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sich festalten zu könnendie Wahrheit siegt doch immer. Es ist ihr Prüfstein, dass sie siegen muss, und auch Jenny sträubte sich jetzt vergebens gegen die Gewalt der Wahrheit.

Die überzeugung, dass der Geist des christentum die Hauptsache in demselben sei, war es allein, die ihr einen Ausweg für ihre Besorgnisse zeigte, einen Ausweg, vor dem ihre Redlichkeit sich scheute. Was aber sollte sie tun? Jetzt, nachdem sie unaufhörlich ihren Glauben an die christlichen Dogmen behauptet hatte, plötzlich erklären, sie habe sich getäuscht und sie könne nichts davon glauben? Das hätte sie eigentlich am liebsten getan, aber würde man nicht an der Unfreiwilligkeit dieser Täuschung zweifeln, und annehmen, sie habe bis jetzt gegen ihre Ansicht etwas behauptet, um ihren Zweck zu erreichen, was zu beschwören ihr der Mut fehle? Vor Reinhard und ihrem Vater, vor Eduard in diesem Lichte zu erscheinen, brachte sie zur Verzweiflung, abgesehen selbst von der Trennung von dem Geliebten, die unvermeidlich wurde, wenn sie sich weigerte, Christin zu werden. Sie schauderte vor der Wahl zwischen der Wahrheit und der Liebe; sie fühlte, dass Alle sie bedauern, Alle mit ihr leiden würden, falls sie sich wirklich entschliessen müsste, den Geliebten ihrer überzeugung zu opfern. Alle würden es beklagen, selbst Joseph, der sie ungern Christin werden sah, und Erlau, der sie liebteAllenur Terese nicht. Terese allein konnte sich darüber freuen, und wie sie dieselbe jetzt zu kennen glaubte, würde Terese eigensüchtig genug sein, auf den Trümmern von Jenny's Liebesglück sich eifrig ihr bürgerliches Wohnhaus zu begründen. Das sollte und durfte aber nicht geschehen; Terese sollte nicht ernten, wo Jenny mit ihrem Herzblute gesäet hatte, und wieder und immer wieder ging sie daran, Alles durchzudenken, was ihr je von religiösen Ansichten bekannt geworden war, bis sie entschieden zu der überzeugung gelangte, die Dogmen als eine Nebensache zu betrachten und, um Reinhard's Meinung zu schonen, endlich ein Glaubensbekenntniss zu stand brachte, das in Spitzfindigkeit dem ältesten Jesuiten Ehre gemacht hätte. Mit grossem Geschick hatte sie vermieden, jener Lehren von der Kindschaft Christi, der Erlösung durch seinen Tod und der damit gegebenen Genugtuung zu erwähnen, ohne irgend Zweifel an ihrem Glauben bei Reinhard dadurch zu veranlassen, der sich ganz einverstanden mit dem Glaubensbekenntnisse erklärte, als Jenny es mit innerster Beschämung vorlegte. Des Geliebten Beifall, seine Freude über ihre erkenntnis demütigten sie und machten sie vor sich selbst erröten. Er liebte sie, er freute sich über sie, während sie ihn in Dem betrog, was ihm das Heiligste war. Sie sagte sich, dass sie Reinhard's Vertrauen unwürdig hintergehe; sie hätte ihm gern die Wahrheit gestanden, wenn er nur gleich ihr dem Gedanken Raum gegeben hätte, dass man an Christus auf verschiedene Weise glauben, und doch einander lieben und glücklich mit einander sein könne. Sie begriff es nicht, wie der sonst so freisinnige Mann nur in diesem Einen Punkte von so unerbittlicher Strenge sein konnte. Was tat es ihrer Liebe oder ihrem häuslichen Glücke, wenn Jenny den Gekreuzigten für den ersten unter den Menschen, statt für Gott hielt, so lange sie nur seine Lehren befolgte? Indessen führten alle diese Gedanken sie doch nur immer auf den einen Punkt zurück, dass Reinhard es nimmer zugeben würde, sie Christin werden zu lassen, wenn sie ihm die Wahrheit bekenne: dass sie ihn verliere, wenn sie es nicht werde. Das machte sie verzagt, und diese Kämpfe ermüdeten sie so sehr, dass sie aus Schwäche Mut zu einer Trennung von dem Geliebten fühlte, wie Feiglinge zu Selbstmördern werden würden, wenn im Moment der Entscheidung nicht eben ihre Feigheit sie von der Tat zurückhielte. Jenny wusste sich keinen Rat in der Verwirrung ihres Sinnes. Von natur offen und mitteilend, sah sie sich teils durch die Verhältnisse, teils durch ihre eigene Schuld in ein Gewebe von Heimlichkeiten und Täuschungen verstrickt, das sie in ihren eigenen Augen erniedrigte. Clara's ruhige, ergebene Entsagung leuchtete ihr als Beispiel vor; sie wollte nicht kleiner sein als ihre Freundin, denn auch sie war sich bewusst, das Unvermeidliche würdig tragen und eher das Glück, als die achtung vor sich selbst entbehren zu können. Wie würde es sein, fragte sie sich also immer wieder, wenn ich vor Reinhard hinträte und ihm erklärte: Ich liebe Dich mehr, als Du es weisst, ich hatte meine ganze Zukunft an Dich geknüpft; aber Christin nach Deinem Sinne kann ich nie werden, darum muss ich auf das Glück verzichten, auf das ich mit Dir hoffte. Terese liebt Dich, sie glaubt wie Du an Christus, möge sie Dir ein Glück gewähren, das Du aus den Händen einer Jüdin nicht annehmen darfst. Aber schon bei dieser innerlich gehaltenen Rede zerfloss die Aermste in Tränen, trotz der Grossmut, welche sie gegen ihre Nebenbuhlerin auszuüben dachte. Sie stellte sich den Kummer vor, in dem sie die schönsten Jahre ihres Lebens fern von Reinhard vertrauern würde, sie sah ihn an Teresens Seite glücklich, sah sich von ihm vergessen, und noch heisser und bitterer flossen ihre Tränen. Was würden ihre Eltern sagen? Was würde man in den Kreisen ihrer Bekannten von ihr denken? Welch' widersprechende, tadelnde und nachteilige Gerüchte könnten sich über sie verbreiten! Während sie ihr höchstes Glück einer religiösen überzeugung mit blutendem Herzen opferte, würden Neid und böser Wille sich in die innersten Verhältnisse ihres Lebens drängen