hin. Das war mehr als sie ertragen konnten, aber William hatte vorausgesehen, was er ihnen damit tat, was er ihnen damit leistete und gewährte.
Jetzt in der Stunde der Trennung bedurfte es keines Geheimnisses, gab es keine Entweihung für diese reine Liebe mehr. Eduard zog die Geliebte, William's Frau, tief erschüttert, an sein Herz, und drückte einen langen Kuss auf ihre Stirne. Gott segne Sie! rief er, und schloss dann auch William noch einmal in seine arme. Gott segne Euch! Er konnte nicht weiter sprechen. Ueberrascht, aber mit ehrendem Schweigen, sahen es der Vater, sah die Mutter es.
Leben Sie wohl, Eduard! Ihnen vermache ich meine Eltern, sagte Clara kaum hörbar, stehen Sie ihnen bei! – Und nun erst nahm William ihren Arm und führte sie zu dem Wagen, der sie bald den Augen der nachsehenden Freunde entzog. Nach Clara's Abreise schien Eduard sich plötzlich zu ermannen. Ein Leben, das ihm keine Freude bot, wollte er für Andere nützen; nicht umsonst hatte er seine Hoffnung geopfert und der Geliebten entsagt. Er fing an wieder vorwärts zu blicken, mit neuem Eifer seine medizinischen Studien und die Bestrebungen aufzunehmen, die er im Verein mit gleichgesinnten Männern schon früher für die Befreiung seiner Glaubensgenossen gemacht hatte. So hatte der Vater ihn zu finden erwartet, und das erhabenste verhältnis bildete sich immer schöner zwischen ihnen aus, denn auf die rasche Tätigkeit des Sohnes übten die Ruhe und Weisheit des Vaters den segensreichsten Einfluss. Seit Eduard ganz von der leidenschaft für Clara beherrscht, nur dieser und dadurch sich selbst gelebt, war er auch mit Joseph und Steinheim weniger zusammengekommen; sie nahmen den Rückkehrenden nun mit Freuden wieder auf. Jetzt erst erfuhren sie auch, welche Forderung Eduard an die Regierung gestellt, und die abschlägige Antwort, die ihm geworden, und Beide errieten leicht, was ihn bewogen hatte, jene Angelegenheit so heimlich zu betreiben.
Wir müssen mit unermüdlicher Beharrlichkeit den Weg verfolgen, sagte Eduard, den wir für den rechten halten. Es kommt nur darauf an, dass wir ausharren, nicht verzagen und immer wieder kommen, so oft man uns auch abweist.
Das werden sie jüdische Unverschämteit nennen! bemerkte Joseph.
Mögen sie es immerhin. Nur in der Beharrlichkeit liegt Hoffnung, nur wenn wir unablässig dagegen stürmen, können die Verschanzungen fallen, hinter denen sie uns unsere Rechte vorentalten; und fallen müssen sie. Unser Recht muss uns werden.
"Und wär' es mit Ketten an den Himmel geschlossen!" unterbrach ihn Steinheim, der selbst bei einer so ernsten Unterredung, die ihm sehr am Herzen lag, seine üble Angewohnheit nicht überwinden konnte. Glücklicherweise war man so sehr daran gewöhnt, dass Niemand es weiter beachtete. Auch Joseph und Eduard hörten nicht darauf, sondern überlegten lange, ob man jetzt, nachdem Eduard's persönlicher Wunsch abschlägig beschieden worden, dieselbe Bitte für die Juden im Allgemeinen bei der Regierung wagen solle. Sie stritten hin und her und kamen endlich überein, dass Eduard sich nach Jenny's Hochzeit, die nicht allzu fern mehr war, selbst nach der Residenz begeben und versuchen möchte, was dort zu erreichen sein würde. Nach diesem Beschlusse verliess Steinheim die Andern, und Eduard, der erst jetzt wieder auf seine Umgebung aufmerksam zu werden anfing, sagte zu Joseph: Da wir Jenny's Hochzeit erwähnen, sage mir, Du, der Du meine Schwester nie aus den Augen verloren hast, was quält Jenny? liebt sie Reinhard nicht? scheut sie sich vor dem Leben auf dem land? oder was geht sonst mit ihr vor? Ich finde sie geistig in einer Weise verändert, die mich um so mehr überrascht, als sie mir bis jetzt gänzlich entgangen war.
Du hast Recht! sagte Joseph, aber wir können ihr nicht helfen, sie quält sich selbst, und ich weiss nicht, wie das enden wird.
Wie meinst Du das? fragte Eduard bestürzt.
Ich bin überzeugt, Jenny ist ohne allen Glauben an die christlichen Dogmen Christin geworden, und der Gedanke, einen Meineid geschworen zu haben, peinigt und verfolgt sie mit einer Gewissensangst, vor der sie sich nicht zu schützen weiss.
Wär's möglich? – Sollte es Das sein? Was bringt Dich auf die Vermutung?
Jenny's ganzes Wesen und vor Allem eine Unterhaltung, die ich vor einigen Tagen mit ihr hatte. Sie brachte absichtlich das Gespräch auf Religionsverschiedenheit und gestand mir, jetzt, da sie Christin geworden wäre, käme sie sich manchmal wie ausgeschlossen oder verstossen von den Ihren vor. Es sei ihr, als wenn sie nicht mehr wie sonst zu den Eltern gehöre, obgleich sie sich doch Reinhard durch die Taufe nicht näher gebracht fühle. Sie fragte mich, was ich von dem Eide denke? ob ich überhaupt glaube, dass alle sogenannten Sünden auch Sünden vor Gott seien? und sie äusserte sich überhaupt in einer Art, die mir bei ihrem geist lächerlich und kindisch erschienen wäre, wenn ich nicht darin eine vollkommene, innere Verwirrung, einen Zwiespalt gefunden hätte, der mir herzlich leid tat. Zuletzt sagte sie mir, sie könne den Gedanken nicht fassen, nicht mit ihren Eltern auf demselben Kirchhofe zu ruhen. Ich stellte ihr vor, das sei eine Torheit; auch wir, obgleich noch Juden, könnten leicht fern von allen Freunden eine Ruhestatt finden, und es sei gewiss höchst gleichgültig, wo man uns begraben