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, trotz der Dunkelheit, nach seinen Fenstern geblicktim nächsten Moment war er an ihrer Seite.

Wo kommst Du her, Nachtwandler? fragte Jenny scherzend. Du hast mich förmlich erschreckt, als Du so plötzlich hervortratest; und auch die arme Clara fuhr zusammen. Wo warst Du denn bis jetzt?

In meinem Zimmer, antwortete er.

Da war es dunkel, als wir vorübergingen, bemerkte Reinhard verwundert, und Deine Eltern wähnten Dich ausser dem haus.

Das war ein Irrtum! erwiderte er, ebenso zerstreut und tonlos, als er die erste Antwort gegeben.

Höre, Eduard! rief Jenny, um nur irgend etwas zu sagen, weil sie nicht wusste, was die Stimmung ihres Bruders, die sie beunruhigte, bedeute, wenn Du nur gekommen bist, uns zu erschrecken, so hättest Du fortbleiben sollen. Gustav war so gut, so lieb; Du hast uns um die schönste Erzählung aus seinen frühern Jahren gebracht, die ich nicht aufgeben will, und ich gehe mit Gustav fort, wenn Du nicht heiterer sein kannst.

So geht, ihr Lieben! sagte er, und lehnte sich tiefaufatmend an den dicken Stamm einer mächtigen Kastanie, deren junge Blätter leise unter der Berührung der Nachtluft zitterten.

Unentschlossen standen Alle einen Augenblick einander gegenüber; dann führte Reinhard Jenny einen Augenblick mit sich fort und bot Clara den andern Arm. War es nur Täuschung, oder hatte Eduard wirklich seine Hand bittend gegen Clara bewegt? – aber das Brautpaar war bereits einige Schritte fort, und Clara stand noch in scheuer Entfernung allein vor Eduard. Sie hatte die hände ängstlich über die Brust gefaltet, trat ihm näher und fragte mit sanfter Bitte: Sie kommen nicht mit uns?

Der Ton dieser süssen stimme, das war mehr, als Eduard ertragen konnte. Clara! Clara! rief er mit einer Leidenschaftlichkeit, in der das ganze Leiden der letzten Stunden sich zusammendrängte, und riss das junge Mädchen gewaltsam an seine Brust, das sich an ihn lehnte, als ob sie an seinem Herzen Schutz gegen ihn selbst erwartete. Wie nach langer drückender Hitze die schwarzen Wolken sich in grossen einzelnen Tropfen entladen, so fielen aus Eduard's Augen heisse schwere Tränen auf die Stirn Clara's und auch sie weinte still.

Warum weinen wir denn, fragte sie endlich, wenn ich mit Ihnen bin?

Weil ich Dich verloren habe, antwortete er gepresst, weil ich über Dein geliebtes Haupt den Fluch heraufbeschworen, der mich verfolgt. Auf dies geliebte Haupt, sagte er, es in seinen Händen haltend und mit der Zärtlichkeit eines Vaters küssend, auf das ich alles höchste Glück herab zu rufen dachte.

Sie hing sich fester an seine Brust, und er fühlte, wie sie zitterte; aber kein selbstsüchtiger Gedanke kam in ihre reine Seele, nur der Kummer des Geliebten war es, den sie zuerst empfand. Armer Eduard! seufzte sie, und ich wagte, fröhlich zu hoffen, während Sie litten, ich hoffte ......

Liebste! Dein Wagen ist da! rief Jenny's stimme und schreckte Clara empor von Eduard's Brust, der ihr seinen Arm reichte; und sie hatte dieses Beistandes nötig, um sich aufrecht zu erhalten. Ohne ein Wort der Entschuldigung oder des Abschiedes, geleitete Eduard sie an Reinhard und an der Schwester vorüber zu ihrem Wagen, drückte einen langen Kuss auf ihre Hand, und ging dann schnell in sein Zimmer zurück, dessen Fenster er verschloss.

Die Verlobten sahen ihnen erschrocken und verstehend nach. Auch sie schritten dem haus zu. Die Armen, klagte Jenny, und Reinhard zog sie näher an sich, wie wenn er sich vor ähnlichem Scheiden bewahren wollte. Arm in Arm langten sie bei Jenny's Eltern an. Sie entschuldigten mit einem Vorgeben Clara's Fortfahren ohne Abschied; Eduard's wurde gar nicht erwähnt. Bald darauf trennten sich auch die Uebrigen, Reinhard und Jenny mit schwerem Herzen, und erst, nachdem sie sich durch einen nochmaligen gang nach dem Garten überzeugt hatten, dass Eduard zu haus sei. Sie sahen ihn durch die Vorhänge an seinem Schreibtisch sitzen.

Er schrieb an Clara. Sein Brief an die Geliebte lautete also:

Jene Stunde, die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte, ist herangekommen und zur Trennungsstunde für uns gewordendas höchste Glück, das Bewusstsein, Ihre Liebe zu besitzen, wird zum Schmerz, denn auch auf Sie fällt die Pein des Scheidens. – Zürnen Sie mir um deshalb nicht. Mehr, als mein eigener Schmerz, peinigt mich der Gedanke, dass Sie mit mir leiden, dass meine Liebe Sie nicht zu schützen, nicht zu beglücken vermag. Ich könnte eine Welt hassen, in der Herzen, die zusammen gehören, getrennt werden, weil das Eine so, das Andere anders zu seinem Schöpfer betet, der Beide für einander erschuf, der sie, wie uns, zusammenführte. Jahrtausende hat der Fluch über meinem volk geschwebt, nun hat er auch mich getroffen. Ich wähnte, es sei an der Zeit frei zu werden von jenen Fesseln, die blinder Pfaffenglaube der ganzen Menschheit angelegt. Ich hatte Dich gesehen, ich liebte Dich, und ich hoffte, Du solltest die Aurora werden, welche ein neues Morgenrot der Aufklärung für unser ganzes Land verkündete. Denn nicht allein den Juden trifft der Wahnwitz dieses Hasses, er schlägt in gerechtem Undank selbst die Mutter, die ihn erzeugt. Auch Du! die Christin! leidest