Wünsche ihrer Umgebung zu erraten und zu befriedigen. Je mehr durch Gewöhnung auch für ihn die Bequemlichkeit des Lebens an Reiz gewann, um so angenehmer erschien ihm die Weise, mit der Terese vorzusorgen wusste. Jenny's Aeusserung, dass Terese sich Liebe erkoche und erwirtschafte, begegnete daher allgemeinem Tadel, wie überhaupt ihr verhältnis zu ihrer Freundin der Pfarrerin immer mehr missfiel und Allen ein Rätsel dünkte, Reinhard ausgenommen, der diese ungewohnte Härte in Jenny's Charakter nur zu leicht und gern entschuldigte.
Nach Jenny's früher geäussertem Wunsche sollte auch Terese unter ihren Taufzeugen sein, doch schien sie diesen oft besprochenen Vorsatz jetzt ganz plötzlich aufgegeben zu haben. Sie erklärte, als die Pfarrerin sie deshalb zur Rede stellte und ihr bemerklich machte, wie diese Zurücksetzung für Terese empfindlich sein müsse: Es täte ihr leid, aber sie könne sich nicht entschliessen, es wäre ihr unmöglich, sie dazu aufzufordern. Diese entschiedene Aeusserung veranlasste die Pfarrerin, weiter in Jenny zu dringen, sie konnte jedoch keine nähere Erklärung von ihr erlangen. Jenny behauptete, ohne Gründe anzugeben, sie habe sich in Terese geirrt, sie fühle eine wachsende Abneigung gegen sie, und könne dieselbe nicht überwinden. Als zufällig eben während dieser Unterredung Terese mit einer Anfrage von Jenny's Mutter hinzukam und mit einer heftigen, kurzen Antwort von Jenny abgefertigt wurde, die gleich darauf das Zimmer verliess, benutzte die Pfarrerin die gelegenheit, mit Teresen einmal darüber zu sprechen, ob sie vielleicht den Grund zu Jenny's gereizter, launenhafter Stimmung kenne?
Terese verneinte es. Ich weiss nur das Eine, sagte sie, dass ich ihr Betragen gegen mich nicht verdient habe, und ich würde es nicht ertragen, wenn mich das Andenken an unser früheres verhältnis nicht nachsichtig gegen sie machte.
Und wissen Sie denn nicht, liebes Kind, seit wann diese Verstimmung sich Jenny's bemächtigt hat? Man könnte vielleicht irgend Etwas zu ihrer Beruhigung tun, wenn man die Veranlassung dazu kennte.
So wie Sie Jenny jetzt sehen, liebe Frau Pfarrerin, ist sie seit wir in Berghoff sind, antwortete Terese, und allerdings habe ich eine Vermutung darüber, die ich Ihnen mitteilen möchte, wenn Sie mir heilig versprechen wollen, gegen Jeden, besonders aber gegen Ihren Sohn darüber zu schweigen.
Die Pfarrerin zauderte einen Augenblick, dann bat sie Terese, diese Mitteilung lieber zu unterlassen, wenn sie nicht wirklich nötig zu Jenny's Glück, zu ihrer Herstellung sei.
Ich bin in einer sonderbaren Lage, antwortete Terese, und weiss selbst nicht, ob es nicht meine Pflicht ist, ein geheimnis zu verraten, zu dessen Kenntniss ich nur zufällig gelangte; denn noch dürfte es Zeit sein, ein Unheil zu vermeiden, das meinen teuersten Freunden droht.
Die Pfarrerin wurde unruhig, und Terese fuhr fort: Den Abend, ehe wir nach Berghoff zogen, zeichnete Jenny mit Erlau auf dem Balkon vor dem Treibhause eine Ansicht der Gegend, welche sie für ihren Bräutigam bestimmte. Sie war Anfangs ganz heiter; Steinheim war auch mit ihnen, und Jenny rief mich ebenfalls herbei, um mir ihre Arbeit zu zeigen und mich an der Unterhaltung teil nehmen zu lassen. Diese nahm, wie gewöhnlich, wenn jene drei ohne Reinhard beisammen waren, eine ziemlich fade Wendung. Das Gespräch langweilte mich, so dass ich Jenny aufmerksam machte, wie wenig dieses Geplauder und Geschwätz ihrem Bräutigam behagen würde. Darüber wurde sie verdriesslich und heftig, und so ist es seit jenem Tage geblieben.
Aber mein Kind, sagte die Pfarrerin im Tone des Vorwurfs, Sie können doch kaum annehmen, dass ein so geringer Tadel Jenny's ganzes Wesen, ihr ganzes verhältnis zu Ihnen so vollkommen verändern könne, besonders da sie sonst Tadel von Jedermann mit grosser Freundlichkeit zu ertragen pflegte, was mir an ihr stets angenehm aufgefallen ist.
O, Gott bewahre! das glaube ich auch nicht, erwiderte Terese, ich halte es nur für begreiflich, dass ihre üble Laune sich gerade gegen mich richtet, weil wir zufällig jenen kleinen Streit in einer Stunde hatten, die ausserdem von entschieden traurigen Folgen für Jenny war.
Terese, unterbrach die Pfarrerin sie sehr ernstaft, Ihre halben Reden scheinen mir ein geheimnis mitteilen zu wollen, das Sie vielleicht verschweigen sollten. Sie sind aber bereits zu weit gegangen, und ich muss Sie bitten, mir nun die volle Wahrheit zu entüllen, damit ich selbst entscheide, was wir für Jenny, die ich als meine Tochter liebe, tun können und müssen.
Terese schien zu schwanken, dann aber sagte sie rasch und mit grosser Bestimmteit: Nun denn, Frau Pfarrerin! Ich glaube, Erlau's Abreise ist die Veranlassung zu der vollkommenen Veränderung, welche mit Jenny vorgegangen ist.
Das wäre ein grosses Unglück, rief die alte Dame erschreckt. Aber was bringt Sie auf diese Vermutung?
Eine blosse Vermutung hätte ich Ihnen nicht mitgeteilt, antwortete Terese, ich habe die feste überzeugung, dass es so ist. Nachdem Steinheim den Balkon verlassen hatte, hörte ich, denn ich war im Treibhause beschäftigt, Erlau lebhaft mit Jenny sprechen, und obgleich ich weder Alles verstehen konnte noch wollte, vernahm ich, dass Erlau ihr seine Liebe gestand und ihr zugleich Lebewohl sagte, weil er ohne Hoffnung in ihrer Nähe nicht leben könne. Den nächsten Tag war er abgereist, und als sein Abschiedsbrief uns gebracht wurde, behauptete Jenny, die man darum fragte, von seiner Reise ebenso wenig gewusst zu haben, als wir