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, mit unermüdlicher gefälligkeit täglich auf irgend eine kleine Zerstreuung für sie gedacht. Er sah sie leiden, er bemerkte, dass seine Gesellschaft ihr willkommen sei, und ohne die Quelle ihres Kummers entdecken zu wollen, war er glücklich, ihr Alles zu gewähren, was sie zu bedürfen schien. Je ernster er sie sah, um so mehr strebte er, sie mit sich auf die heitere Höhe des Daseins zu führen, auf die ihn seine poetische Seele und die Freiheit des wahren Künstlerlebens stellten. Seine Bemühungen waren nicht ohne wirkung auf sie geblieben, nun sollte auch dieser Trost ihr genommen werden. Es war ihr, als ob mit Erlau der Genius ihrer fröhlichen Jugend von ihr scheide. Sie hatte ihn lieb gehabt, mehr, als sie es gewusst hatte, das fühlte sie in dieser Stunde. Ihm hatte sie sich gleich gefühlt und sich nie gescheut, sich ihm in aller Excentricität zu zeigen, zu welcher der Augenblick sie gerade hingerissen hatte. Er war dem erwachsenen Mädchen ein lieber treuer Spielgefährte gewesen, und wehmütig schlug sie die hände zusammen und sagte: Wie wird es still sein, ohne seine Fröhlichkeit! wie still und ernst!

Sie sah ihm lange nach, als er von dannen ging, ohne nach ihr zurückzuschauen, und sie sagte sich dann, als er ihrem blick entschwunden war, von diesem Scheiden dürfe Niemand, auch Reinhard nichts erfahren. Es war Erlau's geheimnis, nicht das ihre. Erlau besass ihr Bild, das für Reinhard zu malen er unter immer neuen Vorwänden sich geweigert hatte. Sie hätte es ihm vielleicht nicht lassen dürfen; aber es zu fordern, hatte sie nicht den Mut, nicht die Besonnenheit gehabt. Daneben gönnte sie es ihm, und doch kam es ihr wie eine Untreue an Reinhard vor, dass sie schwieg, besonders, weil trotz aller Einwendungen ihres Gewissens, Erlau's stille Liebe ihr im Herzen heimlich wohltat. Wie schroff stach gegen dieses Mannes selbstlos verschwiegene Liebe das Betragen ihrer nächsten Freundin ab!

Schon vor langer Zeit war Jenny der Eifer unangenehm gewesen, mit dem Terese immer gegen sie Partei genommen hatte, wenn sie in den gleichgültigsten Sachen von Reinhard's Meinung abwich. Es fiel ihr ein, dass sie sich einmal scherzend gegen Joseph darüber beschwert und dieser erwidert hatte, er halte Terese für neidisch, und rate überhaupt davon ab, sie ganz in die Familie aufzunehmen. Das hatte Jenny mit tausend Gründen bestritten. Sie hatte damals den Vetter darauf hingewiesen, wie gutmütig Terese stets gewesen sei, wie anhänglich und anspruchslos; sie hatte versichert, dass sie nie etwas Uebles von ihr glauben würde, und hatte dann lächelnd hinzugefügt: Sie ist doch gewissermassen Reinhard und mir zu hülfe gekommen, und hat mindestens dazu beigetragen, uns schneller in den Hafen des Brautstandes zu bringen; dafür ertrage ich ihre kleinen Schwächen, denn lieb hat sie uns Beide, Reinhard sowohl als mich.

An ihrer Liebe für Reinhard habe ich nie gezweifelt, hatte Joseph geantwortet, und so gleichgültig diese Bemerkung ihr damals erschienen war, so deutlich erinnerte sie sich jetzt der Absichtlichkeit, mit welcher er sie ausgesprochen. Tausend kleine Züge, welche sie früher nicht beachtet, fielen ihr jetzt ein, und erhoben die Vermutung, die sich ihr heute aufgedrungen hatte, zur Gewissheit. Sie konnte sich es nicht verbergen: Terese hatte eine Neigung für Reinhard gefasst, und missgönnte ihr das Glück, von ihm geliebt zu werden. Sie muss fort, Terese darf nicht mit uns bleiben, das war Jenny's erster Gedanke. Dann dachte sie an die Reihe von Jahren, in denen sie Terese gekannt, an unzählige kleine Liebesdienste, welche sie sich gegenseitig erzeigt hatten; sie erinnerte sich, wie Terese lange Zeit ihr einziger Umgang gewesen, und dass erst, seit sie Reinhard und Clara kannte, jene so in den Hintergrund ihres Herzens getreten sei. Teresens Gesundheit war schwankend; Eduard, der ihr Arzt war, hatte gehofft, der Sommer auf dem land werde ihr gut tun, da sie im haus seiner Eltern es nicht nötig hatte, sich so angestrengt zu beschäftigen, als bei ihrer Mutter. Madame Meier hatte Teresens Gesellschaft gern; sie war ihr in mancher Hinsicht bequem, und es schien nicht unwahrscheinlich, dass Terese sich gern entschliessen würde, als Gesellschafterin in dem reichen haus zu bleiben, wenn Jenny nach ihrer Hochzeit aus demselben schied. Alle diese Rücksichten stimmten Jenny milder. Sie durfte hoffen, noch im Laufe des Jahres mit Reinhard verbunden zu werden, und einige Monate, meinte sie, gingen ja leicht vorüber. Mochte Terese immerhin sie auf das Land begleiten, wenn sie ihrem Bräutigam offen die Wahrheit bekannte, konnte für Niemand Gefahr daraus entstehen. Durfte sie, ohnehin die Glücklichere, der armen Terese aus kleinlicher Eifersucht eine Zuflucht in ihrem väterlichen haus missgönnen, in das sie auf Jenny's Bitten eingetreten war? Reinhard's Liebe konnte ihr ja nie geraubt werden und ihr festes Vertrauen zu derselben musste ihm Freude machen.

Trotz dieser Gedanken, welche sich nach einander in Jenny entwickelten, konnte sie einer gewissen Beklommenheit nicht Herr werden. Erlau's und Teresens Bilder traten störend zwischen sie und Reinhard; und so sehr sie es sich zu verbergen strebte, sie fühlte ungeachtet ihrer guten Vorsätze einen Groll gegen Terese, wie sie ihn selbst an jenem Abend nicht empfunden hatte, an dem ihre Eifersucht Veranlassung zu ihrer Verlobung geworden war. Damals wusste Terese nicht, was Jenny für Reinhard