, und Gründe zu dieser Handlung suchen, von denen keine Spur in ihrer Seele war. Könnte nicht selbst Terese bereit sein, Reinhard zu beweisen, dass Mangel an Liebe zu ihm, oder die Furcht vor seinen beschränkten Verhältnissen und dem Leben in ländlicher Zurückgezogenheit, sie zur Lösung dieses Bündnisses veranlasse, und dass sie die Religion nur zum Deckmantel gebrauche? Jenny sah Reinhard vor sich, sie sah, wie er mit Verachtung auf sie blickte, wie er sie von sich stiess, er, der sie einst geliebt, an dem sie stets mit warmer Neigung gehangen, und trotz aller inneren Kämpfe, trotz der warnenden stimme ihres Gewissens liess sie die Taufe für eine bestimmte Stunde ansetzen, und beschloss, durch jenes erkünstelte Glaubensbekenntniss, das sie beschwören konnte, ohne gerade einen Meineid zu begehen, sich unauflöslich mit Reinhard zu verbinden, weil sie sich vor den Leiden fürchtete, die eine Trennung von ihrem Geliebten notwendig für sie zur Folge haben musste.
Reinhard, seine Mutter und Clara sollten die Zeugen bei Jenny's Taufe sein, und die Pfarrerin war zu diesem Zwecke nach Berghoff gekommen, wo sie ein paar Wochen zu bleiben versprochen hatte. Auch Reinhard machte sich frei von seinen Geschäften in der Stadt, um diese Zeit ganz mit seiner Braut zu verleben, da er, wie schon gesagt, gleich nach der Taufe mit seiner Mutter zu seinem alten Onkel fahren und dort verweilen wollte, bis die Entscheidung über seine Anstellung definitiv erfolgt sein würde. Obgleich nur ein paar Monate seit der Abreise der Pfarrerin verflossen waren, fand sie das verhältnis ihres Sohnes zu Jenny wesentlich verändert und fast umgekehrt. Reinhard's Eifersucht hatte sich gelegt, da Erlau dieselbe nicht mehr erregte; mit den äussern Verhältnissen seiner Zukunft, mit dem Reichtum seiner Braut hatte er sich ausgesöhnt, je mehr er sich überzeugte, dass die ganze Familie denselben zwar in seinem Werte begriff, aber doch nicht überschätzte oder damit absichtlich prunkte; und da nun auch Jenny's religiöse Erkenntnisse sich seinen Ansichten angeschlossen hatten, war er vollkommen glücklich, und zu jener inneren Zufriedenheit gelangt, die ihn seit seiner Verlobung geflohen hatte. Diese innere Ruhe machte ihn heiter, nachgebender und mitteilender, als er es jemals gewesen war. Er hatte tausend Aufmerksamkeiten für Jenny's Eltern, behandelte Eduard mit der zartesten Sorgfalt, da er ihn über einen Verlust trösten wollte, dessen Grösse er mit ihm empfand, ohne dass Jener irgend über seine Liebe oder seinen Gram mit ihm gesprochen hatte. Mit Jenny unablässlich beschäftigt, war er es jetzt, der sich an jeder Kleinigkeit erfreuen und bei jedem Begebniss eine fröhliche, scherzhafte Seite hervorheben konnte. Selbst Teresens Neigung für ihn diente, so sehr er es auch verheimlichen wollte, nur dazu, sein Glück zu erhöhen, indem sie seiner Eitelkeit, deren er sich kaum bewusst war, schmeichelte und ihm in Jenny's Eifersucht einen ihm wohltuenden Beweis ihrer Liebe gab. Er fühlte sich in gewisser Weise Teresen dafür verpflichtet, behandelte sie mit freundlicher Zuvorkommenheit, und in dem täglichen Beisammensein mit ihr stellte sich ein zutraulich bequemes verhältnis zwischen ihnen her, das aber von Teresens Seite an Unbefangenheit verlor, je ruhiger Reinhard sich demselben überliess.
Mit Freuden hatte die Pfarrerin die Verwandlung bemerkt, welche die Stimmung ihres Sohnes erlitten hatte, aber um so rätselhafter erschien ihr Jenny. Ein düstrer Ernst, eine krankhafte Reizbarkeit hatten sich ihrer bemächtigt, und besonders hatte Terese von der letzteren in einem Grade zu leiden, der der Pfarrerin missfiel. Jenny's Liebe zu ihrem Bräutigam schien äusserst lebhaft, sie konnte sich keinen Augenblick von ihm trennen; sie war unruhig, wenn sie ihn nicht sah, und doch vermisste das scharfe Auge der Pfarrerin in Jenny's Liebe jene innige Hingebung, welche sie früher für Reinhard gezeigt hatte. Es lag ein Etwas in ihrem Betragen, in ihrer ganzen Art, das ihr unheimlich, ja fast dämonisch vorkam, und wovon sie sich doch keine bestimmte Rechenschaft geben konnte, um so weniger, als Jenny von einem unersättlichen Hang zu immer neuen Zerstreuungen erfüllt schien, der Niemanden in ihrer Umgebung zur Ruhe kommen liess.
Fahrten zu wasser und zu land, Besuche in der Nachbarschaft und stundenlange Spazierritte wechselten schnell mit einander ab, ohne dass Jenny, die eifrig darnach verlangte, Genuss darin zu finden schien. Reinhard liebte die natur und jede Art von Bewegung im Freien, deshalb liess er sich gern bereitwillig finden zu jedem Vorschlag der Art, welchen Jenny machte, bis auch ihm endlich ihre fieberhafte Unruhe auffiel, die nicht eher nachliess, bis sie körperlich ganz erschöpft zusammenbrach und dann stundenlang in vollkommener Abspannung und weichster Stimmung verharrte. Bat er sie, von dieser anstrengenden Lebensweise abzustehen, sich Ruhe und Erholung zu gönnen, so riss sie sich gewaltsam aus der Apatie empor, versicherte, weder krank noch ermüdet zu sein, und bestand darauf, diesen letzten Sommer in Berghoff mit Reinhard, wie sie es nannte, noch recht in Eile zu geniessen.
Gegen dies wilde Treiben, das zuletzt Jenny's Mutter ebenso beunruhigte, als die Pfarrerin, erschien Teresens stille, häusliche Tätigkeit um so wohltuender. Sie hatte allmälig sich fast des ganzen häuslichen Regimentes bemächtigt und wusste für Jeden mit Sicherheit das Bequeme und Angenehme zu verschaffen, ohne dass man es von ihr verlangt hatte. Dadurch machte sie sich namentlich den älteren Personen unentbehrlich, und auch Reinhard konnte nicht umhin, ihr lobend zu gestehen, dass sie ein seltenes Talent besitze, die