehe ich mit in mein Verderben; auch ihn wird der Strudel erfassen, wenn ich ihm nicht mehr verbergen kann, dass ich nicht glaube. Was soll er dann beginnen? Er wird mich lieben und mir doch nicht verzeihen können! Auch er wird in den heillosen Kampf zwischen seiner Liebe und seinem Glauben geraten; auch auf sein teures Haupt werde ich das Elend herabbeschwören, das mich nicht ruhen lässt, und das wird die erste Strafe sein, mit der Gott meine Sünden rächt.

In dieser Verfassung ihrer Seele vermehrten die Briefe des Geliebten ihr Leiden. Sie sprachen ihr warme Liebe und ein volles unbedingtes Vertrauen aus. Er schilderte ihr das Glück einer Ehe, wie er sie an ihrer Seite erwarte, die, auf gleichen Ansichten, gleicher überzeugung gegründet, in gemeinsamem Streben nach Vollkommenheit, den Himmel auf Erden bieten müsse; und meldete ihr endlich voller Freude, dass der Tag zu seiner Ordination bestimmt sei und er, sobald ihm diese Weihe geworden, zurückkehren werde, um sie heimzuführen. Seine Mutter, die seiner Ordination beizuwohnen wünsche, sei bereits bei ihm und werde mit ihm zur Hochzeit nach Berghoff kommen. Dann wünsche er vor derselben