einem Orte, den sie nicht kannte, und der, vielleicht fern von der Heimat, öde und traurig sein konnte. Sie dachte an ihr helles, sonniges Zimmer, an das Treibhaus, an all jene Behaglichkeiten des Lebens, die sie nie hochgeschätzt hatte, weil sie nicht gefürchtet, sie jemals entbehren zu müssen. Auch wäre das gar nicht nötig, wenn Reinhard nicht so wunderlich wäre, dachte sie weiter. Warum sollte sie nicht alle diese kleinen Bequemlichkeiten auch in ihrem haus haben können, da ihr Vater nur zu glücklich sein würde, ihr Alles zu gewähren, was sie wünschte? Aber Das gerade wünschte Reinhard nicht. Das erlaubte sein Stolz ihm nicht, den er ihr nicht zum Opfer bringen wollte, während sie Alles opfern sollte: Heimat, Eltern, Freunde und ihre überzeugung, und es so gern, so bereitwillig tat, um des Geliebten willen. Ertrug sie doch jetzt eben Zweifel und Furcht und Bangigkeit, und das Alles nur aus Liebe zu ihm! Wie ernst strebte sie, den Gedanken der Dreieinigkeit zu fassen um seinetwillen! Denn sie selbst, sie konnte wie bisher sehr glücklich sein auch ohne diese erkenntnis – aber ohne Reinhard nicht.
Je dunkler es wurde, um so mehr beschleunigte sie ihren Anfangs gemessenen Schritt, und langte endlich in der verzagtesten Stimmung von der Welt fast atemlos bei ihrer künftigen Schwiegermutter an. Die Pfarrerin kam ihr wie immer liebevoll entgegen, aber sie erschrak, als sie Jenny den Hut abnahm und in ihr verstörtes, bleiches Gesicht blickte. Die feuchte Abendluft hatte ihr Haar durchnässt, es fiel ungelockt über ihre Stirn und machte sie noch bleicher erscheinen, als sie ohnehin war. Grosse Tränen fielen aus ihren Augen.
Um Gottes willen, Kind! rief die Matrone, und zog sie ängstlich zum Sopha, vor dem auf einem Tische die kleine Lampe brannte, was ist geschehen? wo kommst Du her? So rede doch, bat sie dringend, da Jenny noch immer kein Wort zu sprechen vermochte, was ist Dir zugestossen?
Jetzt, da sie sich in Sicherheit fühlte, wollte Jenny sich selbst verspotten, aber es gelang ihr nicht. Aufgeregter, als sie es wusste, erzählte sie, wie sie Reinhard zu Liebe habe ohne Diener gehen wollen, wie der Abend sie überrascht und eine kindische Angst sie überfallen habe. Die Pfarrerin suchte sie freundlich zu beruhigen und redete ihr zu, künftig Versuche der Art zu unterlassen. Sie selbst wollte ihrem Sohne sagen, dass er auch im Scherze nicht solche Anforderungen machen und Dinge verlangen dürfe, an die seine Braut weder gewöhnt sei, noch sich zu gewöhnen nötig habe. Dann schob sie die Lampe in die Höhe, nötigte Jenny, sich zu ihr auf das Sopha zu setzen, stellte das Teegerät zurecht und fing, um sie zu zerstreuen, an, ihr scherzend vorzuhalten, wie es gar nicht lange dauern werde, bis Jenny im eigenen haus schalten könne.
Dann brauchst Du, armes Kind, sagte sie tröstend, nicht mehr so spät allein in Religionsstunden zu gehen, und kannst dem Bösewicht, der Dich zu dieser unzeitigen Promenade veranlasst, und der eben nach haus kommt, als wackere Hausfrau die Furcht gelegentlich vergelten, die Du heute unnötig ausgestanden hast.
Wirklich trat, noch während die Mutter also sprach, der Sohn herein und fragte ängstlich, als er, von dem plötzlichen Lichtwechsel geblendet, Jenny hinter der Lampe nicht gleich sah: Ist Jenny noch nicht hier? Ich bin ihr bis zum haus des Pastors entgegengegangen, als es dunkelte und ich sie noch nicht hier sah, weil sie heute zu Fuss und allein zu kommen versprach. Dort aber ist sie lange fort, und – –
Hier ist sie! rief Jenny, und die Pfarrerin sah mit Wohlgefallen, wie die Beiden sich entgegenflogen und des Glückes und der Freude gar kein Ende werden wollte. Dann aber schilderte sie dem Sohne, in welcher Bewegung seine Braut bei ihr angelangt war, und er versprach, künftig viel vernünftiger zu werden, und keine Kunststücke, wie die Mutter sie nannte, von dem geliebten Mädchen zu verlangen. Es will mir nur immer nicht in den Kopf, sagte er dann neckend, dass Ihr jungen Mädchen so gar verwöhnt seid. Haben doch selbst die Engel auf Erden gewandelt, warum sollte mein kleiner Engel es nicht können, so wie sie? Vergiss nicht, scherzte die Pfarrerin, dass solch ein Engel sich aufschwingen konnte, wenn ihn das Irdische zu rauh berührte, damit ist es aber jetzt vorbei; denn es geschehen leider keine Wunder mehr. Ach! sage Gott sei Dank! mein Mütterchen! rief Jenny, mich quälen die alten Wunder schon so sehr, dass ich genug an ihnen habe und nach neuen nicht begehre. Kaum aber hatte sie es gesagt, als sie das Wort bereute, denn Reinhard fragte, ob der Pastor etwa von den Wundern zu ihr gesprochen habe, und wovon überhaupt die Rede gewesen sei? Nun war das Gespräch, das sie gefürchtet hatte, kaum noch zu vermeiden, und sie erzählte ruhig alles, was der Pastor ihr über den Gegenstand gesagt hatte, ohne den Eindruck zu berühren, den es ihr gemacht. Dann, als Reinhard zu wissen verlangte, ob ihr denn nun die idee der Dreieinigkeit einleuchtend geworden, ob sie nun erfasst hätte, was ihr früher unbegreiflich gewesen sei? sagte sie: Nun, Eine Dreieinigkeit habe ich immer erkannt, die vielleicht wieder Andern unverständlich oder wenigstens nicht so in