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als wir, mehr als Mensch, aber doch nicht dem Schöpfer gleich war, zu uns, um uns zu belehren; und wenn ich an Gott glaube, und zu ihm und Christus bete, und ihnen vertraue, dann wird mir der Beistand des heiligen Geistes nicht entgehen. – Der Pfarrer schüttelte bedenklich das Haupt und sprach sehr ernst: Es mag Ihnen leichter werden, sich in diese Vorstellung hineinzudenken, als an die Verkörperung, das Menschwerden eines rein geistigen Wesens zu glauben. Und doch ist Ihre Ansicht verwerflich; denn sie ist das erste Hinneigen zur Vielgötterei. Christus ist nach ihr ein Halbgott, und es werden zwei Wesen der Verehrung hingestellt, während die christliche Religion nur Ein Urbild kennt, den Schöpfer, von dem Christus und der heilige Geist nicht zu trennen sind, denn er ist der dreieinige Gott!

Das konnte Jenny zwar denken, aber sie vermochte nicht, es als eine Wahrheit einzusehen, die eben als Wahrheit Glauben gebiete. Sie begriff die notwendigkeit dieses Glaubens nicht.

Es ist hier nicht der Ort, noch kann es unsere Absicht sein, eine Abhandlung über die christliche Religion zu geben, sondern es kommt nur darauf an, die wirkung derselben in dem Gemüte eines jungen Mädchens darzutun, das nicht von Jugend an in dem Glauben an diese heiligen Symbole erzogen war; und den Einfluss zu erzählen, den der Unterricht im Christentum auf Jenny und auf ihr Schicksal übte. Wir dürfen deshalb die mehrstündige Unterredung des Pfarrers mit Jenny übergehen und nur bemerken, dass nach manchem vergeblichen Versuche, ihr ein Bild von der Dreieinigkeit zu geben, welches sie befriedigte, der Pfarrer sie endlich anwies, die Dreieinigkeit als ein Symbol aufzufassen, an das zu glauben Gott uns durch Christus geboten habe.

Das stürzte aber Jenny auf's Neue in den alten Kampf hinein.

Sie hatte versprochen, nach dem Unterricht zu Reinhard's Mutter zu kommen, und ging, da Reinhard sie damit neckte, wenn sie sich stets der Equipage bediente, langsam und sinnend der fernen Gegend zu, in der die Pfarrerin wohnte.

Immer und immer wieder dachte sie an das Gehörte. Wenn sie sich die Gotteit unverändert und ungeteilt stark, in Gott, in Christus und dem heiligen geist dachte, so waren entweder Christus und der heilige Geist Eigenschaften Gottes, was der Pastor so nicht gedeutet haben wollte, oder sie waren Ausströmungen, Strahlen Gottes: und diese Deutung näherte sich in gewisser Art dem Panteismus, vor dem der Pfarrer und Reinhard sie oft und ernst gewarnt hatten, der zu Hochmut und Selbstanbetung führen sollte, da man nur zu geneigt wäre, den Gott in sich anzubeten und darüber den einzig wahren Gott zu vergessen. Vergebens rang sie darnach, zu einer klaren Vorstellung zu kommen, es gelang ihr nicht, und immer wieder tönte ihr das furchtbare "glaube" ins Ohr, auf das man sie verwies und das sie nicht in sich erzwingen konnte. Der Abend fing schon an hereinzubrechen und die Atmosphäre hatte jenen warmen, schwülen Duft, der in unserm Klima den ersten Tagen des beginnenden Frühlings häufig eigen ist und der Seele eine weiche melancholische Stimmung gibt. Jenny, der man früher niemals erlaubt hatte, ohne Begleitung eines Dieners die Strasse zu betreten, wollte sich, um Reinhard zu gefallen, gern von Allem entwöhnen, was der Luxus den Reichen zum Bedürfniss macht, und hatte zu haus erklärt, sie werde allein von dem haus des Pastors zu ihrer künftigen Schwiegermutter gehen.

Es war das erste Mal, dass sie den Versuch machen wollte; und als sie nun bei einbrechender Dunkelheitdenn der Unterricht hatte länger als gewöhnlich gedauertallein durch die Strassen ging, überkam sie ein Unbehagen, wie sie es nie zuvor empfunden hatte. Sie fürchtete, dass irgend einer ihrer Bekannten sie so allein umhergehen sehen könnte, und wünschte doch sehnlich, Jemandem zu begegnen, der sie beschütze, da ihr bange war unter dem Gewühl der Männer und Frauen, die jetzt um die sechste Stunde von der Arbeit heimkehrten. Wenn die Mutter wüsste, dass der Unterricht so lange gedauert hat; wenn sie wüsste, dass ich nun im Dämmerlichte, in der fernen Vorstadt ganz allein auf der Strasse bin, in der mich Niemand kennt, fern von Reinhard und so weit von haus, wie besorgt würde sie sein! so sagte sie sich; undrief es in ihrwas will dies Verlassensein bedeuten, gegen die geistige Vereinsamung, in der ich mich befinde? Durch einen Eid will ich mich in wenigen Wochen lossagen von dem Glauben meiner Väter, den ich begreife und heilig halte, und zu einer Religion übertreten, gegen welche meine überzeugung sich noch immer sträubt. Das kann Gott nicht wollen, das wäre Sünde.

Aber was konnte sie denn tun, sich zu befreien aus dieser Not? Sich Reinhard entdecken oder irgend Jemandem, hiesse Reinhard verlieren; denn nur als Christin konnte sie die Seine werden, konnte er ihr gehören. Sie erschien sich unglücklicher als jene Arbeiter, die in Dürftigkeit, aber gewiss ruhigen Geistes neben ihr herschritten. Was hatte sie verbrochen, um so schwer geprüft zu werden? Die sorglose Freudigkeit, mit der sie an Gott gedacht und das Rechte getan, hatte ihr Reinhard geraubt und sie auf Lehren hingewiesen, die ihr bis jetzt nicht die geringste Beruhigung boten und sie den qualvollsten inneren Kämpfen preisgaben. Vater und Mutter sollte sie verlassen, sich von dem Bruder, von allen Freunden trennen. Sie sollte Reinhard folgen nach