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. Trotzdem hat sie ihm wahrscheinlich das für Reinhard bestimmte Bildchen zum Andenken geschenkt, denn ich habe es seit dem Abend nicht mehr gesehen, und es ist auch nie wieder die Rede davon gewesen. Am nächsten Tage zogen wir hieher und seitdem ist Jenny's traurige Stimmung, wie Sie selbst wissen, im Zunehmen begriffen.

Die Pfarrerin schwieg lange Zeit und schien mit sich selbst zu Rate zu gehen, dann sprach sie: Gott verhüte, dass Ihre Behauptung wahr sei! Ich kann nicht glauben, dass Jenny sich so vollkommen über ihre Gefühle getäuscht haben könne, und bin ebenso fest von ihrer Liebe zu Reinhard überzeugt, als von der seinen für sie. Indess ist leider unser Herz tausend befremdlichen Eindrücken zugänglich, und es ist nicht unmöglich, dass sich irgend ein Widerstreit von Gefühlen in der Seele der armen Jenny erhoben hat, den sie mit ihrer leidenschaftlichen Weise gewaltsam bekämpfen will und hoffentlich bekämpfen wird. Es ist denkbar, dass ihre Unruhe dadurch entstanden ist, und ich danke Ihnen für das geständnis, das Sie mir gemacht haben, wie für die Geduld, mit der Sie die Unfreundlichkeit des armen Mädchens ertragen. Nur Eins muss ich Ihnen wie die heiligste Pflicht an's Herz legen: Lassen Sie weder Jenny, noch meinen Sohn es ahnen, dass Sie irgend eine Vermutung der Art hegen.

Wie können Sie das nur glauben? fragte Terese. Rechnen Sie fest auf meine Verschwiegenheit, um so mehr, als auch Ihres Sohnes Glück davon abhängt, dem ich lebenslang für so Grosses verpflichtet bin und für den kein Opfer mir zu schwer fallen sollte.

Die Pfarrerin umarmte sie gerührt. Sie versicherte sie, wie sie ihre achtung in hohem Grade gewonnen habe, und wie sehr sie ihr die Schonung Dank wisse, mit der sie Jenny behandle. Lassen Sie uns vereint, sprach sie, dahin wirken, Jenny mit sich selbst wieder auszusöhnen und ihr das Glück zu erhalten, das sie und mein Sohn von der Zukunft erwarten. Unsere innigste Anerkennung wird es Ihnen danken, und wenn Sie sich wirklich meinem Sohne verpflichtet fühlen, tragen Sie ihm Ihren Dank jetzt in einer Weise ab, welche ihn für immer zu Ihrem Schuldner macht.

Terese versprach Alles und sie schieden mit den herzlichsten gegenseitigen Versicherungen.

Wie weit Terese bei dieser Unterredung sich selbst über die Beweggründe ihrer Handlungen getäuscht hatte, wie weit sie absichtlich dabei zu Werke gegangen, möchte schwer zu entscheiden sein. Ob sie wirklich an Jenny's Liebe für Reinhard zweifelte, an eine Neigung für Erlau glaubte, ob nur der Wunsch, Reinhard und Jenny vor Reue zu bewahren, allein sie antrieb, der Pfarrerin jenen Bericht zu erstatten, das lassen wir dahingestellt sein. Jedenfalls aber war sie sich der eigensüchtigen Motive, die zweifelsohne in ihrer Seele sich regten, nicht deutlich bewusst, so dass sie die Lobsprüche der Pfarrerin mit ruhigem Gewissen annahm und sich Jenny gegenüber in einer stillen Grösse erschien, welche es ihr leichter machte, sich fügsam und nachgebend gegen sie zu betragen.

Ihrem Vorsatz getreu, schwieg die Pfarrerin gänzlich über die Entdeckung, welche Terese ihr gemacht hatte. Jenny tat ihr leid, und doch zürnte sie ihr, weil sie nicht daran zweifelte, dass Erlau wirklich einen Eindruck auf Jenny's bewegliche Phantasie gemacht und sie verleitet haben könnte, Reinhard untreu zu werden, wäre Erlau selbst ihr nicht zur rechten Zeit zu hülfe gekommen. So lieb sie ihre künftige Schwiegertochter hatte, konnte sie sich doch nicht verbergen, was sie stets gedacht und früher auch gegen ihren Sohn geäussert hatte, dass eine Frau mit so unruhigem geist, mit solch beweglichen Leidenschaften viel weniger zu Hoffnungen auf ein ruhiges eheliches Glück berechtigte, als z.B. ein Mädchen von Teresens soliden, wenn auch weniger glänzenden Eigenschaften. Sie zitterte bei dem Gedanken, ihr Sohn könne durch irgend einen Zufall von der Neigung seiner Braut für Erlau unterrichtet werden, und fühlte sich sehr beruhigt, als endlich der für die Taufe bestimmte Tag gekommen war und sie die Aussicht hatte, nun mit ihrem Sohne Berghoff auf einige Monate zu verlassen. In dieser Zeit, so hoffte sie, würde Jenny zur Ruhe kommen, ohne dass Reinhard etwas von dem Kampfe in ihrem Herzen zu erfahren brauchte. Die Eltern beide, Eduard, Joseph, die Pfarrerin, Terese und Clara waren in ernster Haltung in einem Zimmer beisammen, in das freundlich die Strahlen der untergehenden Sonne hineinfielen. Ein runder, mit schwerem Teppich behangener Tisch, auf dem ein silbernes Becken in silberner Schale stand, nahm die Mitte desselben ein. Neben diesem einfach hergerichteten Hausaltar stand Jenny's Lehrer, der würdige Pastor, und erwartete, gleich den Uebrigen, den Eintritt seiner Schülerin. Sie hatte gewünscht, die letzten Stunden vor ihrer Taufe ganz allein zu bleiben, und ihren Bräutigam ersucht, sie erst rufen zu kommen, wenn Alles zu der feierlichen Handlung bereit sein würde.

Nun trat sie an Reinhard's Arm in das Zimmer und Allen fiel die Blässe ihrer schönen Züge auf, als sie sich in die Nähe des Pastors stellte und Reinhard zurücktrat. Nach einer kurzen Anrede des Geistlichen sprach Jenny ihr Glaubensbekenntniss und empfing die Taufe. Sie schien sehr ergriffen zu sein, als das Taufwasser ihre bleiche Stirn berührte. Aber keine Träne war in ihr Auge gekommen, keine Muskel ihres Gesichtes hatte gezuckt, und nur der bebende Ton der stimme hatte, während sie das Glaubensbekenntniss ablegte, der herrschaft ihres festen Willens Trotz geboten.

Jetzt war die kurze