1843_Lewald_139_81.txt

als Lord D. der person geboten hätte, unter der einzigen Bedingung, dass er unsern Namen ablegt, dass er nie nach Deutschland kommt, dass ich nie wieder von ihm und von dem Frauenzimmer Etwas höre. Für mich ist Ferdinand tot, ich habe keinen Sohn mehr, wiederholte sie noch einmal.

Während dieser Rede war sie immer heftiger geworden und brach zuletzt in krampfhaftes Weinen aus, das sie zu erleichtern schien. Auf Dich allein ist nun meine Zukunft angewiesen, sagte sie. Deine Söhne sollen die Erben dieses Hauses werden und William hat mir versprechen müssen, dass sie unsern Namen neben dem Euren führen sollen. Morgen muss der Ehecontract aufgenommen werden und sehr bald soll Eure Hochzeit sein. Ich würde nicht Ruhe haben, ehe ich nicht die einzige Angelegenheit beendet habe, die mir auf Erden noch Freude machen kann, und dass Du mir diese letzte Freude machst, das wird Dir Segen bringen. Gott gebe, Du würdest eine glücklichere Mutter, als ich.

Sie fiel ganz erschöpft in die Kissen des Sophas zurück, Clara stand sprachlos an ihrer Seite, bemüht, sie durch den Geruch stärkender Essenzen zu beleben. Sie hatte sich vorgenommen, ihrer Mutter zu sagen, dass sie William nicht liebe und ihn nicht heiraten könne, und hatte sich gefasst gemacht, den heftigen Zorn derselben mit Ergebung zu tragen. Jetzt aber, als die Mutter vor ihr lag, die stolzen Züge ganz gebrochen von der Macht des Leidens, fehlte ihr der Mut, sie durch eine entschiedene Weigerung noch mehr zu betrüben. Nur um Aufschub wollte sie fürs Erste bitten und tat es, indem sie der Commerzienrätin vorstellte, wie ihr leidender Zustand keine Aufregung gestatte und wie William gern bereit sein würde, zu warten, bis die Mutter wieder ganz wohl und kräftig sei. Aber auch davon wollte diese nichts hören, und als in diesem Moment Eduard in das Zimmer trat, um seinen täglichen Morgenbesuch zu machen, richtete die Commerzienrätin sich lebhaft mit der Frage empor: Sagen Sie, lieber Doctor, glauben Sie, dass Freude meinen Nerven schaden könne?

Im Geringsten nicht, antwortete er unbefangen; ich glaube vielmehr, dass Erheiterung Ihres Gemüts mehr zu Ihrer Genesung beitragen würde, als irgend eine Arzenei.

Also haben Sie nichts dagegen, wenn wir morgen die Verlobung meiner Tochter feiern?

Eduard schwieg betroffen; Clara sah ihn mit flehenden Blicken an, ihr Atem stockte; denn von dieser Antwort hing ihre Zukunft ab. Die Commerzienrätin schien aber zu glauben, ihr Arzt überlege, ob ihre Anwesenheit in grösserer Gesellschaft zulässig sei, und sagte: Ich spreche ja von keinem grossen Feste, nur im engsten Kreise wollen wir die Verlobung vor sich gehen lassen. An solche Feste, wie Ihre Eltern bei Jenny's Verlobung veranstalteten, darf ich jetzt freilich nicht denken, auch wird Clara zur Entschädigung in dem haus ihrer Schwiegereltern Glanz und Feste in Ueberfluss findendeshalb soll Alles morgen in Stille vor sich gehen und dagegen dürfen Sie keine Einwendungen machen.

Nein, gewiss nicht! Ich darf keine Einwendungen dagegen machen! antwortete er mit einem Seufzer und blickte auf Clara, die sich, unfähig seinem Blicke zu begegnen, an einen Stuhl lehnte, um nicht ihrer Bewegung zu unterliegen.

Kaum aber hatte die Commerzienrätin Eduard's erlaubnis erhalten, als sie die Klingel zog und dem Diener befahl, William zu ihr zu bitten. Eduard hielt die Hand der alten Dame noch in der seinen, und richtete eine Frage über ihren Zustand an sie, als William schon dem Ruf der Tante Folge leistete.

Gleich, gleich, Doctor! unterbrach sie ihn, seien Sie nicht böse. Aber Sie selbst gestanden mir, Freude sei meine beste Arznei, darum muss ich William sagen, dass Sie mir die erlaubnis gegeben haben, morgen die Verlobung der beiden Lieben feiern zu dürfen.

Eduard! rief William. Doch ehe er noch ein Wort hinzufügen konnte, sprang Eduard auf und wollte Clara zu hülfe eilen, die, unfähig sich länger zu beherrschen, bleich und matt der Tür zuwankte. Plötzlich blieb er stehen und sagte rasch, aber mit einer Selbstbeherrschung, die Jeden täuschen musste, der die Verhältnisse nicht kannte: Ihre Braut ist unwohl, William, begleiten Sie sie.

In demselben Augenblick war William auch an Clara's Seite, ihre letzte Kraft verliess sie, er umfing sie stützend mit seinen Armen, und in Eduard's und in ihrer Mutter Gegenwart weinte sie heisse Tränen über ihr verlorenes Liebesglück an ihres künftigen Gatten Brust.

Noch am Abende fuhr Eduard nach Berghoff hinaus. Clara ist mit William verlobt, sagte er, nachdem er sich mit den Seinen begrüsst hatte.

Das freut mich sehr, antwortete sein Vater und drückte Eduard die Hand, während die Frauen ihn um nähere Mitteilungen baten. Mehr wurde zwischen Vater und Sohn nie wieder über eine Angelegenheit gesprochen, welche früher zwischen ihnen der Gegenstand lebhafter Erörterungen, banger Besorgniss und schweren Kampfes gewesen war.

Eduard fuhr nach wie vor an jedem Morgen in das Haus der Commerzienrätin, so lange ihre Gesundheit seine Pflege erforderte; nur Zeuge von Clara's Verlobung zu sein, hatte er unter einem Vorwande verweigert, und William und Clara wussten ihm dies Dank. Die ersten Tage, an denen er das neue Brautpaar sah, bedurfte es seiner ganzen Kraft, um äusserlich eine Fassung zu erzwingen, die ihm in seinem geist noch fehlte. Aber William stand ihm wie seiner Braut in edler Weise bei. Er selbst begleitete