. Für einige Tage hielten diese Vorstellungen vor, dann aber bedurfte es nur eines Wortes, das irgend Jemand arglos aussprach, und das eine andere Deutung zuliess, um ihn aufs Neue mit dem finstersten Unmut zu erfüllen. Es bewährte sich auch an ihm, dass Niemand uns so tödtlich zu verletzen, so unablässig zu peinigen vermag, als wir selbst, weil Niemand so genau die wunde Stelle unserer Seele kennt und sie in jedem Augenblick so tief und sicher zu treffen weiss als eben wir. Darum sollte man sich vor keinem Feinde so sehr hüten, als vor seinen eigenen Schwächen und Phantasien, mögen sie noch so nahe mit der Tugend verwandt sein! Jedem Feinde tritt man mit Härte, mit aller Macht des Geistes entgegen, und eine Art von Schadenfreude nebst der Lust am Siege sind uns vortreffliche Hülfstruppen gegen den Feind ausser uns. Wer hat aber Selbstbeherrschung genug, mit offenen ehrlichen Waffen gegen sich selbst zu kämpfen? Wen freut es, über ein verhätscheltes Kind des eigenen Wesens zu siegen, das wir doch immer lieben, eben wie ein Vater sein Kind, wenngleich er nicht blind für dessen Fehler ist?
Dennoch hatte sich äusserlich nach jener Unterredung des Vaters mit Reinhard das gute Vernehmen zwischen allen Teilen wieder hergestellt, und Herr Meier konnte seiner Frau die Versicherung geben, dass für Jenny's Zukunft in Bezug auf die gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens nichts zu befürchten sei.
Eine andere Angelegenheit aber verursachte ihm immer lebhaftere Besorgniss: Eduard's tiefer Kummer nämlich, den dieser vergebens unter der Maske ruhigen Ernstes zu verbergen strebte und dessen Grund der Vater nicht erst zu erraten brauchte. Nachdem er also mit Reinhard geordnet hatte, was ihm für Jenny's Zukunft unerlässlich schien, liess er Eduard eines Tages zu sich rufen.
Der Verkehr zwischen Vater und Sohn war immer einfach gewesen, und auch jetzt machte der Vater keine besondere Einleitung. Ich habe ein ernstes Wort mit Dir zu reden, sagte er, als sie allein beisammen waren, und ich habe nicht erst nötig, Dir den Gegenstand zu nennen. Ich glaubte mit Recht erwarten zu dürfen, dass Du mir aus einem verhältnis kein geheimnis machen würdest, welches Dich seit lange schon beschäftigt. Du kannst nicht leugnen, dass Du eine Liebe für fräulein Horn empfindest.
Auch möchte ich das nimmer, fiel Eduard lebhaft ein.
So beantworte mir ehrlich die Eine Frage, wohin soll das führen? – Bist Du entschlossen, Christ zu werden? fragte er, da Eduard schwieg.
Um keinen Preis, erwiderte Eduard fest, selbst um den Besitz des Mädchens nicht! Er war bewegt und kämpfte die Bewegung nieder. Dann sagte er nach einer Weile: Es ist wahr, ich liebe sie, und um sie zu erlangen, sie mein zu nennen, soll kein Mittel unversucht bleiben. Ihres Herzens bin ich gewiss, obgleich nie ein Wort von Liebe unsere Lippen berührt hat; und nicht aus Misstrauen schwieg ich gegen Dich, sondern weil an dem Tage, an dem ich Dir Clara als meine Braut vorzustellen hoffte, ich Dir einen doppelten Sieg zu verkünden wünschte.
Der wäre? fragte der Vater.
In keinem Gesetz des Landes ist die Ehe zwischen Christen und Juden verboten, obgleich sie nicht gebräuchlich bei uns ist. Ich habe um die erlaubnis zu solcher Ehe nachgesucht, mich darauf stützend, dass in Dänemark und Holland, die ebenfalls streng protestantische Länder sind, solche Verbindung stattaft ist. Wenn es mir nun gelingt, diese erlaubnis zu erlangen, wenn ich, indem ich mir die Geliebte gewinne, zugleich einen Schritt vorwärts gegen das Ziel mache, das wir erstreben, dann wollte ich vor Dich hintreten und Dir die erkämpfte Braut als Tochter zuführen.
Und wenn Du diese erlaubnis nicht erhältst? fragte der Vater; und da der Sohn darauf nicht antwortete, fügte Jener mit gerechtem Bedenken hinzu: Dann hast Du, auf eine höchst zweifelhafte Aussicht hin, die Ruhe, vielleicht das Glück eines Mädchens zerstört, das zu edel von Dir dachte, um zu glauben, Du würdest unvorsichtig Hoffnungen in ihr erregen, die zu erfüllen Dir unmöglich ist. Sage mir nicht, Du hättest Clara Deine Liebe nicht gestanden. Das sind Entschuldigungen, die kein ehrlicher Mann sich machen darf. Sie kennt Deine Liebe; sie erwiedert sie; das wissen wir Alle, Clara's Eltern vielleicht ausgenommen. Dass Du um Clara's Liebe geworben, und das hast Du; verzeih mir, mein Sohn, das war keine gute Tat, das war ein schweres Unrecht, sobald Du entschlossen warst, nicht Christ zu werden.
Eduard fuhr auf, nahm sich aber zusammen und sagte ruhig: Unrecht wäre es vielleicht gewesen, wenn ich nicht mit aller Kraft gegen diese Neigung gerungen hätte; wenn ich sie nicht auf jede Weise vor Clara zu verbergen gesucht und nicht ihr selbst immer die Hindernisse, die uns trennen, vorgehalten hätte. Clara weiss, dass wir nicht viel zu hoffen haben.
Wozu nützt ihr dieses Wissen? fragte der Vater. Rechnet sie darum weniger auf die Erfüllung Eurer gemeinschaftlichen Wünsche? Und geschah es auch, um ihr jede Hoffnung zu rauben, dass Du sie in unser Haus geführt hast? Glaubst Du, Jenny's bevorstehende Taufe werde ihr nicht den Mut geben, auch von Dir das Nämliche zu erwarten? Was soll Clara's Vater von mir denken, dass ich seine Tochter in mein Haus aufgenommen und mich dadurch zum Förderer und Schützer einer Liebe hergegeben habe, durch