muss, und zu dessen Vater ich mich und meinen ehrlichen Namen nicht hergeben mag. Wehe Euch! wenn Eure unverbesserliche Geschmacklosigkeit mich endlich dazu verleitet hätte, und Ihr waret nahe daran, mich auf diesen Irrweg zu führen. Darum fliehe ich Euch und wende meine Schritte nach jenen Gegenden, über denen ein blauer Himmel lacht, in denen man das Regieren den Fürsten und das Denken den pfaffen überlässt, die dafür bezahlt werden und es doch nicht tun, und wo man keinen Gewerbschein zu lösen braucht, wenn man nichts verlangt, als ruhig in der Sonne zu liegen und sich der paradiesischen Wonne des dolce far niente zu befleissigen. – Von Euch und Eurem gepriesenen civilisirten Leben verlange ich gar nicht zu hören. Ihr sollt und könnt mir nicht schreiben, weil ich nicht weiss, wo ich sein werde, und, wenn ich es irgend vermeiden kann, meine schreibkundige Hand zu nichts brauchen will, als die Blüten und Freuden zu pflücken, die mir am Wege winken. Erst wenn dieser Winter lange hinter mir liegen wird, soll der Pinsel die einzelnen Lichtstrahlen wiedergeben, die durch Eis und Schnee unvergesslich in meine Seele drangen. Denn jede Nacht hat ihre Sterne; auch im nordischen Eise blitzen sonnenhelle Brillanten funkelnd hervor, das Auge zu erfreuen – aber zu beleben, zu erwärmen, das verschmähten sie leider. Und somit lebet wohl! Du lieber Eduard, die Deinen alle und Ihr übrigen Freunde; geniesset des spärlichen Sonnenlichtes, das Euch geworden, wachset und gedeihet, Jeder auf seine Art, und wenn Ihr in Berghoff die Sonne untergehen und den Mond am Horizonte emporsteigen sehet, so betet mit mir, dass der Götter reichster Segen dies Fleckchen Erde, diese Oase in der Wüste, dies Tal beglücken möge, wo unter dem Schutze sorglicher Liebe die schöne Rose von Saron erblühte. Möge Apoll ihr und ihren Pflegern den süssen Duft lohnen, den sie in die Seele eines seiner Söhne gehaucht, sie, die allein ihn vor dem gänzlichen Erstarren in der traurigen Farblosigkeit Eures Landes beschützte. Nochmals lebet wohl!"
Da hast Du noch ein Abschiedscompliment, mein Kind! sagte der Vater, und zum Danke für dasselbe magst Du sorgen, dass der Brief nach Erlau's Wunsch den näheren Freunden des Hauses mitgeteilt werde. Uebrigens freut es mich um des jungen Mannes willen, dass er noch solch rascher Entschlüsse fähig ist; denn Italien wird ohne Frage ihm die Vollendung geben, für die er berufen ist. Gib mir jetzt den Brief, ich will ihn der Mutter und Teresen zeigen und ihnen die Abreise des liebenswürdigen Wildfangs anzeigen.
Ich komme mit Dir, rief Jenny, als ihr Vater, nachdem er, seinem Wunsche gemäss, Eduard über die Pein des ersten Wiedersehens fortgeholfen, sich entfernen wollte. Clara selbst hielt sie aber zurück, und sprach: Nein, liebe Jenny! bleibe nur, es ist besser so. Was Dein Bruder und ich uns zu sagen haben, braucht für Niemanden, am wenigsten für Dich ein geheimnis zu sein.
Clara! rief Eduard, was soll diese erheuchelte Ruhe, die Sie peinigt und von der in diesem Augenblick meine Seele weit entfernt ist! O! das Glück, Sie endlich, endlich wiederzusehen, ist doch nicht im stand, mich das Leid vergessen zu machen, das uns trifft!
Auch ich leide, erwiderte Clara mit bebender stimme, aber wir müssen als Freunde mit einander zu tragen versuchen, was wir nicht zu ändern vermögen. Sie bleiben mir ja, sagte sie, und fasste Eduard's und Jenny's hände, die sie vereint an ihr Herz drückte, und auch unsere Jenny wird uns bleiben, und so vieles Gute, und die achtung vor uns selbst, und – die Liebe, setzte sie kaum hörbar noch hinzu. Sie muss uns genügen und erheben, schloss sie, und verbarg weinend ihr Gesicht an Jenny's Brust, die sich zärtlich und mit ihr weinend an sie schmiegte.
Eduard bog sich zu dem Mädchen nieder, machte seine Hand von Clara los und drückte einen langen Kuss auf ihre Stirn. Möge uns Friede werden! seufzte er, und stumm sassen sie lange beisammen. Endlich versuchte Eduard mit der Frage, ob Clara noch am Abende nach der Stadt zurückzukehren denke, das Gespräch anzuknüpfen.
Ja! antwortete sie, und ich zweifle, dass wir uns in den ersten Tagen sprechen werden, wenigstens hier in Berghoff nicht, da meine Mutter die Ankunft meines Vetters erwartet und – sie stockte, aber Eduard und Jenny errieten das Fehlende.
Da stehen Dir schwere Tage bevor, sagte Jenny und blickte ängstlich Eduard an, der blass geworden war und unwillkürlich ausrief: Auch das noch und schon jetzt!
Mein Onkel ist hergestellt, fuhr Clara fort, und ich wusste schon, als wir uns zuletzt sahen, dass mein Vetter wiederkehren werde. Ich wollte es Ihnen sagen, als ich herkam, aber ich versäumte es.
Und wieder entstand eine lange, drückende Pause, in der Niemand sprach, weil Jeder sich scheute von dem gegenstand zu reden, der ihn allein beschäftigte. Eduard wollte irgend einen bestimmten Entschluss fassen; er wollte Clara beschwören, diese stumme Resignation aufzugeben, oder lieber ein Beisammensein zu vermeiden, das für ihn bitterer als jede Trennung sein musste. Dazustehen vor der Geliebten, der er entsagen sollte, und sein Herz zu bezwingen, das fand Eduard unerträglich. So süss es seiner entstehenden Neigung geschienen, ohne Worte jede zarte Regung