hatte, um ihn damit zu beruhigen. Auch ihm drängte sich dadurch unwillkürlich die Frage auf, ob in der Frauen-natur wirklich eine höhere Leidensfähigkeit liege, als in der des Mannes. Er bewunderte Clara, aber er konnte ihre Entsagung kaum begreifen. Ja, einen Augenblick lang wagte er zu glauben, Clara's Gefühl könne an Stärke dem seinigen nicht gleich sein; sie müsse ihn weniger lieben, als er sie. Das ist eine Ungerechtigkeit, deren man sich nur zu oft schuldig macht. Weil das Weib besser liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und sich in dem Glück des Andern vollkommen vergessen kann, schilt man es kalt und tröstet sich über den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das Weib sei leidensfähiger als der Mann. Die Schmach fühlt man gar nicht mehr, den Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt; man denkt nicht an jene schweren Stunden, in denen sie genötigt sind, sich zu beherrschen, wenn ihr Herz gepeinigt wird. Wer sieht die Tränen, die oft aus der innersten Seele hervorbrechen möchten, während ein Männerarm die schöne Gestalt umschlingt und mit ihr durch die fröhlichen Reihen des Walzers dahinfliegt? Ihr seht nur die schimmernden Tautropfen auf dem Rosenkranz in ihren Locken, nur die Perlen, die den schönen Nacken zieren, und ahnet nicht, dass hinter dem feuchten Blau des Auges, das Euch entzückt, Perlen und Tautropfen glänzen, viel kostbarer und reiner, als der Tand, den Ihr bewundert. Ihr preiset das süsse Lächeln des holden Mundes, der nur zu oft traurig lächelt über ein Dasein, das so grelle Gegensätze in sich schliesst. kommt dann Einer einmal zu der erkenntnis des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz birgt, dann schreit er über die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts, und vergisst, dass Jeder, der ein Mädchen traurig sieht, ohne sich zu bedenken, auf eine unglückliche Liebe schliesst und mit roher Hand das stille geheimnis an das Licht ziehen möchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet, erkennt seinen Besieger in dem mann, fühlt sich ihm untertan, als Sklavin seines Willens, und möchte doch aus angebornem Schamgefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft blutig drückt, und selbst zerbrochen, unvertilgbare Narben zurücklässt. Geliebt werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück Lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen zu können, unglücklich lieben, eine Kränkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze entwicklung der weiblichen Seele auf dem verhältnis zum mann; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen, wenn es den geheimnissvollen Process seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte. In der ganzen natur schreitet die Entwikkelung so mystisch verhüllt vor, dass wir fast überall nur das Fertige erblicken, ohne uns über das Werden Rechenschaft geben zu können. Warum verlangt man es denn anders von den Frauen? Es mag den Mann stolz machen, die sichtbare Vorsehung des Weibes zu sein; zu fühlen, dass Glück und Unglück ihm aus seiner Hand kommt; aber es sollte ihn auch Mitleid und Schonung für die Armen lehren, die echt biblisch die Hand küssen, welche sie schlägt. Man hat sich nicht zu wundern, wenn einst die Stunde kommt, in der das Weib gleichen Schmerz mit dem mann zu tragen berufen ist, es ruhig in liebender Ergebung zu finden, wo der Mann gegen das Schicksal tobt, so lange er die Möglichkeit begreift, ein besseres los zu ertrotzen.
Das Letztere war denn auch Eduard's Fall, der nicht allein die Geliebte verlor, sondern der aufs Neue glaubte eine Unbill rächen zu müssen, die man an ihm, an seinem Volk begangen. Er hasste in der ersten leidenschaft des Schmerzes die Welt, die noch immer in stumpfer Gefühllosigkeit Recht und Wahrheit verhöhnte. Seine Phantasie erschrak vor keiner noch so gewaltsamen Massregel, welche ihn zum Besitz der Geliebten, zur Erlangung seines guten Rechtes führen konnte. Dann, als der erste Sturm vorüber war, las er Clara's Brief aufs Neue und verstand die Schönheit einer Seele, die so zu entsagen vermochte. Er konnte die Zeit nicht erwarten, in der es ihm vergönnt sein würde, sie wiederzusehen, und durfte doch nicht wagen, den ersehnten Augenblick herbeizuführen, ehe sie ihn dazu berechtigte. Sein Herz war noch tief erschüttert, als sein Geist schon wieder zu seiner klarheit gelangte und sich an einem Gedanken mächtig emporrankte. Um sein Glück war es geschehen, sein Leben hatte man der reinsten Freuden beraubt; darum fühlte er den Mut, Alles von sich zu werfen, sein Vaterland, seine Aussichten für die Zukunft, selbst seine Freiheit, wenn es sein musste, um damit das einzige zu erkaufen, das noch Wert für ihn hatte: die bürgerliche Gleichstellung seines Volkes. Diese idee gab ihm die nötige Kraft, noch an demselben Tage vor seinem Vater zu erscheinen und ihm zu verkünden, er habe das Spiel verloren, auf das er alle seine Hoffnungen gesetzt.
Der Vater war bewegt. Auch ihn traf der Schlag doppelt, in seinem Sohne und in seinem volk, obgleich ihm das Gelingen dieser Angelegenheit höchst zweifelhaft gewesen war, aber