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ihren Verdruss äusserte, indem sie ihm den Caffee mit den Worten reichte: Da! Du Störenfried! trinke nur, damit Du nicht brummen kannst. – Auch Madame Meier schien unzufrieden. Der Vater fing an, die Zeitungen zu lesen, die Joseph mitgebracht hatte, und nur der Doctor plauderte noch eine Weile mit ihm fort; dann entfernten sich die drei Männer, um an ihre Geschäfte zu gehen, und nur Mutter und Tochter blieben zurück.

Joseph wird doch von Tag zu Tag unerträglicher, sagte die Letztere, er wird immer finsterer, immer abstossender, und ich freue mich auf kein fest, auf nichts mehr, sobald er dabei ist, weil ich weiss, dass er mir jede Freude stört.

Und doch glaube ich, wandte die Mutter ein, dass es kaum ein reicheres, edleres Herz gibt, als das seine. Ich wüsste Niemand, der so freudig Alles für seine Geliebten zu opfern bereit wäre, Niemand, der es mit mehr Anspruchslosigkeit täte als er. Auch achten wir Alle ihn von Herzen, haben ihn sehr lieb, und es tut mir leid, dass Du Dich nicht in seine Eigenheiten schicken kannst.

Können? mein Gott! können würde ich es schon, aber ich will es gar nicht.

Das ist es eben, was mich betrübt, mein Kind! – Dies ewige ich will und ich will nicht, dies unfügsame in Deinem Wesen, das ist es, was mich über Dich besorgt macht. Als Du geboren wurdest, und ich Dich auf meinem Schoosse heranwachsen sah, habe ich oft zu Gott gebetet, er möge alles Unheil von Dir abwenden. Bisher ist mein Gebet auf fast wunderbare Weise erhört worden, und doch sehe ich es mit Schmerz, dass wir Menschen Gott eigentlich um nichts bitten dürfen, weil wir nicht wissen, was uns frommt.

So hättest Du mir also lieber Unglück wünschen sollen? fragte die Tochter lächelnd.

Zu Deinem wahren Heile wäre es vielleicht besser gewesen. Ich schloss von meinem Herzen auf das Deine, und darin irrte ich. In Dir ist der Charakter Deines Vaters, der feste, starke Sinn, und Eduards Einfluss hat diese Charakter-Richtung in Dir noch mehr ausgebildet. Vom Glück verzogen, von uns Allen mit der nachgiebigsten Liebe behandelt, hast Du es nie gelernt, Dich in den Willen eines Andern zu fügen; was man an Dir als Eigensinn hätte tadeln sollen, das haben Vater und Bruder als Charakterfestigkeit gelobt, und ich begreife, dass Dir Joseph zuwider ist, weil er allein Dir entschieden und mit Nachdruck entgegentritt. Trotzdem weiss ich, dass er Dich mehr liebt, als Viele, die Dir schmeicheln. Bei den Worten reichte die milde Frau der Tochter die Hand. Diese nahm sie, drückte einen Kuss darauf, und sass eine Weile schweigend bei ihrer Arbeit.

Man sah es ihrem lieblichen gesicht an, dass irgend ein Entschluss, ein Gedanke sie beschäftigte; auch legte sie plötzlich die Arbeit bei Seite, sah ganz ruhig die Mutter an und sagte mit einer stimme, der man nicht das Geringste von der Bewegung anmerkte, die ihre Züge verrieten: Mutter! den Joseph heirate ich niemals. Niemals, Mutter! – Sage ihm das, und auch dem Vater. Ich weiss, dass Ihr es wünschet, dass Joseph es erwartet und mich nur erzieht, um eine gute Frau an mir zu haben; die Mühe aber kann er sparen. Sieh, fuhr sie fort, und ihre Fassung verlor sich mehr und mehr, so dass sie zuletzt bitterlich weinte, sieh, gute Mutter! was Dein Beispiel, Deine Geduld, und Vater und Eduard, die ich so lieb habe, nicht über mich vermochten, das kann Joseph, den ich gar nicht liebe, gewiss nicht von mir erlangen. Ihr sagt oft, ich sei noch ein Kind, ich werde erst in einigen Wochen siebzehn Jahre, aber solch ein Kind bin ich nicht mehr, dass des Cousins rauhe, befehlende Art mich nicht verletzte. Andere haben mich auch getadelt, aber sie verlangen nicht das Unmögliche von mir. Dort die grosse, hohe Pappel im Garten biegt der Wind hin und her, und meinen kleinen, stacheligen Cactus hat er gestern mitten durchgebrochen, weil er sich nicht beugen konnte. So ist mein Herz! Es mag Euch starr, rauh und hässlich erscheinen, aber es kann, so hoffe ich, Blüten tragen, die Euch freuen. Man kann mein Herz brechen, aber es niemals zu schwächlichem Nachgeben, zu schwankender Gesinnung überredenund das schwöre ich Dir, lieber will ich sterben, als Joseph's Frau werden.

laut schluchzend warf sie sich vor die Mutter nieder und barg das Gesicht in ihren Schooss. Erschreckt über so viel unerwartete Leidenschaftlichkeit schlang die besorgte Mutter die arme um das geliebte Kind und versuchte auf alle Weise es zu beruhigen. Sie versicherte Jenny, dass sie allerdings glaube, der Vater würde ihre Verbindung mit Joseph gern sehen, doch sei es ihm nie in den Sinn gekommen, jemals ihrer Neigung Zwang anzutun. Sie solle selbst über ihre Zukunft entscheiden; sie wisse ja, dass die Eltern keinen andern Wunsch hätten, als das Glück ihrer Kinderaber Alles war vergeblich. Jenny konnte nicht zur Ruhe kommen, und die Mutter sah an der Leidenschaftlichkeit, die so plötzlich, so anscheinend grundlos hervorgebrochen war, dass wohl schon lange ein andres stilles Feuer in Jenny's Seele geglüht haben mochte. Wer dieses Feuer